Wo Flüchtlinge und Helfer ihr Herz ausschütten können

Karl-Heinz Wolfsturm ist Deutschlands erster ehrenamtlicher Ombudsmann für Flüchtlinge

Donnerstag, 17. September 2015

Karl-Heinz Wolfsturm, erster Ombudsmann für Flüchtlinge in Deutschland, beim Besuch der baden-württembergischen Erstaufnahmestelle im schwäbischen Ellwangen.
Foto: der Verfasser

Ob 1785 oder über 6000 – Rumänien wird um das Problem der Aufnahme von Flüchtlingen aus den Kriegsgebieten des Vorderen Orients nicht herumkommen. Dass es eher nur 1785 sein sollen, darüber ist man sich auf höchster Staats- und Regierungsebene ausnahmsweise einmal einig. Dass hierzulande das Problem so ziemlich gänzlich auf das Innenministerium und dessen Personal abgewälzt wird, ist mit Bestimmtheit auch nicht die Ideallösung. In Rumänien gibt es viel zu wenig Erfahrung im Umgang mit heimatlos gewordenen und einem ganz anderen Kulturkreis angehörenden Menschen. In Deutschland hingegen gibt es jetzt einen ersten ehrenamtlichen Ombudsmann für Flüchtlinge.

Stickige Luft. Überall Reisetaschen und Kleiderbügel auf dem Boden. „No elictricity“, sagt Ahmed Habib, hebt erwartungsvoll sein Smartphone und sein Ladegerät in die Höhe. Doch in dem weißen Rot-Kreuz-Zelt gleich neben der baden-württembergischen Landeserstaufnahmestelle für Flüchtlinge in Ellwangen gibt es weder Strom noch Wasser. Erst mal nicht so schlimm, bedeutet Ahmed, bevor er seine Geschichte erzählt: Dass er 3000 Euro für seine Flucht vom syrischen Aleppo nach Deutschland habe bezahlen müssen. Dass er in Ungarn fast erstickt wäre, als ihn „the Ungarian Mafia“ bei glühender Hitze in einen geschlossenen LKW verfrachtet habe. Und dass er nun froh sei, in Deutschland angekommen zu sein – trotz der eher spartanischen Unterbringung in einem Notzelt: „Germany is good.“

Ruhestandsabbruch für Flüchtlingshilfe

Ein Mittsechziger hört ihm aufmerksam zu, wirkt dabei nachdenklich: Es ist der Markdorfer Karl-Heinz Wolfsturm, Ex-Polizeichef im Bodenseekreis und bundesweit erster ehrenamtlicher Ombudsmann für Flüchtlinge im Auftrag des baden-württembergischen Ministeriums für Integration. Seit Anfang August ist der Ruheständler Wolfsturm kaum mehr in Markdorf anzutreffen: Viele tausend Kilometer hat er bereits zurückgelegt, kreuz und quer durch Baden-Württemberg. Seine Ziele sind Ellwangen, Meßstetten, Sigmaringen, Karlsruhe – also Ortschaften, wo täglich neue Flüchtlinge hinzukommen. Seine Aufgabe als Ombudsmann: reden, zuhören, wieder reden. Flüchtlinge, Helfer, Ehrenamtliche – alle, die irgendwie etwas mit der Bewältigung des Flüchtlingsdramas zu tun haben, können gegenüber dem Ombudsmann ihr Herz ausschütten.

Und davon machen sie beim Besuch in der Landeserstaufnahmestelle in Ellwangen regen Gebrauch – allen voran deren Leiter Berthold Weiß: Er spricht von einem „Hamsterrad-Syndrom.“ Am 1. Mai habe er und sein Team in Ellwangen gerade mal 500 Flüchtlinge zu betreuen gehabt. Derzeit sind es 3400, also fast sieben Mal so viel. „Und wenn wir 400 pro Woche anderswohin verlegen, kommen 1000 neue nach. Wir drehen immer schneller am Rad.“ Irgendwann sei das ehemalige Ellwanger Kasernengebäude, seit Anfang April zur Flüchtlingsunterkunft umfunktioniert, halt einfach voll gewesen. „Und dann haben wir die Zelte aufgebaut.“ Doch: Wehe, wenn Herbst und Winter kommen, mit Temperaturstürzen und Frost. „Diese Zelte sind nicht wintertauglich“, gibt Ber-thold Weiß dem Ombudsmann mit auf dem Weg.

