Wissenschaftler und Künstler zugleich

ADZ-Gespräch mit Dr. Horaţiu Gabriel Decuble, Leiter des Germanistiklehrstuhls an der Universität Bukarest

Mittwoch, 26. Februar 2014

Vom Lehren zum Schreiben, von wissenschaftlichen Studien zu literarischen Experimenten, vom Musizieren zum Übersetzen: Horaţiu Gabriel Decuble bewegt sich sicher in mehreren Bereichen, die an Germanistik mehr oder weniger angrenzen. Die lebhaften Interessen des in Bukarest ansässigen Universitätslehrers umfassen eine breite Vielfalt von Fachrichtungen. Hinter den Mediävistik-Veröffentlichungen, zahlreichen Publikationen mit religiöser oder philosophischer Thematik und Buchübersetzungen steckt offensichtlich ein Künstler, der das Leben schöpferisch verarbeitet. Das Gespräch mit Horaţiu Gabriel Decuble führte ADZ-Redakteurin Aida Ivan.

Herr Decuble, Sie sind Leiter des Germanistiklehrstuhls an der Universität Bukarest, wo Sie auch lehren, Sie haben verschiedene Studien und Anthologien veröffentlicht, Bücher übersetzt und sind auch literarisch aktiv. Wie können Sie all das unter einen Hut bringen?

Der Mensch kann einem Orgelregister ähneln und doch kein verworrenes Bündel Röhren darstellen. In meiner Sicht ist die menschliche Persönlichkeit ein System der kommunizierenden, zueinander parallelen Röhren, und in der Tiefe ist alles miteinander verbunden. Alle diese Funktionen, die Sie nennen, sind sozial verbürgt und als Ganzes vertretbar. Als Germanist ist man zunächst einmal ein eminenter Leser, und zum eminenten Leser wird man erst, nachdem man viel übersetzt hat, während der gute literarische Übersetzer auch selber einmal geschrieben haben muss, damit er kongenial übersetzen kann, wobei ein so komplizierter Satz wie dieser, der sich gerade in meinem Kopf abzeichnet, wiederum nur von einem Theoretiker hätte formuliert werden können. In all diesen Angelegenheiten arbeitet man mit Texten, und die Textmetapher kann meine Situation am zutreffendsten beschreiben. Ich lebe mitten in einem Text, in einem sozialen Gewebe – denn Text bedeutet Gewebe –, und ich tue mein Bestes, damit ich die unsichtbaren Drähte zu Verstorbenen, Zeitgenossen und Nachkommen nicht verkenne.Aber Sie haben mich zunächst als Leiter des Bukarester Germanistiklehrstuhls angesprochen.

Unter allen genannten Funktionen verschafft diese auch das leichtfüßigste Sozialprestige – es geht, wie es kommt. Hierzu muss gesagt werden, dass der Lehrstuhl infolge der Universitätsreform 2011 zum Department für Germanische Sprachen und Literaturen geworden ist. Eine so komplexe Struktur bedarf des inneren Zusammenhalts, und ein einziger Mensch kann das nicht bewerkstelligen. Das Department bringt Literaturwissenschaftler wie Ioana Crăciun-Fischer oder Mariana Lăzărescu, Linguisten wie Ioan Lăzărescu oder Ruxandra Cosma, eine international akkreditierte Didaktikerin wie Marianne Koch, einen Niederlandisten wie Gheorghe Nicolaescu und eine Skandinavistin wie Carmen Vioreanu zusammen und kann insofern als eine organisch gewachsene Struktur angesehen werden. Das hält uns zusammen. Mehr noch: Der Vorsitzende der rumänischen Germanistengesellschaft (GGR), der emeritierte Professor George Guţu, ist immer noch bei uns tätig, gibt mit großem Engagement und Erfolg die wissenschaftlichen Publikationen der GGR weiterhin heraus, sodass man sagen kann, dass der Grundstein unserer Entwicklung kein anderer ist als die Kontinuität.

Hinzu kommt, dass wir sehr gute Kontakte mit dem akademischen und kulturellen Umfeld pflegen. Im Jahre 2012 hat uns die exzellente Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut Bukarest, um nur ein Beispiel zu nennen, eine Lehrmittelspende im Wert von über 3000 Euro zuteil werden lassen, die unsere didaktische Leistungsfähigkeit deutlich erhöht hat. Fazit: Verträgt man sich gut mit den Menschen, so kann man vieles unter einen Schirm bringen. Eigentlich kann man im Leben genauso viele Berufe ausüben, wie viele Freunde man hat, denn jede einzelne Freundschaft ist ein Beruf an sich.

