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Die Margarethenkirche von Mediasch – kein totes Museum, sondern ein Ort lebhafter Begegnungen

Montag, 08. Oktober 2018

Organistin Edith Toth hält für eine deutsche Reisegruppe eine lebhafte Orgelführung ab. Fotos: George Dumitriu

Pfarrer Gerhard Servatius-Depner (links) mit Kollegen und Bischof Reinhart Guib (2.v.r.) vor den anatolischen Teppichen

Die Margarethenkirche in Mediasch mit ihrer prachtvollen Orgel aus der Werkstatt des Kronstädter Meisters Johannes Hahn

Altarbild: Unter dem Arm von Jesus ist deutlich die Stadt Wien (1480) mit dem Stephansdom zu erkennen.

Ruhig ist es wahrlich nicht an diesem ehrwürdigen Ort. Von der Empore dringen laute Stimmen, Bänke werden gerückt. Dann und wann ertönt eine Orgelpfeife. Und wieder Geräusche, als ob jemand dort oben die Kirche auseinandernehmen wollte. Doch Pfarrer Gerhard Servatius-Depner bleibt ganz ruhig. Auf einmal erobert ein gewaltiges Brausen das Kirchenschiff! Ein Orgelkonzert - jetzt, um elf Uhr morgens? Das Beben verebbt so plötzlich, wie es über uns hereingebrochen ist. „Eine Orgelführung für eine Gruppe aus Bonn“, erklärt der Pfarrer ein wenig stolz und schmunzelt: „Touristen erleben bei uns keine Kirche wie ein totes Museum.“

Die Margarethenkirche in Mediasch war schon immer ein Ort der Begegnung: Hier trafen sich Fürsten, fanden politische Landtage statt. „1545, ein Jahr vor Luthers Tod, wurde in dieser Kirche die erste evangelische Synode abgehalten – da traten die sächsischen Pfarrer schon als Einheit auf“, erklärt der Pfarrer. „Und 1572 fand hier der Abschluss der Reformation statt.“ 


Weitere geschichtsträchtige Ereignisse: 1575 erfuhr der Fürst Siebenbürgens, Stephan Báthory, an diesem Ort, dass er König von Polen werden sollte. Am 8. Januar 1919 tagte hier die sächsische Nationalversammlung, deren Ergebnis die Anschlusserklärung Siebenbürgens an das Königreich Großrumänien war. So lautete auch das Motto des 28. Sachsentreffens in Mediasch diesen September „100 Jahre in Rumänien“.

Motor der ökumenischen Begegnung

Doch auch an ganz gewöhnlichen Sonn- und Feiertagen ist der Gottesdienst gut besucht, überrascht Pfarrer Servatius-Depner. 714 evangelische „Schäfchen“ zählen zu seiner Kerngemeinde, hinzu kommen andere Interessierte – ausgewanderte Sachsen, die den Sommer in der alten Heimat verbringen, orthodoxe Rumänen, deren Kinder die deutsche Schule oder den deutschsprachigen evangelischen Religionsunterricht besuchen, Angehörige der Chormitglieder oder neugierige Touristen.

Zahlreiche Veranstaltungen locken Interessierte das ganze Jahr über in die Kirche: der „Orgelsommer“ mit Konzerten und neuerdings auch Filmabenden von Mai bis Oktober; das Weihnachtskonzert und das Krippenspiel; die traditionellen ökumenischen Zusammenkünfte wie die Gebetswoche im Januar, der Weltgebetstag im März und das Treffen der Kirchenchöre im Dezember. „Wir sind der Motor der ökumenischen Begegnung“. Man muss nicht evangelisch sein, um mitzumachen, mitzugestalten oder einfach nur dabei zu sein. Tatsächlich gibt es viele Sympathisanten, die sich im Rahmen kirchlicher Aktivitäten engagieren, so der Pfarrer.

