WORT ZUM SONNTAG: Allen nützen, niemandem schaden

Sonntag, 28. Juli 2013

Ein Student berichtete, er habe bei seinem Studium in einem Seminar erfahren, dass man im heißen Wüstensand Ägyptens einen kleinen Papyrusfetzen gefunden habe, auf dem nur ein Satz geschrieben stand: „Wer der Größte unter euch sein will, der sei euer aller Diener!“ Der unterrichtende Professor schaute dabei seine Schüler nachdenklich, aber freundlich an und erklärte: „Wenn es von dem ganzen Neuen Testament nur dieses eine Wort gäbe, wäre das für mich ein ausreichender Anlass, um entweder Christ zu werden oder zu bleiben.“

Christus hat diesen seinen Ausspruch anschaulich in seinem Gleichnis vom „barmherzigen Samariter“ dargelegt. Ein Mann lag ausgeraubt und schwerverwundet am Wegesrand. Zwei Männer, die ihn sahen, gingen gleichgültig vorüber. Doch der reisende samaritanische Kaufmann blieb stehen und beschloss sofort, dem Unbekannten zu helfen. Er fragte den Unglücklichen nicht nach seiner Nationalität, nicht nach seinem Glauben oder seinem Beruf. Er sah nur eines: Hier liegt ein Hilfsbedürftiger, dem geholfen werden muss, mag es auch Kosten, Mühe und Zeit verursachen. Die Aufforderung Christi am Ende des Gleichnisses: „Gehe und handle genauso“ gilt für alle Zeiten, auch heute, für uns, ohne Ausnahme. Christus hat mit diesem Wort das richtige christliche Handeln auf die kürzeste und prägnanteste Formel gebracht. Es ist dies die aktive Aufgabe unseres Christseins.

Wie sieht die andere, die passive Seite dieser Aufgabe aus? Ein Mann kam zum berühmten Rabbi Schammai und sagte: „Ich will Jude werden, wenn du mir das Wichtigste der jüdischen Religion in der Zeitspanne sagen kannst, wie ich auf einem Fuß stehen kann.“ Der Rabbi dachte an die fünf Bücher Mose und an all die jüdischen Auslegungen zu diesen Büchern, die angeben, was alles wichtig ist, um das Heil zu erlangen. Er musste zugeben, dass es ihm unmöglich sei, alles in ein paar Sätzen zusammenzufassen. Darauf ging der Mann zur Konkurrenz. Das war der ebenfalls berühmte Rabbi Hillel. Er trug diesem das gleiche Anliegen vor. Sofort antwortete der Rabbi: „Was du nicht willst, dass man dir tu’, das füg’ auch keinem andern zu! Das ist das Gesetz. Alles andere ist Auslegung.“ So kann man die aktive und passive Aufgabe unseres christlichen Lebens in die kurze Formel fassen: „Allen nützen – niemandem schaden! Man sagt manchmal von Menschengruppen, dass sie mit ihrem Tun und Lassen für andere eine Brückenfunktion ausüben. So sagt man auch von uns Rumäniendeutschen, dass wir zwischen Deutschland und Rumänien ebenfalls eine Brückenfunktion ausüben und dass dadurch beide Länder einander leichter näherkommen. 

Eigentlich sollte jeder Christ in seinem Umkreis eine Brückenfunktion ausüben. Ein Gleichnis mag uns das veranschaulichen. Die Zeit war wieder einmal zu den Menschen unterwegs, um sich ihnen zu schenken. Da betrat sie eine alte Brücke. Sie blieb stehen und fragte freundlich: „Na, meine Liebe, was arbeitest du so den ganzen Tag?“ „Ich habe nur eine einzige Aufgabe“, erwiderte die Brücke, „nämlich: den Menschen zu helfen, dass sie den Weg über alle Gräben zueinander finden.“ „Erfüllt dich diese Arbeit?“ wollte die Zeit wissen. Freudig antwortete die Brücke: „Für mich ist das die herrlichste Aufgabe der Welt, weil ich dienen darf: den Menschen, indem ich Getrennte verbinde und ihnen den Weg zum Ziel erleichtere; dir, der Zeit, indem ich dazu beitrage, dass Menschen dich annehmen, um sich über Gräben hinweg zu begegnen. Indem ich beides tue, verbinde ich Himmel und Erde und diene so Gott.“
Die Brücke dient leicht allen, die sie betreten. Für uns lebende Menschen ist es schwerer, Brückendienst auszuüben.

Aber wahres Christentum offenbart sich gerade darin, dass es uns zu tragfähigen geistigen Brücken machen kann. Die zwei Männer im Gleichnis Christi, der Priester und der Levit, hatten nicht die geistige Kraft zur Brückenfunktion. Gleichgültigkeit gegen die Not von Mitmenschen ist ein denkbar schlechtes Brückenmaterial. Das erfuhr leidvoll der Nobelpreisträger Elie Wiesel. Als Vierzehnjähriger wurde er von Sighet im Viehwaggon nach Auschwitz deportiert. Aus dem Lager Buchenwald 1945 befreit, beschreibt er seine „Urerlebnisse“: „Am Tag, als die Polizisten in die Häuser von Sighet eindrangen und die jüdischen Bürger des kleinen Städtchens auf dem Marktplatz zusammentrieben, sah ich aus dem gegenüberliegenden Fenster ein Gesicht. Ein nichtssagendes, alltägliches, gelangweiltes Gesicht, das nie eine Leidenschaft bewegt hatte. Ich habe es lange betrachtet. Es sah hinaus, kein Mitleid spiegelte sich in seinen Zügen, weder Freude noch Schrecken, nicht einmal Zorn oder Neugierde; regungslos, kühl, unpersönlich“

Hüten wir uns davor, ein solches Gesicht zu bekommen. Auf solche Menschen trifft das Wort Christi im Gleichnis zu: „Er sah ihn und ging vorüber.“ Es war eine Versammlung von Sozialaktivisten. Man sprach über das vorhandene Geld und über Sozialpläne. Da stellte ein Mann einen Mehrfachbehinderten in ihre Mitte und fragte: „Wie hoch schätzt ihr diesen Menschen?“ Sie dachten an die Kosten für seine Pflege und Ausbildung und an den winzigen Nutzen, den er bringen konnte. Alle schwiegen. Da sagte der Mann: „Dieser Mensch ist wertvoller als euer ganzer Etat für Soziales. Er ist Gottes Geschöpf, einmalig und unaustauschbar. Er ist Person und deshalb ein Ebenbild Gottes. Auf seine Weise verherrlicht er Gott, der ihm auf göttliche Weise zugetan ist, in persönlicher, vorbehaltloser, unbegrenzter Liebe.“ Schauen wir unsere Mitmenschen nicht mit gleichgültigen „Sighetaugen“ an, sondern mit gütigen „Samariteraugen“. Seien wir keine morschen, sondern durch christliche Liebe tragfähige Brücken, die helfen, dass Menschen zueinander und zu Gott finden.

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