Wo sind die Sachsen?

Schattenwürfe eines „Lichtzeichners“

Montag, 14. August 2017

„Wenn auf den Straßen Hermannstadts kein Sachse zu sehen ist, wird wohl gerade Stadtratssitzung sein“, schreibt Doris-Evelyn Zakel im Katalog der Ausstellung „Sa{i“ (Sachsen), die im Rahmen des Sachsentreffens in Hermannstadt/Sibiu besichtigt werden konnte. Der Leserbrief von Karin Gündisch in der ADZ hatte mich darauf besonders neugierig gemacht. Denn sowohl Sachsen als auch Fotografie gehören zu meinem täglichen Leben – im Beruf durch die ADZ, privat durch meine Ehe mit einem Fotografen. Und wie der Autor der Ausstellung, der aus Kiel stammende Thomas Duffé, sich als „Lichtzeichner“ bezeichnet, hatte auch mein Mann den Ausdruck geprägt, als Fotograf „mit Licht zu schreiben“. Gespannt suchen wir das für 5. August, 17.30 Uhr, im Programm des Sachsentreffens als „Finissage“ angekündigte Ereignis auf. Gähnende Leere im Ausstellungsraum am Großen Ring Nr. 12. Drei-vier Leute schleichen durch den Saal, ein Kameramann scheint, wie wir, hartnäckig auf etwas zu warten, das nicht kommt.

Wahrscheinlich ist wirklich gerade Stadtratssitzung... Die Sachsen sucht man allerdings auch auf den schwarzweißen Fotografien vergeblich. Es ist nichts Typisches – noch nicht einmal Stereotypisches – zu erkennen. Nicht auf den ersten Blick, nicht bei intensiver Suche. Die Fotos wirken gestellt, die Subjekte zum Einzel- oder Gruppenfoto aufgestellt, an die Wand gestellt, wie Fremdkörper in die Landschaft gestellt. Manchmal auch bloßgestellt, wie der dickbauchige „Peter“, mitten im Gerümpel sitzend. Oder „Andreas“, der auf einem Schemel auf der Betonfläche innen vor dem Hoftor abgelichtet wird – unwahrscheinlich, dass er dort jemals wirklich sitzt. Es fehlt jegliche natürliche Beziehung zum Umfeld. Niemand hackt im Garten, tüftelt in der Werkstatt, bindet Weinranken hoch, unterhält sich in geselliger Runde, treibt die Büffel nach Hause, öffnet mit schwerem Schlüssel die Kirchentür, spielt Orgel, kehrt den Hof, backt Brot oder Hanklich, sitzt von Hühnern und Gänsen umgeben auf der Bank vor der Dorfstraße. Dies aber sind die Bilder, die mir spontan von Überlandfahrten durch Siebenbürgen zum Stichwort „Sachsen“ aufsteigen.

Ich denke an Johann Schaas aus Reichesdorf/Richiş, den Schalk in den Augen, wie er mit einem Gläschen Selbstgebranntem auf der Treppe vor der Haustür hockt, mir listig zuprostet und erzählt, warum er nicht nach Deutschland wollte. An Sara Dootz aus Deutsch-Weißkirch/Viscri, wie sie mit dem Buch allein vor den gewaltigen Kirchenburgmauern sitzt und – mit etwa 80 Jahren – wegen der Touristen Französisch büffelt. An Sofia Folberth, die – mit damals fast 90 – wie ein Teenager im verlassenen, alten Pfarrhaus von Deutsch-Kreuz/Criţ campierte, um die Kirche zu putzen und die Dachreparatur zu beaufsichtigen; ihre Wäsche wusch sie vor dem Haus in einer Schüssel. An Uwe Boghean in Großschenk/Cincu und seine abenteuerliche Werkstatt, in der er schreinert, Urzelmasken bastelt, Lederwamse näht und bestickt, Felle gerbt und Tiere ausstopft. An den siebenjährigen Horsti, der, ein totes Vögelchen an einem Bindfaden schwingend, ins Zimmer stürmt, während seine Großmutter Marietta mir stolz etwas von ihrem selbstgepflückten Wiesenblumentee abfüllt. An den betagten Herrn Depner aus Deutsch-Tekes/Ticuşu Veche, Gott hab ihn selig, der mit seinem uralten Mercedes und einer dörflichen Zulassungsnummer im Schritttempo über die Schotterstraßen holperte. Oder an die blaue Babybadewanne voll hausgemachtem Nudelteig im Hof von Gerhild und Dietmar. Dies ist mein Bild von den Sachsen.

Karin Gündisch beklagt im Leserbrief, sich statt der angekündigten Porträtaufnahme in der Ausstellung vor der offenen Badezimmertüre – mit dem sichtbaren Wäschehaufen im Hintergrund – wiedergefunden zu haben. Tatsächlich gibt es trotz des Untertitels „Porträts einer Minderheit“ in der Ausstellung kaum Nahaufnahmen von Gesichtern. Auch der Gesamteindruck ist nicht der, den man mit Siebenbürger Sachsen verbindet. Er ähnelt vielmehr dem einseitigen, klischeehaften Rumänienbild der mit dem Land nicht Vertrauten: Armut, Lethargie, Trostlosigkeit, Verfall. Sieht der Autor Siebenbürgen und seine Sachsen tatsächlich so? Wollte er sie so sehen? Wer mit Licht zeichnet, kann auch den Schatten betonen. Trüge die Ausstellung nicht den Titel „Saşi“ – wer hätte das Thema wohl erraten?