Bevorzugen Sie eine Ihrer Tätigkeiten? Sie sind Doktor der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg und haben inzwischen mehrere Lyrikbände veröffentlicht. Ihr neuester Gedichtband ist unlängst im Verlag Cartea Româneasca erschienen. Sehen Sie sich als Dichter oder eher als Wissenschaftler?

Ich könnte sagen, ich sei ein „wissensdichter Wissensdichter”, aber ich würde damit nichts anderes tun, als mich vielleicht ungebührlich an den Charme der deutschen Sprache zu kuscheln. Dem ziehe ich aber vor, mich ganz hinter meinen Namen zurückzuziehen. Weder Dichter, noch Wissenschaftler, ich bin, wer ich bin, und auf meiner Visitenkarte steht nur mein Name, kein Doktortitel, keine Funktion, wobei das keineswegs bedeutet, dass ich der Albert-Ludwigs-Universität gegenüber undankbar bin. Die Studienzeit als Doktorand bedeutete unter anderem die kluge institutionelle Unterstützung durch die Freiburger Universität bzw. durch den DAAD und die Konrad-Adenauer-Stiftung, ferner die Chance, die Bekanntschaft von wunderbaren Menschen wie Elsa Lüder, Volker Schupp und Paul Miron zu machen. Ja, wir sind, wer wir sind, aber immer nur dank des uns lebenslang prägenden oder auch nur heilig-diskreten Zutuns unserer Mitmenschen.

Wie sieht Ihr Alltag aus? Haben Sie einen geplanten Tagesablauf? Oder sind Sie manchmal auch launisch?

Launisch zu sein kann ich mir nicht leisten, tagträumerisch vielleicht ab und an, aber launisch oder müßig gewiss nicht. Wenn mein Tagesablauf nicht etwa von anderen Instanzen – Dekanat, Rektorat, Stundenplan usw. – diktiert wird, so schlüpfe ich in die Haut desjenigen, der durch den Alltag sich frei bewegen darf. Dabei wird alles plausibel in meinem Arbeitszimmer: Übersetzen und Gitarrespielen zugleich, Schreiben und Malen in einem – man hat ja schließlich zwei Hände –, Philosophie und Bauch-Beine-Po-Übungen. Zettel und Zettelchen häufen sich zu Berge auf dem Tisch, an der Wand, links und rechts, sodass ein Außenstehender befinden würde: ein Chaos ohnegleichen. Ich aber meine: Ordnung pur. Zu dieser Ordnung gehören selbstredend Dinge, die ich mir gerne verbiete. Ich sehe beispielsweise niemals fern. Trotzdem besitze ich einen Fernseher, dessen Funktion es ist, dem Einsamen Gesellschaft zu leisten. Höre ich im Hintergrund ein bisschen schlechtes Rumänisch, so sind meine Batterien schon wieder aufgeladen. Aber da Sie gefragt haben: Die Laune ist das Alibi der Geldsäcke, und Geldsäcke sind schlichtweg dumm. Sie täuschen schlechte Laune vor, damit sie nichts weggeben. Übrigens sind Geldsäcke und reiche Leute nicht zu verwechseln, denn das Sammeln von materiellen Werten verdummt einen, während nur das Teilhaben am „großen Tausch“ adelt. Mit diesem Ausdruck will ich jenes unsichtbare, uns verbindende Wertenetzwerk umschreiben, ohne welches die Menschenwelt nicht existieren könnte: Zugänglichkeit, Pünktlichkeit, Verlässlichkeit, Ehrlichkeit usw. – lauter Werte des symbolischen Tauschs, um welche wir wertorienterten Menschen kreisen.

Wieso haben Sie sich für Germanistik entschieden?

Germanistik war mir ursprünglich nur Mittel zum Zweck, und der Zweck war die Philosophie. Man kann ja bekanntlich keine große Philosophie ohne die Beherrschung der begriffsbildenden Sprache par excellence, des Deutschen also, betreiben. Folglich begann ich in meinem ersten Studienjahr an der Universität Iaşi, Deutsch zu lernen. Das war, ist und wird ein mühsamer Weg sein, ein Weg ohne Ende, ohne ein vorzeitiges Ende. Ich lehre und lerne zugleich, und die Studierenden mögen das. Ich habe kein Problem damit zuzugeben, dass ich eine Vokabel nicht kenne. Das passiert zwar immer seltener, aber immer noch. Es sind auch nur bloße Vokabeln, weder die Sprachkompetenz noch die Performanz derselben werden dabei infrage gestellt, denn wer kennt schon alle Wörter der Welt? Aber manchmal sind die dazugelernten Wörter so schön, man nimmt sie nach Hause mit. So entsteht der aktive Wortschatz. Man redupliziert nicht etwa eine starre Welt, sondern die Welt entsteht immer neu um uns Lernende. Das unterscheidet gerade den mimetischen von dem innovativen Unterricht, und ich bin ein überzeugter Fürsprecher des letzteren. Damit hat die „klassische” Germanistik wenig zu tun, und ich kann mich heute im Zeitalter der Interdisziplinarität nicht mehr als Germanist bezeichnen. Die Germanistik war nur ein Sprungbrett, ein gutes. Aber meine jüngsten Veröffentlichungen in deutscher Sprache sind im Bereich der Philosophie bzw. der Religionswissenschaft. Das hat weniger mit Germanistik als vielmehr mit Deutsch als Wissenschaftssprache zu tun. Darin sehe ich ein Potenzial, auf welches die Zukunftsgermanistik sich vorrangig besinnen müsste.