Abhilfen jenseits der Bürokratie

Der hört sich das wiederum sehr aufmerksam an, fragt hier und da nach Details, macht sich Notizen: „Meine Aufgabe ist: Erst mal zu schauen: Wo mangelt es? Und an was?“ Seine Aufgabe sei es, schnell und unbürokratisch nach Abhilfe zu sehen, „und zwar abseits der klassischen Verwaltungsebene.“ Das heißt: Als Ombudsmann hat Wolfsturm mit den vielen Sorgen und Nöten, die er sich während seiner Besuche aufnotiert, abseits aller Hierarchien Zugang zu allen Entscheidungsträgern, bis hin zur Integrationsministerin Bilka Öney. „Und eben diesen direkten Zugang haben wir so nicht“, so der Leiter der Ellwanger Erstaufnahmestelle, Ber-thold Weiß, „deshalb sind wir froh, dass es den Ombudsmann gibt.“ Auch Irene Bravilov ist froh, dass es den Ombudsmann gibt. Im Auftrag der Caritas Württemberg kümmert sie sich in Ellwangen vor allem um die Kinder und deren Betreuung. Auch sie mahnt dringend mehr Räume an: Kinderbetreuung geht derzeit nur bei schönem Wetter, weil nur draußen, vor den Gebäuden und Zelten, Spielflächen zur Verfügung stehen. Regnet es, fällt die Kinderbetreuung aus.

Machbares mit Grenzen

Auch dieses Problem notiert sich der Ombudsmann. Ab und an muss er aber auch die Grenzen des Machbaren aufzeigen. Ahmed beklagt sich, dass er zwei Stunden für sein Essen habe anstehen müssen. Naja, sagt Wolfsturm, aber die Versorgung von über dreieinhalb Tausend Menschen sei halt auch nicht eben leicht zu stemmen. Doch Ahmed lässt nicht locker, zeigt auf seine schwangere Frau, die zusammengekrümmt auf einem der metallischen Doppelstockbetten liegt: „No doctor – kein Doktor da. Wie können wir einen Arzt rufen?“
Szenen wie diese erlebt Wolfsturm derzeit täglich, fast schon im Minutentakt. „Also da muss man schon mal schlucken“, gesteht der Wahl-Markdorfer. Und redet darüber, dass ihm die einzelnen Schicksale schon nahe gehen. Das war auch der Grund, vor ein paar Monaten „ja“ zu sagen, als ihn ein alter Bekannter aus dem Integrationsministerium anrief und ihn fragte, ob er den Job des Ombudsmanns übernehmen wolle. Wolfsturm sagte zu. Weil: „Wir alle müssen etwas dazu beitragen, dass diese Menschen eine Zukunft haben.“

Das alles war vor wenigen Monaten. Doch damals hätte sich der Polizeidirektor von einst, der seit drei Jahren in Markdorf unter dem beschaulichen Gehrenberg seinen Ruhestand genießt, im Traum nicht ausmalen können, was das konkret bedeutet: „Derzeit bin ich von früh bis spät unterwegs, quer durchs Land.“ Je mehr Flüchtlinge kommen, desto mehr Probleme tauchen auf. Und desto häufiger ist der Ombudsmann gefragt.  Beim Gang über die Wiese zwischen den Notzelten und der alten Kasernenanlage haben ein paar Kinder den Ombudsmann ausgemacht. Sie umringen ihn, rufen ihm Worte zu, mal arabisch, mal albanisch. Und manche können sogar schon ein paar Bröckchen Deutsch: Kinder lernen am schnellsten. Und sie stecken die Schrecken der Flucht anscheinend am schnellsten weg, lachen, tollen, rennen hinter einem Fußball hinterher, ein Stück Normalität mitten zwischen Doppelstockbetten und Notzelten.

Für Ombudsmann Wolf-sturm ist das ein Zeichen der Hoffnung. Er spricht vom Foto jenes syrischen Kleinkindes, das tot am Strand von Griechenland angespült wurde. Das habe ihn, sagt er, sehr bewegt. „Und vor diesem Hintergrund freut man sich einfach, wenn man hier auch lachende und fröhliche Kinder sieht.“ Spricht‘s und steigt ins Auto, fährt zurück nach Markdorf. Als Ombudsmann für Flüchtlinge, weiß Wolfsturm, wird er in nächster Zeit noch viel unterwegs sein – und sich noch viele Notizen machen müssen. Denn die Probleme nehmen täglich zu.
Und da weiß auch der Ombudsmann nicht immer einen Rat.

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