Kommentare zu diesem Artikel

Karin, 16.08 2017, 18:33
Sehr geehrte Frau Zakel,
der Fotograf hat mich gebeten, dass ich mich an meinen Arbeitstisch setze. Ein gestelltes Foto also. Ich habe in seiner Anwesenheit weder geschrieben noch gelesen. Er wollte ein Portrait zum Thema "Sommersachsen" machen. Als ich ihn in der dilettantisch gehängten Ausstellung auf diese inszenierte Täuschung aufmerksam machte und auf die geöffnete Badezimmertür hinwies, hat er frech geantwortet, dass er die Tür nicht geöffnet habe. Er kam sich vermutlich dabei auch noch witzig vor. Ich fühle mich manipuliert und werde in Zukunft besser aufpassen, wen ich ins Haus lasse. Es geht mir hier auch gar nicht um das Foto, sondern um das Lügennetz drumherum: Ich erinnere mich noch genau, wie der Fotograf mir seine Freude darüber ausdrückte, dass ich ihm einen anderen Grund für meine Sommer in Siebenbürgen nannte als die meisten "Sommersachsen", die aus Solidarität mit ihren Landsleuten und auch um den Garten zu bearbeiten, jedes Jahr nach Rumänien kämen. Bei der Vernissage hingegen erzählte er mir, dass das Projekt über die Sommersachsen von seiner Kollegin gemacht würde und dass er sich nur aus Kostengründen den Wagen und die Reisekosten mit ihr geteilt habe. Um eine flotte Antwort war er jedenfalls nicht verlegen.
Es fehlt in dieser Ausstellung der Respekt für die Portaitierten und das Interesse für das Thema. Wie hätte Ihnen ein Foto gefallen, das "Doris-Evelyn" benannt wäre und im Vordergrund das Portait eines Dobermanns zeigte? Und das unter dem Titel "Sachsen"! Da wäre Ihnen die flapsig reklamierte Authentizität des Fotografen wahrscheinlich doch etwas zu weit gegangen.
Mit freundlichen Grüßen Karin Gündisch
Doris-Evelyn Zakel, 14.08 2017, 20:33
Liebe Frau May,

von Journalistin zu Journalistin: Sie zitieren ein Zitat, denn die so schöne und treffende Redensart „Wenn auf den Straßen Hermannstadts kein Sachse zu sehen ist, wird wohl gerade Stadtratssitzung sein“ entspringt nicht meinen eigenen Gedanken. Es dennoch als solches auszugeben entspricht weder journalistischen Maßstäben, noch den Orts- und Landeskenntnissen, die Sie dem Fotografen gerade absprechen.

Als Autorin des Ausstellungstextes, Porträtierte und Siebenbürger Sächsin, erlauben Sie mir die folgenden Anmerkungen. Ungeachtet der Tatsache, dass Ihnen Ihre persönliche Meinung zur Ausstellung sowie der ästhetischen Qualität der Porträts ebenso zusteht, wie jedem anderen auch - Ihr Text ist schlicht eine Mischung aus naiver Nostalgie und unangemessener Polemik. Das Bild "des typischen Sachsen", das Sie hier langatmig zeichnen und gerne in der Ausstellung angetroffen hätten - nun, Sie sollten eigentlich wissen, dass es "diesen Sachsen" nicht gibt. Nicht in den alten Specktürmen, nicht auf den Korn- und Maisfeldern Ihrer Dreifelderwirtschaft und auch nicht in ihren guten Stuben auf selbstgestickten Kissen sitzend. Die "Heile-Welt-Idylle", die Sie in Ihrem Text zeichnen und in der Ausstellung vermissen ist vielmehr eine Illusion, die einen professionellen Fotografen wenig interessiert. Auf den Touren durch Siebenbürgen, die ich zum Teil auch begleitet habe, war weder ein vorgeschriebenes Drehbuch zur Inszenierung des "echten Sachsen", noch ein Schminkkoffer für die Retusche dabei. Was aber mit dabei war, das war ein Auge fürs Detail, für Stimmungen, für die Menschen und nicht zuletzt für die Realität. Niemand wurde auf einen Schemel gesetzt um vor seinem Gartentor zu posieren - im Gegenteil. Die Porträtierten sollten sich dort ablichten lassen, wo sie sich am wohlsten fühlten. Dass dies nicht, wie von Ihnen erwartet, "ganz spontan" beim Hacken im Garten oder Brot backen erfolgt ist, ist sehr bedauerlich. Es scheint, als suchte so mancher Mensch lieber den Schatten, als das Licht. Ich für meinen Teil, als Siebenbürger Sächsin, die tatsächlich spontan, ohne Regieanweisung, Maske, Dorfidylle, Borten und Tracht abgelichtet wurde, fühle mich gut getroffen. So wie ich bin. Ein Bildnis meiner selbst. Denn nichts anderes ist ein Porträt: das Bildnis eines Menschen. Mal in Fern-, mal in Nahaufnahme. Mal mit verknittertem Hemd, mal mit Augenringen, Bierbauch oder einem Wäschekorb im Hintergrund. Hauptsache authentisch.

Mit herzlichen Grüssen,
Doris-Evelyn Zakel

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