WORT ZUM SONNTAG: Auf welcher Seite stehen wir?

Samstag, 15. August 2015

Die Geschichte vom Pharisäer und vom Zöllner gehört wohl zu den bekanntesten im Neuen Testament. Gleichzeitig, so finde ich, führt sie auch auf ein sehr dünnes Eis.  Da kommen zwei Menschen zum Gebet in die Kirche. Einer, für den sein Glaube eine Selbstverständlichkeit ist, er ist sozusagen damit groß geworden, stammt aus einer Familie, in der es dazugehört, sich in der Heiligen Schrift auszukennen und alle Glaubensregeln gewissenhaft zu befolgen. Und eigentlich will er nur seiner Dankbarkeit Ausdruck verleihen, dafür, was ihm mitgegeben worden ist. Das ist allzu verständlich. Vielleicht gibt es Menschen unter uns, die auch ihren Eltern, ihrer Mutter oder Großmutter dankbar sind, durch sie christlich erzogen worden zu sein.  
                        
Dass es letztlich Gott ist, dem Dank gebührt dafür, dass es einem möglich ist, ein einigermaßen geordnetes Leben zu führen, daran denkt man fast zu selten. Dieser Schriftgelehrte in unserer Geschichte hingegen ist sich dessen bewusst, und es kann durchaus sein, dass er nicht nur seiner Glaubenspflicht nachkommt, sondern einem tiefen inneren Bedürfnis, als er im Tempel betet.

Trotzdem fänden wir ihn, wohl auch ohne die Worte, die Jesus an den Schluss seiner Erzählung stellt, möglicherweise ziemlich unsympathisch.               
            
Der andere ist ein Zöllner. Irgendwie können wir spontan mit dem Zöllner, einem Gauner, auch aus der Not heraus, besser mitfühlen. Sein Beruf bringt es mit sich, dass er ein bisschen korrupt ist, er muss mit der Besatzungsmacht kooperieren, aber er drückt auch mal ein Auge zu, und nimmt seine Pflichten nicht so genau, wenn dafür für ihn und seine Familie was rausspringt. Mehr oder weniger sind wir alle so, mag man denken.

Nun aber, wo stehe ich? Auf der Seite des Pharisäers, oder der des Zöllners?

Irgendwie fühlt man sich hin- und hergerissen. Mir ist es zum Beispiel durchaus schon so gegangen, dass ich mich bei dem Gedanken ertappt habe: „Wie gut, dass ich, trotz aller Brüche in meinem Leben, so weit heil geblieben bin.“ Bis dahin ist das bestimmt nicht falsch. Gefährlich wird es, wo ich mit dem Vergleichen beginne. Da fange ich an, Pharisäer zu werden. Aber im Grunde steckt wohl in mir, wie in jedem Menschen, ein Stück von beiden.

Ja, manchmal ist das so: Ich kann mich selbst nicht ausstehen, genau dann, wenn ich nicht verhindern kann, dass ich mich innerlich über andere erhebe und wenn mir sofort meine Versuche, mir zu sagen, ich bin doch wirklich ein winzig kleines Licht und kann nur bitten, „Gott sei mir Sünder gnädig“, klar machen, dass ich mir falsch, hohl und halbherzig vorkomme. Ich bin aber überglücklich, wenn ich mir sage, dass Gott das weiß und mich trotzdem liebt.

Jeder kann aus seinem Leben etwas machen! Stimmt das? Ich denke an Leute, denen es geht wie dem Zöllner: Die so viel auf sich geladen haben, dass ein Menschenleben nicht ausreicht, alles wieder in Ordnung zu bringen. Ich denke an persönliches Scheitern, für das ich bestimmt selbst mit verantwortlich bin, aber dessen Folgen sich nicht mehr ausbügeln lassen. Das geht mir so und sicher auf bestimmten Strecken jedem von uns.

Wieder denke ich daran, dass Gott uns trotzdem liebt und behütet hat und daran, dass Gott eben ganz anders ist. Dass ich ihm keine Erfolgsbilanz vorlegen muss. Und dass ich daher gar keinen Grund habe, auf materielle Dinge neidisch zu sein. Ist das nicht Grund genug, die Unsicherheit gegenüber den „Erfolgreichen“ hinter sich zu lassen?
Wozu soll ich überhaupt beten, Gott weiß doch, was mit mir los ist und es sind so viele, die zu ihm sprechen.
Hört er mich, will er mich überhaupt hören? So verzweifelt, so hilflos wird auch dieser Zöllner gewesen sein, als er fast zusammenbrach unter dem Seufzer: „Gott sei mir Sünder gnädig.“ Gott hört auch unausgesprochene Gebete, wenn sie von Herzen kommen.

Nun heißt es erst einmal bewusst erkennen, wer und wie ich selbst bin, mit all meinen Abgründen, aber auch mit allen liebenswerten Seiten. Wer immer nur seine Sünden betont, läuft wie der Pharisäer Gefahr, sich und anderen etwas vorzumachen. Nur wer weiß, dass er, weil von Gott geliebt, auch liebenswert ist, kann wirklich aus ehrlichem Herzen bitten: „Gott, sei mir Sünder gnädig“. Und er wird erfahren, dass Gott das geknickte Rohr eben nicht zerbrechen wird und aus einem glimmenden Docht eine brennende Kerze machen kann.

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