Wo die Seele des Holzes noch lebt!

In Deseşti und Mara treffen sich Holzarchitektur alt und neu - zwei Positivbeispiele in der Maramuresch

Sonntag, 18. September 2016

Balsam für die Seele: Grüntöne, so weit das Auge reicht

Hemdsärmelig und in Gummistiefeln ziehen die Männer am Glockenstrang. Die alte Holzkirche beginnt zu klingen!

Die Holzkirche von Deseşti

Nur der Tod kann so ein böses Gesicht machen. Ob die Fremdvölker schon vor ihm zittern?

Charmant lächelnd dümpelt der Mond wie ein Schiffchen auf dem Wasser. Was mag sich der Künstler dabei gedacht haben?

Hier darf die Maramurescher Holztradition neu aufleben: Restaurant und Pension mit Forellenzucht in Mara, dem Nachbardorf von Deseşti
Fotos: George Dumitriu

Spätnachmittags im August. Die Sonne steht schon tief und taucht die Landschaft, die sich wie eine flache Pfanne zu unseren Füßen ausbreitet, in ein sattes, grünes Licht. Wiesen, verstreute Heumännchen, Wald, im Hintergrund die Berge: Hier zeigt sich die Maramuresch von ihrer schönsten Seite. Wir kurven die Serpentinenstraße herunter. Schnell noch ein Foto! Oder wird es dann zu spät für unser nächstes Etappenziel auf den Spuren der acht Holzkirchen im Welterbe der UNESCO? Im Wettlauf mit der Sonne erreichen wir Deseşti gerade noch in der Abenddämmerung.

Vor fünf Jahren war hier noch ein holpriger Parkplatz und der Pfarrer bekannte mürrisch, zur Geschichte der Kirche nicht aussagefähig zu sein. Diesmal zeigt sich ein völlig anderes Bild. Adrett gekleidete Männer und Frauen queren den asphaltierten, mit Info- und Toilettenhäuschen versehenen Platz. Einige erklimmen bereits den Pfad durch den Friedhof, der sich pittoresk über den Hügel erstreckt, auf welchem die alte Holzkirche thront. Ihnen folgt eiligen Schrittes ein junger, orthodoxer Pfarrer in langer, schwarzer Soutane. Ein seltenes Bild - sind doch die meisten Holzkirchen in der Maramuresch längst Museen, in denen allenfalls am Kirchweihtag noch Gottesdienst gefeiert wird.

Die alte Holzkirche der hl. Paraschiva in Deseşti hingegen atmet und lebt! Ihr hat man noch keine moderne, monumentale Betonkirche vor die Nase gesetzt, wie an so vielen anderen Orten. Ihr kostbares Inneres ist nicht mit grafisch gemusterter Industrie-Auslegeware verschandelt, sondern mit weichen, beige-grauen Wollteppichen ausgelegt, gewebt von einer Frau aus dem Dorf. Gewaschen werden sie im Wirbelkorb (vâltoare) - einer Art „Naturwaschmaschine“ - im Wildbach von Strâmtura, verrät uns der Sohn des Pfarrers.

Überraschend auch das Umfeld: Während blinde Bauwut und Modernisierungswahn den ursprünglichen Charme der Maramuresch schon weitgehend zerstört haben, sieht man in Deseşti noch typische Holzhäuser - und sogar einige Neubauten im selben Stil. Am Fuße des Kirchhügels werden gerade zwei alte Holzbauten renoviert, mit neuen Schindeldächern gedeckt und einer Veranda mit geschnitzten Pfosten versehen. Wir knipsen schnell ein paar Bilder im schwindenden Abendlicht und beschließen, am nächsten Morgen wiederzukommen.
 

Kostbare Malereien mit naivem Charme

Etwa 60 alte Holzkirchen gibt es in der Maramuresch, acht davon sind Teil des Welterbes der UNESCO: Ieud-Deal, Poienile Izei, Bârsana, Budeşti-Josani, Şurdeşti, Plopiş, Deseşti und Rogoz. Die Kirche von Deseşti gehört zweifellos zu den prachtvollsten und besterhaltenen Exemplaren. Die zwischen 1996 und 1998 restaurierten Wandmalereien bedecken die gesamte innere Oberfläche, erstrahlen in frischen Farben und bezaubern mit ihrem naiven Charme. Im Pronaos über der Tür kann man gut erkennen, dass die Farben nicht direkt auf das Holz gepinselt, sondern auf ein Gewebe aufgetragen wurden.

Experten datieren den Bau der Kirche uneinig irgendwann zwischen 1770 und 1780. Als Stifter identifizieren drei Inschriften dörfliche Bojarenfamilien. Die Inschrift im Naos erwähnt zudem die Namen der damaligen Geistlichen - und die der Maler: Radu Munteanu und sein Gehilfe Gheorghie. Als gesichert gilt darüberhinaus, dass ein großer Teil der Wandmalereien und mindestens vier Ikonen auf den bekannten Kirchenmaler Alexandru Ponehalschi zurückgehen, obwohl dessen Name nicht explizit erwähnt wird. Ponehalschi hat jedoch in der Region zahlreiche Ikonen und Kirchenmalereien durchgeführt - etwa die auf 1751 datierte Ikone der Muttergottes mit dem Jesuskind in Bârsana, die Wandmalereien von Călineşti-Căieni, Ieud-Deal und Berbeşti sowie die bemalten Ikonostasen von Sârbi-Susani und Budeşti-Susani - so dass sein Beitrag in Deseşti durch stilistische Analogien eindeutig nachgewiesen werden konnte. Dem Namen nach war Ponehalschi vermutlich polnischen Ursprungs. Man nimmt an, dass er seinerzeit in dieser Gegend der Maramuresch eine bedeutende mobile Malereiwerkstatt leitete.
Der zweite Maler, Radu Munteanu, stammt aus dem Dorf Ungureni in der Region Lapu{, wo er sich auch in der Kirche von Rogoz verewigt hat. Ihm werden in Deseşti vier Ikonen - darunter die mutmaßliche Kirchweih-Ikone der hl. Paraschiva - zugeschrieben.

