Wo die Ruhe zu Hause ist

Stille Enklaven rund um oder in Bukarest

Samstag, 17. Oktober 2015

Gläubige versammeln sich für den Gottesdienst in Cernica

Die Landschaft in Cernica – Wasser und Himmel, so weit das Auge reicht

Blick vom Torturm auf Schloss Mogoşoaia

Der imponierende Torturm in Mogoşoaia
Fotos: Aida Ivan

Eine schlanke Frau in Schwarz informiert über die Wunder, die sich an diesem Ort ereignet haben sollen, als würde sie ein auswendig gelerntes Gedicht aufsagen. In Anbetracht ihrer offensichtlichen Frömmigkeit fühlt man sich dennoch verpflichtet, sich für die erwähnten Persönlichkeiten zu interessieren - teils aus Höflichkeit, teils aus Neugierde. Wir sind ein kleiner Freundeskreis in einem Minibus, der auf einer Straße außerhalb Bukarests dahinrast: Gläubige auf Pilgerfahrt, auf dem Weg zum Kloster Cernica.

Schweißperlen bilden sich auf den Gesichtern der Reisenden. Jede Kurve schleudert uns von einem Fenster zum anderen. Bevor die glaubensstarke Dame aussteigt, verteilt sie noch Kopien einer kleinen gesegneten Ikone im Bus. Abgesehen von der stickigen Luft ist ein seltsamer Gegensatz im überfüllten Minibus zu spüren, der dennoch Faszination ausübt: Zwei Welten prallen hier aufeinander, eine moderne und eine alte.

Cernica - das orthodoxe Kloster auf der Halbinsel

Fährt man aus Bukarest in Richtung Osten, so hat man schon nach einer Viertelstunde den Eindruck, man sei auf dem Land: Inmitten eines gelbbraunen monotonen Feldes sieht man in der Ferne die Spitzen einiger Gebäude auftauchen. Wir steigen vor einem weißen Tor aus, darüber thront ein heiliges Gesicht. Hier im Wald, den ehemaligen Codrii Vl²siei, beginnt eine archaische Welt, ein stummes Paradies neben der brodelnden Hauptstadt. Hier gibt es noch Raum für das Übernatürliche: In dem Anfang des 17. Jahrhunderts gegründeten Kloster  Cernica sollen Priester gelebt haben, die die Gedanken der Menschen lesen oder Wunder bewirken konnten.

Ein gelbes Schild lässt uns wissen, dass wir noch einen Kilometer laufen müssen, bis wir das Zentrum Sfântul Calinic erreichen. Calinic war ein Abt des Klosters im 19. Jahrhundert, der nach seinem Tod heiliggesprochen wurde. Er ist einer der Gründe, weshalb dieser Ort so viele Leute anzieht. Busse halten regelmäßig vor dem Tor des Klosters Cernica im Kreis Ilfov. Geht man die Klosterstraße entlang, die sich in der Umarmung der Bäume dahinschlängelt,  fühlt man sich schnell von den uralten Wäldern aufgenommen. Der Weg führt zum Kern der Halbinsel, auf der sich drei Kirchen und ein Kloster befinden.

Bald werden wir Teil eines Menschenstroms, der sich zum Klosterensemble drängt – bildlich und wörtlich: unmöglich, sich hier fremd zu fühlen. Es herrscht eine friedvolle Stimmung. Man muss kein fester Anhänger einer Religion sein, um die zurückhaltende Schönheit dieses Ortes schätzen zu können. Es ist eine überwältigende Stille, die die innere Wärme der Menschen, denen man hier begegnet, berührt. Das Klosterensemble Cernica ist der ideale Ort zum Erholen von der Hektik und Eile Bukarests, für Gläubige wie für Touristen. Allein die Ruhe und die gute Stimmung hier scheinen schon Wunder zu wirken. Das Kloster ist berühmt für seine schöne Lage inmitten der Natur. Aber auch für die Gottesdienste, die hier gehalten werden. Leute aus dem ganzen Land kommen hierher, wenn sie Probleme haben, die sie anders nicht lösen konnten. Sie hoffen auf Erlösung, denn man glaubt, das Kloster Cernica ist ein gesegneter Ort und die Pfarrer hier können das Leiden der Menschen lindern.

Das Kloster ist aber auch ein interessantes historisches Denkmal. Ursprünglich eine kleine sagenumwobene Mönchssiedlung, wurde es nach der Pestepidemie im 19. Jahrhundert verlassen und 1842 wieder saniert. Hier hat eine Schule für Kopisten funktioniert – hinterlassen wurden viele Manuskripte, von Nicolae Iorga entdeckt, die jetzt Teil des Archivs der Rumänischen Akademie sind. Die Bibliothek des Klosters hat insgesamt 14.000 Bücher, 5000 Bücher, die zum Kulturgut gehören, und ein Archiv mit vielen einzigartigen Manuskripten. Es gab eine Zeit, in der rund 1000 Mönche im Kloster lebten. Diese Zeiten sind jetzt vorbei: Heute wohnt hier noch eine Handvoll von Menschen, die in aller Ruhe ihr Leben Gott widmen.

