„Wolfsberg war für ihn eine Inspiration“

Interview mit der Kunsthistorikerin und Schriftstellerin Annemarie Podlipny-Hehn

Mittwoch, 29. Juli 2015

Dr. Annemarie Podlipny-Hehn bei der Eröffnung der Ausstellung von Julius Podlipny im Kunstmuseum Temeswar. Foto: Zoltán Pázmány

Jeden Sommer zieht es sie hinauf – die bildenden Künstler, die von der Schönheit des Banater Berglands, von Wolfsberg/Gărâna, beeindruckt sind. Es ist für viele ein Treffpunkt geworden, ein Ort, an dem sie sich austauschen und ihre Kunst frei entfalten können. Als Beispiel gilt das internationale Symposium für bildende Künste und Literatur, das im Wolfsberger „Arthouse“/“Kunsthaus“ von der Temeswarer bildenden Künstlerin Elisabeth Ochsenfeld alljährlich veranstaltet wird. Mehr als zehn Künstler aus fünf Ländern trafen sich in diesem Jahr in Wolfsberg und arbeiteten eine Woche lang zusammen. Sie führen somit eine Tradition weiter, die vor einem halben Jahrhundert einer der bekanntesten bildenden Künstler aus Temeswar/Timişoara angefangen hat: Julius Podlipny (1898 - 1991). Zwischen 1962 und 1964 mieteten er und seine Gattin Annemarie Podlipny-Hehn ein kleines Haus in der beliebten Ortschaft aus dem Banater Bergland. In einem BZ-Interview beschreibt die Kunsthistorikerin und Schriftstellerin Annemarie Podlipny-Hehn die Zeit, in der der geschätzte Künstler und Professor am Kunstlyzeum Temeswar zusammen mit seinen damaligen Schülern, die Wolfsberger Landschaften malte.


Warum haben Sie damals gerade Wolfsberg ausgewählt, um sich dort für eine Zeit lang niederzulassen?

Wolfsberg war für Julius Podlipny eine Inspiration. Das war der Grund, warum wir immer dort raufgegangen sind: die Landschaft, die Gegend. Er ist in allen Schulferien mit seinen Schülern nach Wolfsberg gefahren, um Landschaften zu malen und da es immer im Sommer war, wurde das dann so etwas wie eine Sommerschule. Er hat Wolfsberg sehr geliebt, weil es eine sehr schöne Gegend mit wunderbaren Menschen ist. Und so ist Wolfsberg in die Kunst eingegangen – nicht nur in seinen Bildern, sondern auch in denen seiner Schüler. Nach der Revolution sind viele seiner Schüler nach Wolfsberg zurückgekehrt und haben sich dort Häuser gekauft. Einer davon, Bata Marianov – der Gründer des Freilichtmuseums mit Holzskulpturen in Wolfsberg – hat dort sogar eine Sommerschule initiiert. Auch in Weidenthal/Brebu Nou sind ehemalige Schüler von Podlipny, die sich in dieser Gegend Häuser gekauft haben und die Sommermonate dort verbringen. Sie halten die Landschaft auf ihren Bildern immer noch fest, genauso, wie sie es damals, zusammen mit Julius Podlipny, getan haben.

Schon in den 50er Jahren ist er mit seinen Schülern nach Wolfsberg gegangen. In den 60ern ging auch ich mit und wurde dort an der Schule Lehrerin. Zuvor war ich Lehrerin in Orzydorf und dann habe ich den Lehrerberuf weiter in Wolfsberg ausgeübt. Nicht weit weg von der Schule haben wir ein Haus gemietet und dort zwei Jahre verbracht.

Wolfsberg war früher ein „Luftschnapper-Ort“, so haben sie (Anm.d.Red. die Banater) es genannt. Es war ein Ausflugs- und ein Erholungsziel, wo sie im Sommer hinfahren konnten. Sie sind mit ihren Kindern hinauf gefahren, weil es dort frische Luft gab. Meistens hatten die Kinder den Keuchhusten im Winter und dann sind sie im Sommer an die frische Luft gefahren. Schon zwischen den zwei Weltkriegen wurden dort Ausflüge organisiert. Jakob Weinfurter, ein gebürtiger Wolfsberger, teilte die Gäste auf Häuser auf. Er besaß das Restaurant und das Wirtshaus im Dorf und er empfing alle, die in den Ferien nach Wolfsberg kamen. Viele davon meldeten sich schon im Winter an, um sich einen Platz zu sichern.

