WORT ZUM SONNTAG: Auf dem Pilgerweg

Sonntag, 08. Januar 2012

Wir sind ins neue Jahr eingetreten. Wo sind wir aber angelangt?
Eine gute Gelegenheit, uns zu orientieren. Was stellen wir fest? Auch im neuen Jahr haben wir noch immer denselben Pilgerhut auf dem Kopf und die gleichen Pilgerschuhe an den Füßen wie in all den vergangenen Jahren unserer Lebensfahrt. Auch im neuen Jahr sind wir auf der Lebensreise. Wohin soll sie gehen? Wo ist das Endziel? Für den Atheisten geht die Reise dem Tode entgegen. Das Endziel heißt: finsteres Grab! Für den gläubigen Christen ist es ein Pilgerweg, der schließlich im Vaterhaus Gottes endet.

Da wir aber keine Einsiedlerkrebse sind, pilgern wir gemeinsam durch das neue Jahr. Soll unsere  Pilgergemeinschaft nicht auseinander fallen, muss jeder von uns seinen positiven Beitrag leisten. Deshalb sollen wir gut miteinander umgehen und jedem Mitpilger die schuldige Ehre und Anerkennung erweisen. Denn jeder von uns ist adelig, denn jeder trägt das Ebenbild Gottes in sich. Darum fühlt auch jeder Mensch, dass er einen bleibenden Wert in sich hat und erwartet, dass dieser Wert von den Mitpilgern anerkannt und respektiert wird. Wird dieser Hunger nach Anerkennung und Respekt nicht gestillt, ist es, als ob der Mensch innerlich austrocknet. Er resigniert, wird kraftlos und unmotiviert. Allerdings steigt in manchen Menschen der Drang nach Anerkennung über das gesunde Maß hinaus. Christoph Kolumbus flehte den spanischen König um den Titel „Großadmiral des Ozeans und Vizekönig von Indien“ an. Der bedeutendste französische Dichter und Romancier des 19. Jahrhunderts Victor Hugo („Der Glöckner von Notre-Dame“, „Les Miserables“) verlangte gar, dass man Paris nach ihm umbenennen solle.

Wir haben nicht so hochfliegende Allüren. Aber wir wollen von unserer Umgebung anerkannt sein. Von einer einfachen Bauersfrau erzählt man sich, dass sie eines Abends den Männern vom Hof als Mahl einen Haufen Heu vorgesetzt habe. Als diese sich lautstark beklagten, sagte die Bäuerin: „Ach, ich dachte gar nicht, dass ihr das merken würdet. Da habe ich 20 Jahre hindurch für euch gekocht und nie hat einer das Maul aufgemacht, um mir zu sagen, dass es nicht bloß Heu war, was ich auf den Tisch brachte.“ Auch sie wollte endlich einmal Anerkennung für ihre tägliche Leistung haben. So manche Frauen, die sich von ihren Ehemännern getrennt haben, gaben als Motiv an: „Mangel an Anerkennung.“ Wir erleichtern unser Zusammensein und unser Gemeinschaftsleben, indem wir die positiven Eigenschaften unserer Mitpilger anerkennen und es ihnen auch kundtun. Ein Chef, der seine Mitarbeiter nicht ständig tadelt, sondern öfter lobt, motiviert sie unbewusst immer wieder neu. Sie werden in ihren Aufgaben bestärkt, anerkannt und bekommen das Gefühl, gebraucht zu werden. So gibt jeder gerne sein Bestes und leistet wesentlich mehr, als ein unmotivierter, oft getadelter Mitarbeiter. Das gilt nicht nur für Chefs, sondern auch für Ehepartner, Freunde, Verwandte und Bekannte. Im Alltag ein aufrichtiges, freundliches „Das hast du gut gemacht“ oder „Du bist geschickt in deiner Arbeit“ wirkt oft Wunder. Es öffnet Herzen und Türen.
Lob und Wertschätzung sind in jedem Bereich des Lebens unverzichtbar. Sie kosten nichts und sind doch kostbar. So wollen wir im neuen Jahr auf unserem gemeinsamen Pilgerweg einander mit Achtung und Anerkennung begegnen. Mit positiven Urteilen im Umgang erleichtern wir einander die Lasten und Mühen auf dem anstrengenden Pilgerweg zum Vaterhaus Gottes.

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