Wirtschaftlicher Widerspruch: Lebensmittelzentrum trotz Abstrichen bei Ackerland

Landwirtschaftsinvestitionen im Konkurrenzkampf mit den Immobilienhaien

Donnerstag, 14. Juni 2012

Das alte Schlachthaus in Temeswar sollte zur Mall werden. Zunächst scheiterte das Projekt an hohen Denkmalschutzauflagen, dann kam möglicherweise die Wirtschaftskrise hinzu.

„Es geht uns darum, Investoren heranzuziehen und vor Ort ein ökonomisches Klima zu sichern, um die Wirtschaft in den kommenden Jahren zu entwickeln“, so Chiţoiu. Der Minister wies auf die Tatsache hin, dass Temeswar als Universitätsstadt die fachlichen Ressourcen zur Gründung von Entwicklungspolen habe. Chiţoiu verspricht finanzielle Erleichterungen für Investoren innerhalb des F&E-Entwicklungspols; die Kommunen sollen dazu Grundstücke, Gebäude und Energieanschlüsse sichern. Außerdem würde dadurch eine Verbindung zwischen Firmen und Hochschulen gesichert, sagt der Minister. Was das gehobene landwirtschaftliche Potenzial des Banats angeht, glaubt Wirtschaftsminister Chi]oiu nicht, dass die Nutzung von Getreide voll ausgelastet sei. Für diesen Entwicklungspol erwartet der Minister, dass die Kommunalverwaltungen Grundstücke, Verkehrsinfrastruktur und die notwendigen Anschlüsse sichern werden. Das Wirtschaftsministerium, die Agentur für KMU und der Garantiefonds sollen seiner Meinung nach die Firmen unterstützen, die innerhalb des Pols investieren.

Immer weniger (unbebautes) Ackerland

Ein kurzfristig gutes Investitionsklima verspricht Wirtschaftsminister Daniel Chiţoiu. Er rechnet im 2. Halbjahr 2012 mit einem Wirtschaftswachstum von 1,5 - 1,7 Prozent. Die in der Wirtschaftskrise vorgenommenen Einkommensreduzierungen hätten letztendlich hemmende Wirkung auf die Wirtschaft gehabt, sagte der Minister. Die Landwirtschaft, das Forstwesen und die Fischerei haben im 1. Trimester 2012 gegenüber gleicher Zeitspanne des Vorjahres das größte Umsatzvolumen  erreicht. Mit seinen 4,2 Prozent lag dieser Bereich über der Informations- und Kommunikationssparte, die ein Plus von 2,6 Prozent erreichte. Im Verwaltungskreis Temesch sind die unbebauten landwirtschaftlichen Nutzflächen von 102.000 Hektar (im Jahr 2010) auf 67.000 Hektar im vergangenen Jahr zurückgegangen. „Für unbearbeitete Flächen haben wird keine Geldstrafen verhängt“, sagt Tiberiu Lelescu, Direktor des Temescher Landwirtschaftsamtes.  Die landwirtschaftliche Nutzfläche des Kreises liegt bei nahezu 800.000 Hektar, der Hektarpreis beträgt durchschnittliche 1.800 Euro. Landwirte und Experten sehen Bauern auch in den kommenden Jahren gezwungen, ihre Grundstücke zu geringen Preisen abzugeben, weil ausländische Investoren nicht nur darauf spekulieren, dass der rumänische Landwirt weder Wissen noch Technologie für moderne intensive Landwirtschaft hat. Es fehlen dazu auch noch die Arbeitskräfte, die heute meist besser bezahlte Arbeitsplätze im Ausland annehmen – auch wenn es nur Saisonarbeit sein sollte.

Einkaufs- statt Heuwagen

Zwar soll und müsse die Nahrungsmittelproduktion in den kommenden vier Jahrzehnten um 70 Prozent steigen, um die Nachfrage zu decken, doch weiterhin unbebaute Felder und Umwidmung von Ackerflächen in Baugrund reduzieren das zukünftige Potenzial Rumäniens und nicht zuletzt auch jenes des Verwaltungskreises Temesch, wo es laut Aussagen ausländischer Landwirte „einen hervorragenden Ackerboden“ gäbe. Zerstückelte Flächen, schlecht ausgestattete Bauern und deshalb auch geringe Produktivität ermöglichen Investoren die Hektarpreise zu drücken. Bei diesen Preisen ist es für Investoren ein Einfaches, Grundstücke zu kaufen, um diese danach in Baugrund umzuwandeln, sagen Analytiker. Allein im Jahr 2011 wurden 800 Hektar Ackerland im Kreis Temesch umgewidmet. Immobilienprojekte, aber vor allem Malls, Hyper- und Supermärkte gelten als besonders gewinnbringend. Im Kreis Temesch gibt es zunehmend neue Supermarkets, die auch in den Nachbarortschaften der Kreishauptstadt entstanden. So wurde vor Kurzem ein neuer Lidl-Supermarkt eröffnet, Real, Kaufland, Auchan und Billa gibt es auf dem gesamten Stadtgebiet. Zwar galt die Temeswarer Iulius-Mall als eine der ersten dieser Art in Rumänien, doch die führende Rolle behielt Temeswar nicht inne. Als Mall wird gelegentlich auch das Bega-Shopping-Center bezeichnet, der Altbau, in dem es untergebracht ist, schmälert jedoch sein Ansehen und das Potenzial seiner Handelsflächen. Der Kreis Temesch gehört zusammen mit Hermanstadt/Sibiu, Kronstadt/Braşov und Argeş zu denen, die in Hinsicht Mall-Errichtung im Hintertreffen stehen. Immobilienentwickler behaupten, bei einem Pro-Kopf-BIP von mehr als 6.000 Euro sei ausreichend Kaufkraft gegeben, um weitere Malls zu fördern. Fakten zeigen jedoch auf, dass Schnellimbisse und Supermärkte und zum Teil Cafés den Renner in der Temeswarer Mall machen und viele andere Läden eher als Imagefaktor dienen – zu solchen Erkenntnissen braucht man keineswegs Statistiken. Moderne Handelszentren vom Typ Mall gibt es jedoch viel mehr in Kreisen wie Jassy, Suceava, Arad oder Bihor, obwohl die Kaufkraft in diesen Regionen gesunkener ist. Gesagt sei, dass angeblich durch die Wirtschafts- und Finanzkrise in den Kreisen Temesch, Hermannstadt, Kronstadt und Argeş Mall-Projekte in Höhe von 1,7 Milliarden Euro auf Eis gelegt wurden.

Rumänien belegt Platz acht unter 34 von Cushman&Wakefield analysierten Ländern, was die Übergabe moderner Handelsflächen in der Zeitspanne 2012/2013 betrifft. In Europa sollen Malls mit einer Nutzfläche von insgesamt 10,9 Millionen Quadratmetern fertiggestellt werden, für Rumänien sind 400.000 Quadratmeter geplant. Europas Marktführer, was die Mall-Fertigstellung bis Ende 2013 angeht, ist Russland mit fast einem Viertel der Gesamtfläche.

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