Wo die Leckereien stecken

Insidertipps: Was Hermannstadt kulinarisch zu bieten hat

Sonntag, 02. April 2017

Die Gastronomie eines Volkes prägt nicht unwesentlich auch seine Kultur und Zivilisation, nicht umsonst heißt es auch „Du bist was du isst“. Egal ob als Bewohner einer Stadt oder als Tourist stößt man regelmäßig auf Restaurants, Bistros, Cafes und nimmt die eine oder andere Mahlzeit in der Stadt zu sich. Wie das betreffende Erlebnis sich dann herausstellt, hängt von vielen unterschiedlichen Faktoren ab. Was den Kontakt eines Touristen mit der traditionell rumänischen Esskultur betrifft, kann das schnell dazu führen, dass man vom deftigen und kalorienreichen Essen überrumpelt wird. Da wählt man sich ein Reiseziel aus, kommt nach einer mehr oder weniger abenteuerlichen Reise auch tatsächlich hin und sucht seine temporäre Bleibe auf. Dank Internet und dem breiten Angebot an Internetseiten, die einem mehr oder weniger genau sagen, wie gut die Bleibe ist, wird es bei diesem Kapitel wohl nicht mehr zu den allergrößten Überraschungen kommen –  wie es mir einmal vor Jahren mit einem Drei-Sterne-Hotel in Buzău zugestoßen ist, als um drei Uhr morgens bei heftigem Gewitter mein Bett langsam zum Schwimmbecken wurde, weil es von der Decke tropfte.

Die touristischen Attraktionen und das Kulturangebot sind von Ort zu Ort verschieden und es hängt immer vom Touristen ab, ob und inwieweit sie eine Rolle spielen. Was aber die Touristen und die Einheimischen gemeinsam haben, ist, dass sie früher oder später essen müssen und mit den lokalen Rastaurants oder Gasthäusern in Kontakt treten. Vor allem in Hermannstadt/Sibiu, das Gegenstand dieser Seite sein wird, ist das eine Geschichte an und für sich, weil sich hier die traditionelle siebenbürgische Esskultur mit den international geprägten Restaurants einen recht zähen Kampf liefert. Vom traditionell rumänischen über das allgegenwärtige italienische und bis hin zum indischen Essen gibt es in Hermannstadt vieles zu entdecken und zu genießen. Ein wenig Ortskundigkeit und Recherche machen dabei viel aus und können über ein angenehmes Abendessen oder das Misslingen desselben entscheiden.

Traditionell rumänisch: herzhaft und deftig

Die rumänische Küche lässt sich als herzhaft und kalorienreich beschreiben und geräucherte oder gebratene Speisen sind wesentlicher Teil der Speisekarte. Die abwechslungsreiche Geschichte des Landes hat ihre Spuren auch in dessen Gastronomie hinterlassen, sodass es kein Wunder ist, dass sich in ihr Elemente aus Österreich, Russland oder dem historischen Byzanz miteinander verbinden.

Stolze Vertreter der rumänischen Küche gibt es zur Genüge in der Stadt. Jene, die den Titel auch verdienen, sind weniger an der Zahl, um genau zu sein, etwa drei. In der Altstadt ist in der Papiu-Ilarian-Straße die „Crama Sibiul Vechi“ aufzufinden, eines der älteren Restaurants der Stadt, über die bereits Zeitungen wie The Telegraph oder die Süddeutsche berichtet haben, und das zurecht. Im vormaligen Weinkeller finden knapp 50 Gäste Platz, was dazu führt, dass es zu bestimmten Uhrzeiten ein Kunststück ist, einen Tisch zu bekommen. Einheimische und Touristen kommen gerne, sowohl wegen des Essens als auch des Ambientes, und wegen dem guten Service. Die in Bauerntracht gekleideten Kellner sind schnell, gut und finden sogar Zeit, mit den Kunden kurz ins Gespräch zu treten oder einen Witz zu reißen. Zum Repertoire des Hauses zählen Suppen, Eintöpfe und eigene Kreationen. Besonders sind hier die Kuttelsuppe und der scharfe Rindereintopf zu nennen. Die säuerliche Kuttelsuppe wird in Deutschland, Österreich, Tschechien, der Slowakei, Polen, Ungarn, den Balkanländern, der Türkei und eben auch in Rumänien gegessen, wo sie zu den Nationalgerichten des Landes zählt. In der „Crama Sibiul Vechi“ wurde die Suppe im Laufe der Jahre zum Kunstwerk.