Schloss Mogoşoaia – ein architektonisches Kleinod

Ein ähnliches Paradies befindet sich im Nordwesten von Bukarest: Hinter einem massiven Zaun wellt sich das Bild eines Schlosses im Spiegel des Sees in einer menschenleeren Landschaft: Alte rumänische Architektur, ein eleganter Garten, ein spektakulärer Blick über den See - alles ungefähr zehn Kilometer entfernt von Bukarest. Das Schloss Mogoşoaia, eines der berühmtesten Kulturdenkmäler hierzulande, liegt am Ufer des Sees mit demselben Namen.
Das Schloss, ein Gebäudekomplex im Brâncoveanu-Baustil, gilt als architektonisches Juwel. Es ist ein Muss für Architektur- und Geschichtsinteressierte, da die ganze Anlage sehr gut erhalten ist. Der Name Mogoşoaia  kommt von der Ehefrau des Bojaren Mogoş. Fürst Constantin Brâncoveanu hat von ihm das Anwesen in der Ortschaft neben Bukarest Ende des 17. Jahrhunderts gekauft und dort eine Kopie des Schlosses Potlogi (Kreis Dâmboviţa) errichten lassen. Nach der Ermordung des Fürsten und seiner Familie im Jahre 1714 wurde das Schloss als Gasthaus umfunktioniert. Ein französischer Reisender, Aubry de la Motraye, notiert in seinem Tagebuch 1714, es sei ein Palast, der europäisch erbaut wurde, innen mit wertvollen Gemälden ausgestattet. Das Hauptgebäude besteht aus einem Keller mit Gewölbe, im Erdgeschoss befinden sich die bescheidenen Zimmer der Diener und im ersten Stock wohnte die Familie des Fürsten. Zu den eindrucksvollsten Elementen zählen eine Außentreppe im Innenhof und eine Loggia an der Fassade gegenüber dem See. Das Anwesen ist von einem massiven Mauerwerk aus rotem Ziegel, mit Tor und begehbarem Turm, umgeben.

Das Schloss selbst wurde während des russisch-türkischen Kriegs zwischen 1768-1774 und der Revolution im Jahre 1821 zerstört. Ab 1832 gehörte das Anwesen der Familie Bibescu und deshalb wurde es wieder instandgesetzt. Die Küche und der Turm wurden von Martha Bibescu vor ungefähr hundert Jahren saniert. Die Glashäuser in Mogoşoaia wurden unter der Leitung eines französischen Architekten errichtet. Ende des 19. Jahrhunderts wurde die Kapelle von Gheorghe Bibescu erbaut. Neben dem Turm befindet sich die Kirche, die Constantin Brâncoveanu errichten lassen hat.
Heute ist das Schloss fast leer, denn die Möbel sind im Laufe der Zeit verschwunden. Die Räume werden heute für Ausstellungen, Konzerte und Vernissagen genutzt, ein Teil ist ein Museum. Deshalb bleibt die Architektur der größte Wert der Anlage. Der Komplex ist aber auch in der Gegenwart verankert: dazu gehören ein Restaurant mit Terrassenbetrieb und zahlreichen Kulturveranstaltungen, die im auf Initiative des Kulturministeriums gegründeten Nationalen Kulturzentrum Mogoşoia stattfinden.

Lacul Morii – ungezähmtes Naherholungsgebiet

15 Meter tiefes Wasser und 246 Hektar Wasserspiegel. Und: Mehrere Tausende Grabstätten, Hunderte von Häusern, zwei Schulen, eine Kirche. Die Geschichte des größten Sees in der Hauptstadt, dem Mühlensee oder Lacul Morii, ist kurz - und einigermaßen dunkel: Ceau{escu wollte jede Überschwemmungsgefahr für die Hauptstadt beseitigen, deshalb der See als Auffangbecken. Früher gab es an diesem Ort die Machala Crângaşi, die gegen Ende der kommunistischen Zeit in einen 2,5 Kilometer langen See umgewandelt wurde, sechs Kilometer entfernt vom Stadtzentrum. Den See gibt es nun schon seit ungefähr drei Jahrzehnten und er ist ein sehr beliebtes Erholungsgebiet. Auch wenn er nie saniert wurde, hat er einen besonderen Charme. Empfehlenswert ist er für einen Spaziergang am Nachmittag, bevor die Sonne untergeht. Morgens trifft man auf zahlreiche Jogger. Zu jeder Jahreszeit wird der See stark frequentiert. Sein Potenzial als Freizeit- und Naherholungsgebiet ist jedoch bei Weitem nicht ausgeschöpft.

Kommentare zu diesem Artikel

Tourist, 19.10 2015, 22:14
würde sich die rumänische Bevölkerung alle 20 Jahre verdoppeln und ihre Religion als politischen Kampfauftrag verstehen, wäre der nach der Wende neu ausgebrochene religiöse Eifer schon ein Problem für Europa. So kann man aber darüber schmunzeln. Das jetzige Aufflackern an Kloster- und Kirchenneubauten ist sowieso nur ein Strohfeuer. Die nächste Generation glaubt schon an Playstation, McDonalds und Smartphones, was im übrigen auch nicht viel besser ist.

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