Kirchenmaler wurden früher übrigens als „zugravi“ bezeichnet, was heutzutage geradezu schnöde klingt: Es bedeutet nämlich „Anstreicher“.

Teufelsschubkarren und ein lächelnder Mond

Im Naos dominieren, wie in den meisten Maramurescher Holzkirchen, Szenen aus der Genesis: die Erschaffung von Adam und Eva, der Sündenfall mit der Schlange, die Vertreibung aus dem Paradies. Über die aus einem einzigen Baumstamm geschnitzte Treppe darf man sogar auf den Balkon klettern und auch dort - natürlich ohne Blitz - fotografieren. Die Deckenbemalung reflektiert den Übergang von der irdischen in die himmlische Welt. Häufig sind daher Sternenmotive. Uns bezaubert eine Szene mit Kain und Abel, die einen auf den Wellen des himmlischen „Ozeans“ schunkelnden, lächelnden Halbmond zeigt.

Im Pronaos - in der Maramuresch auch als Frauenkirche bezeichnet, weil der Naos während des Gottesdienstes den Männern vorbehalten war - finden wir als übliches Thema das Jüngste Gericht. Interessant jedoch die Interpretation des Künstlers: Pfarrerssohn Alexandru Ardelean, der die Kirche in den Ferien hütet und Fragen der Touristen beantwortet, liest die mit kyrillischen Buchstaben beschrifteten Szenen vor. Unter den Sündern, im Schubkarren des Teufels sitzend, finden sich „Blutvergießer“, „Ehebrecher“, „Hurennonnen“, „Hurenmädchen“ „Faulpelze“ und „Schlafende während des Gottesdienstes“. Im Höllenfeuer schmoren bereits die „Zornigen“ und „ungerecht Urteilenden“, während das „sonntags schlafende Mädchen“ von einem Teufel im Bett gequält wird. Mit grimmigem Gesicht und Folterinstrumenten gerüstet - Sense, Harke, Speer, Keule oder Rechen - blickt uns der personifizierte „Tod“ entgegen, auch als „Pest“ oder „Hungersnot“. Das Register darüber führt die Fremdvölker in ihren typischen Trachten vor: Türken, Tataren, Juden, Deutsche und Franzosen. Wie der Maler das wohl gemeint haben mag, bleibt unserer Phantasie überlassen...

Auf einmal stürmen zwei hemdsärmelige Männer herein und beginnen, kräftig an den Glockensträngen zu ziehen, die aus der Decke des Pronaos herunterbaumeln. Sie rufen zu einer Trauerfeier, erklärt Alexandru. Langsam füllt sich das Kirchlein mit Menschen.

Wir schlendern über den Friedhof nach unten. Uralte, riesige Eichen beschatten den wildromantischen Gottesacker, wo man kunstvoll geschnitzte Holzkreuze bewundern und altmodische Namen studieren kann: Nataca, Parasca, Eudochia... Wie man sie im Alltag wohl gerufen haben mag?

Forellen schlemmen und die Seele baumeln lassen

Ob als Basis für weitere Ausflüge, für eine Nacht oder nur zum Essen - ein Zwischenstopp in der „Pastraverie Alex“ im Nachbardorf Mara muss sein. Der isoliert am Dorfrand am Mara-Fluss gelegene Komplex aus schmucken Holzhäusern besticht im Sommer mit einem Freiluftrestaurant auf einer Brücke, die über den Fischteich führt. Auf dem Gelände verstreut: überdachte rustikale Sitzgruppen, Schaukeln, Wippen, Lehnsessel aus einem Baumstumpf, auf die Sitzfläche ein weicher Wollteppich drapiert, witzige Dekorelemente aus Holz. Für den besten Vollkorn-Maisbrei oder Balmoş als Beilage zur frisch zubereiteten Forelle sorgt eine urige hölzerne Mühle. Hervorragend schmecken hier nicht nur die Fische, selbst der gebackene Käse ist ein Gedicht. Ein riesiger künstlicher Wasserfall reichert das Wasser mit Sauerstoff an und bietet ein pittoreskes Fotomotiv - wie auch die Kellnerinnen, die in Maramurescher Tracht bedienen. Schon 2011 fiel uns die Forellenzucht positiv auf. Die Qualität ist gleich geblieben, die Anlage wurde seither - und wird immer noch - enorm erweitert. Wir fragen die Kellnerin nach dem Zweck der riesigen Holzbottiche auf der noch im Bau befindlichen Anlage am gegenüberliegenden Hügel. Die Antwort: Whirlpools!

So lässt sich die Holztradition der Maramuresch vortrefflich in die moderne Zeit integrieren. Es muss nicht immer Glas und Edelstahl sein.

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