Schreiben Sie nur Gedichte? Wo finden Sie Ihre Inspirationsquellen? Haben Sie versucht, auch auf Deutsch zu schreiben?

Mitunter ist die Lyrik für mich eine verlassene Baustelle. Auf Rumänisch schreibe ich zwar nach wie vor Verse, Langverse mit Halbzeilern und Zäsur nach gutem mittelalterlichem Muster, doch handelt es sich um narrative Verse, genauer genommen um ein episches Poem, „Antropografia“, das 33.333 Verse enthalten wird. Bisher liegen davon nur 1878 Verse vor, etwa so viel wie in einem eigenständigen Gedichtbuch, und die Frage wäre, wem das ganze Unternehmen wohl nützte. Vermutlich niemandem, aber das Unnützliche – daran ist das Noble und Geschmackvolle dabei. Auf Deutsch habe ich Gedichte geschrieben, einige sind in der Berliner Anthologie 2010 erschienen, und eines Tages werde ich mit Sicherheit auch einen deutschsprachigen Gedichtband veröffentlichen. Allein ich finde vorübergehend die Prosa viel faszinierender. Im März wird mein erster Roman „Du hast nichts erlebt“ (Originaltitel: „Tu n-ai trăit nimic“) im Verlag Cartea Românească erscheinen, und es bleibt nicht dabei, ich arbeite weiter an anderen Projekten, darunter an zwei Romanen auf Deutsch. Wo nehme ich die Zeit her? Darauf ließe sich nur mit Ernst Jandls zugespitzter Formulierung antworten: „Ich schaue auf die Uhr.“ Vor allem aber beeile ich mich nicht, denn Hastigkeit frisst einem die Zukunft weg.

Wann haben Sie begonnen zu schreiben? Was für eine Rolle spielt das Schreiben für Sie? Wie verläuft der Schreibprozess?

Zu schreiben habe ich mit 13 begonnen, und es ist kein Geheimnis, dass ein ursprüngliches Trauma, ein großes, quasi halluzinogenes „Warum?“ vielen literarischen Karrieren zugrunde liegt. Das war in meinem Fall nicht anders. Insofern ist das Schreiben auch Therapie, aber wenn es dabei bliebe, wäre es wiederum nur eine Vorstufe der Literatur. Von da an muss das Schreiben zum Weg der Selbst- und Welterkenntnis werden. Das große „Warum“ wird mit einem „Wozu“ bzw. mit einem „Wie“ angereichert. Schreiben ist also für mich eine existenzielle Frage. Was das „Wann“ dieser Tätigkeit betrifft, so schreibe ich, genauso wie viele andere Autoren, immer spontan, niemals planmäßig. Einen Auftrag nehme ich ausschließlich von meinem Daimonion, der mir die Idee ins Ohr raunt, an. Das ist ein großer Luxus, ja eine Eitelkeit des modernen Menschen, dass er als Autor keinen ihm auferlegten Auftrag mehr erfüllen muss. Auf die Ursprungsidee folgt dann sozusagen eine Zeit der Inkubation – keine einzige niedergeschriebene Zeile, dafür aber ein ganzer, tagtäglich zunehmender innerer Diskurs, sozusagen die Textnegative, die auf ihre Entwicklung in der Dunkelkammer meines Daseins warten. Und wenn die Zeit reif ist, dann bricht’s durch, dann bringe ich das Ganze in nur ein paar Tagen aufs Papier oder neulich aufs weiße Pixelblatt. Das kann ja unter Umständen Mordsarbeit bedeuten, doch mögen die Arbeitsnächte noch so schlaflos sein, am Ende ist die Erschöpfung um so süßer.

Kommentare zu diesem Artikel

MIHAI - LUCIAN, 21.04 2016, 10:51
Ein interessantes Artikel aus der deustchen Zeitung.

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