Wie war das Wolfsberg der 1960er Jahre?

Das ganze Dorf war eine große Familie, weil ja auch jeder mit jedem eigentlich verwandt war: Sie haben sich in der Verwandtschaft verheiratet. Der Ort war so abgelegen. Sie haben sich schnell an die Künstler gewöhnt. Da jahrelang Leute von außen gekommen sind, war es eigentlich kein Unterschied, ob die jetzt Künstler waren, oder Beamte, oder mit sonst welchen Berufen.

Die Einheimischen lebten noch vom Verkauf ihrer Produkte in Reschitza und in Karansebesch. Die Frauen sind einmal die Woche in die Städte gegangen, um dort Milch, Butter und Käse zu verkaufen. Im Herbst hatten sie gute Kartoffeln, Rüben, Äpfel und vieles mehr.

Früher war es eine ganz andere Situation: In Wolfsberg lebte eine ganz andere Art von Leuten. Damals war es ein Dorf. Jetzt ist es ein Ferienort. Damals hat man die Gänse, die Enten und die Kühe in der Früh auf der Straße gesehen, wie sie langsam zur Weide gingen. Heute, wenn man im Sommer raufgeht, stehen links und rechts am Straßenrand lauter Autos. Das ist das typische Bild von Wolfsberg heute. Trotzdem ist es gut, dass es erhalten geblieben ist, nicht so wie Lindenfeld. Lindenfeld war damals schon ganz aufgegeben. Es gab keine Möglichkeit für die Menschen, dort zu überleben, weil es komplett abgeschnitten von der Welt war. Die sind dann nach Karansebesch und in die umliegenden Dörfer gezogen.

Wie war das Verhältnis der Künstler mit den Einheimischen?

Sie haben sich fast gar nicht getroffen, weil die Einheimischen von früh bis abends auf dem Feld arbeiteten. Die älteren Frauen haben die Wirtschaft und das Haus geführt. Die Einheimischen waren zu allen Gästen freundlich und zuvorkommend, weil sie ja auch vom Tourismus lebten. Sie vermieteten ihre Häuser. Im Vergleich dazu, wohnen heute die Touristen nur noch in Pensionen, denn die gebliebenen Einheimischen vermieten ihre Zimmer nicht mehr.

Welche Unterschiede gibt es noch zwischen dem damaligen und dem heutigen Wolfsberg?

Ich bin froh, dass die Häuser so geblieben sind, wie sie waren. Als die Neureichen von Temeswar, von Reschitza und Umgebung hinzogen, haben wir erwartet, dass sie die Häuser umbauen werden. Aber das ist nicht der Fall gewesen. Bloß die Scheunen haben sie umgebaut, da im Hof viel Platz zum Bauen war und die Scheunen sowieso nicht mehr brauchbar waren. Mehrere Hausbesitzer haben Pensionen gegründet. Es war für sie eine Investition, da die Häuser gleich nach der Wende sehr billig waren. Die Einheimischen sind nach Deutschland umgesiedelt und haben ihre Häuser schnell verkauft. Um 4000 D-Mark konnte man schon ein Haus in Wolfsberg kaufen. Innerhalb von einigen Jahren stieg der Preis auf 30.000 Mark.

Haben Sie und Julius Podlipny nach der Wende auch daran gedacht, Rumänien zu verlassen?

Nein. Temeswar war seine Wahlheimat und die wollte er nie verlassen. Zwischen 1962 und 1964, als wir in Wolfsberg lebten, war Julius Podlipny in Rente, aber danach sind wir nach Temeswar zurückgekehrt: er wieder zurück in die Schule (Anm.d.Red. das Kunstlyzeum) und ich ins Museum (Anm.d.Red. das Kunstmuseum).

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