Erstmals in diesem Jahr führen von April bis Oktober 20 jugendliche Volontäre aus dem Stefan-Ludwig-Roth- Gymnasium Touristen fachkundig durch die Margarethenkirche, erzählt er stolz. In achtwöchigen Kursen wurden sie darauf vorbereitet. „Wir sind sehr froh, sie zu haben. Sie sprechen mindestens zwei Sprachen, Rumänisch und Deutsch, fast alle auch Englisch, manche Spanisch oder Französisch. Sie sind für uns ein Multiplikationsfaktor“, lobt Servatius-Depner. Auch sie müssen nicht evangelisch sein, viele besuchen jedoch den evangelischen Religionsunterricht, auch, weil der orthodoxe Pfarrer kein Deutsch spricht, erklärt er.

Das Mediascher Modell

Gerhard Servatius-Depner ist nur einer von fünf Pfarrern, die sich die Aufgaben im Mediascher Dekanat teilen: Gottesdienste, Seelsorge, Religionsunterricht, Kinderbibeltage, Konfirmationen – hinzu kommt die Betreuung von fast 50 Dörfern im Umkreis. „Man nennt dies das Mediascher Modell – wir sprechen etwas bescheidener vom Mediascher Konzept“, erklärt er und zählt auf, wer zum predigenden Team gehört: seine Ehefrau Hildegard Servatius-Depner, Ulf Ziegler, Wolfgang Arvay und Bettina Kenst.

Die Geistlichen leben mit ihren Familien direkt in der Burg, was den Zusammenhalt stärkt und die Aufgabenteilung vereinfacht. In den meisten Dörfern wird sonntags zweimal im Monat, in schwer erreichbaren einmal, Gottesdienst abgehalten. Hinzu kommen Abholdienste und Hausbesuche. Wie so ein Sonntag für den Pfarrer aussehen kann? „Man fährt ca. um 9 Uhr weg - wenn man Abholdienst hat früher, damit der Gottesdienst im Dorf um 10 Uhr beginnen kann. Danach gibt es oft Kaffee und Kuchen, die ‘Liturgie nach der Liturgie’, wie der verstorbene Prof. Dr. Paul Philippi immer sagte, das ist ganz wichtig!

Dann fährt man sie zurück, holt andere zum zweiten Gottesdienst ab - vielleicht in einer anderen Sprache, Rumänisch, Deutsch oder beides - manchmal gibt es einen dritten Gottesdienst um 14 Uhr und anschließend Hausbesuche. Im Winter kommt man oft erst zwischen fünf und sechs Uhr im Dunkeln nach Hause. „Doch die Leute auf dem Dorf sind so dankbar, dass man zu ihnen kommt, mit ihnen spricht oder singt,“ fügt er bewegt an. „Sie sagen, wir sind die Konstante in ihrem Leben. Das hat uns sehr berührt.“

Das Mediascher Modell hat sich bewährt. Die Pfarrer fühlen sich als Team, teilen sich Aufgaben, planen langfristig, springen aber auch spontan füreinander ein. „Wir treffen uns wöchentlich, weil wir das wollen – nicht nur monatlich, wie in anderen Dekanaten“ betont Servatius-Depner. Auch Bischof Reinhart Guib gehörte 16 Jahre lang zu diesem Team, zuletzt als Dekan und Stadtpfarrer bis November 2010. „Er ist uns als gebürtiger Mediascher immer noch sehr verbunden, auch freundschaftlich, und kommt sehr gerne vorbei.“

Relikte aus vorreformatorischer Zeit

Wir schlendern in Richtung Altar, Orgelklänge unterbrechen immer wieder das Gespräch. Ein Freiwilliger stürmt herein, will etwas Organisatorisches wissen, erkundigt sich interessiert nach dem Interview. Der Fotograf ist verschwunden, fasziniert verfolgt er oben die Orgelführung. Der Pfarrer ruft hinauf. Nein, diese Kirche ist beileibe kein totes Museum! Obwohl sie es durchaus mit einem solchen aufnehmen kann: im 14 Jh. erbaut, 1414 erstmals erwähnt, Fresken und ein Altar aus vorreformatorischer Zeit, eine beeindruckende Sammlung anatolischer Teppiche.