Konkurrenz bieten dem Weinkeller beim Kapitel Kuttelsuppe nur die Restaurants „Prima“ in der Petrila-Straße und „Kon Tiki“ in der Paris-Straße. Das „Prima“ ist in der Stadt für die gute Küche im Allgemeinen, aber im Besonderen für seine Kuttelsuppe bekannt. Für Suppenfans ist es hier überflüssig oder gar verschwenderisch, einen Hauptgang zu bestellen. Erstens wird der Teller bis knapp zum Rand aufgefüllt und die noch zum Drittel volle Suppenschüssel bleibt auf dem Tisch, sodass, wer früher ausgelöffelt hat, sich nach Herzenslust einen Nachschlag genehmigen kann. „Kon Tiki“ ist hier der Insider-Tipp und möglicherweise die beste Adresse in der Stadt für Kuttelsuppe. Dass das Lokal zu allen Uhrzeiten gut besucht ist, versteht sich von selbst, wobei weder das Ambiente noch die Bedienung dazu beitragen, dafür aber die Qualität und die Preise. Die möglicherweise billigste Suppe der Stadt erzielt beim Kapitel Qualität Bestnoten durch Farbe, Konsistenz und die zur Perfektion gekochten Kutteln.

Ein Stückchen Wien in Hermannstadt

Das seit bald zehn Jahren eröffnete „Cafe Wien“ ist das einzige Lokal seiner Art in der Stadt und bietet den Österreichern – und nicht nur diesen - ein Stückchen Wien fernab des Alpenlandes. Das Wiener Kaffeehaus im Erdgeschoß des Evangelischen Bezirkskonsistoriums am Huet-Platz bietet einen 180-Grad-Blick auf die Dächer der Unterstadt und lockt mit allen gewohnten Spezialitäten seiner Kategorie. Schnitzel, Cremespinat mit Rösti und Spiegeleiern oder die Wiener Fleischlaberl aus Mamas Küche, mit Erdapfelpüree und Röstzwiebeln, sind nur einige der Höhepunkte der Speisekarte. Hinzu kommen beim Kapitel Kaffee die Wiener Melange, der Große Braune oder der Marghiloman hinzu, der bekannte und beliebte Almdudler oder ausgewählte österreichische und rumänische Weine. Abgesehen davon lockt das Cafe auch mit einem verschiedenartigen Kulturangebot, darunter regelmäßige Konzerte und Vorträge.

Exotisch: indisch

Ebenfalls allein in seiner Kategorie ist das „Syndicat Gourmet“, ein winziges Restaurant in der Târgului-Straße, in dem an nur sechs Tischen Samosa mit Pfefferminzsoße, Mango-Schaumsuppe oder Enten-Confit mit Pastinaken-Püree und karamellisierten Quitten serviert werden. Abgesehen von der schlichten Inneneinrichtung und der gelungenen Herangehensweise an die indische Küche überzeugt das Restaurant auch mit seiner Philosophie. Eingekauft werden die Produkte und Zutaten direkt bei Landwirten und allgemein wird mit Saisonerzeugnissen gekocht. In der kalten Jahreszeit stand beispielsweise ein Wintermenü zur Auswahl, welches eine Meerrettich-Suppe, Enten- oder Blumenkohl-Curry oder Rinderzunge mit Hagebuttenmarmelade und gebackenen Paprika mit Knoblauch umfasste.

Langsames Fast Food

Fast Food ist nicht gleich Fast Food. Es gibt den üblichen Karton namhafter Ketten – und es gibt das „Oh-Mein-Gott-Fast-Food“. Hier hat ein vormaliger Teilnehmer in einer Koch-Show das kleine „Picaso“ in der Justi]iei-Straße eröffnet, mit einer extrem kurzen Speisekarte, die aber durch die Qualität der Speisen überzeugt. Im Prinzip gibt es hier Hähnchenflügel oder Rippchen in mehreren Variationen, mit verschiedenen Soßen und mit Pommes oder Kartoffelspalten. Beide knusprig gebraten und innen zart und saftig, kurzum ein Wohlgenuss. Ein Wort der Warnung muss hier jedoch geschrieben werden: Wenn der Besuch aufgrund der schlechten Wetterbedingungen ins Restaurant führt und nicht auf die Terrasse, dann darf der Weg danach nur noch nach Hause und direkt unter die Dusche führen, weil der Geruch von Öl und Essen der Salonfähigkeit ein Ende setzt. Hermannstadt hat im Bereich der Gastronomie vieles zu bieten und neue Lokale treten regelmäßig der Szene bei. Vor allem das nahende Projekt der Gastronomischen Region Europas 2019 verspricht viel - und dank der Unterstützung des Hermannstädter Bürgermeisteramtes sowie des Kreisrates kann es sich zum großen Erfolg entwickeln. Da heißt es nur abwarten und sich auf besondere Geschmackserlebnisse freuen.

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