Über allem schwebt ein Gewölbe, die Rippen mit schmucken Spruchbändern und Wappen verziert. Zunftwappen, Wappen der Apostel und Kirchenväter, das von Mattias Corvinus, das Mediascher Stadtwappen... Und eine Unzahl von Wappenschilden mit seltsamen Symbolen. Was etwa bedeutet die Hand mit den kreisförmig angeordneten Löchern, die an einen altmodischen Telefonhörer erinnert?

Die Fresken, datiert auf 1385-1420,zeigen den Stammbaum Jesu, den Passionszyklus, Szenen aus dem Alten Testament, Seraphime und Cherubime. Sie wurden bei der Restaurierung in den 1970er bis 80er Jahren durch Hermann Fabini freigelegt, erklärt der Pfarrer. „Eine schöne Entdeckung“, meint er und bemerkt, Wandmalereien katholischen Ursprungs seien nicht immer gleich nach der Reformation übertüncht worden, sondern oft erst viel später - und vor allem unzerstört. „Es hat einen Bildersturm in Mediasch gegeben, er war aber hier nicht so heftig.“

Der Hauptaltar, ein spätgotischer Flügelaltar mit acht Bildkassetten, um 1490 herum geschnitzt, hat ihn überlebt. Er stammt von einem unbekannten Künstler, „doch wir wissen,dass er eine Kopie des Schottenstiftaltars aus Wien ist“, verrät Servatius-Depner. Tatsächlich, unter dem linken Arm des gekreuzigtes Jesus ist die Stadt Wien um 1840 abgebildet, deutlich erkennbar der Stephansdom. „Das hat man aber erst 1930 entdeckt.“ Trotzdem hat der Künstler auch die Landschaft um Mediasch festgehalten, wie die nächste Tafel suggeriert. Einflüsse der Schottenstiftschule sind übrigens auch an den Altären in Birthälm/Biertan und Großprobstdorf/Târnava erkennbar.

Die Flügel werden nur noch zweimal im Jahr an Ostern und Weihnachten geöffnet, ohnehin sind innen nur drei moderne hölzerne Heiligenstatuen zu sehen. Sie wurden 1992 vom österreichischen Bildhauer Franz Pichler gestiftet. Die Originale sind möglicherweise schon beim Bildersturm vor der ersten Synode verloren gegangen. Die Bildkassetten zeigen den Passionszyklus, der in Mediasch nicht mit der Grablegung von Jesus endet, sondern mit der Auferstehung. Schmunzelnd bemerkt der Pfarrer: „Das, finden wir Mediascher, ist ein optimistisches Ende, das zu uns fröhlichen Weinländern passt!“

Dorfaltäre und Teppichsammlung

Zudem dient die größte Kirche des Weinlands, zugleich die größte genutzte Stadtkirche, gesichert und bewacht, als Rettungsraum für gefährdete Objekte aus verlassenen Dorfkirchen: Drei zauberhafte Altäre aus Schorsten/Șoroștin (1520), Nimesch/Nemșa (1520)und Tobsdorf/Dupuș (1470/80) kann man in der Sakristei, auf der Schneiderempore und im Kirchenschiff bestaunen. Erwähnenswert auch die beeindruckende Teppichsammlung, dokumentiert im Ende 2017 erschienenen deutsch-englischen Band „Die Margarethenkirche in Mediasch. Das Bauwerk und die Teppichsammlung“, als Initiative des Teppichkenners und Mitautors Stefano Ionescu, der die kostbaren Stücke vor Ort ausführlich studiert hat. Also doch Museum?

Auf der Empore herrscht auf einmal Ruhe. Ach - die Orgel! 1756 wurde das prachtvolle Stück vom Hermannstädter Meister Johannes Hahn erbaut, 2005 umfassend restauriert, 2013 neu intoniert, dieses Jahr erhielt sie einen neuen Balg. Bespielt wird sie von der Organistin Edith Toth, die im Hof, von der begeisterten Bonner Gruppe umringt, mit Fragen bestürmt wird.
In der Kirche ist es endlich leise. Aber sicher nicht für lange...

 

Kommentare zu diesem Artikel

Michael, 08.10 2018, 19:46
Danke für den interessanten Artikel.

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