WORT ZUM SONNTAG: Bartholomäus und die Kirche

Sonntag, 25. August 2013

Im 21. Artikel des Augsburgischen Glaubensbekenntnisses heißt es über den Dienst der Heiligen: „Man soll der Heiligen gedenken, damit unser Glaube gestärkt werde, wenn wir sehen, wie ihnen Gnade widerfahren und wie ihnen durch den Glauben geholfen wurde.“ Unsere Gottesdienste sähen farbiger aus, wenn wir an den Tagen der Heiligen ihrer gedenken würden. In unserer lutherischen Agende haben sie alle ihren Ehrenplatz.

Der 24. August ist der Tag des Heiligen Bartholomäus, eines Jesusjüngers. Er stammte aus Kana in Galiläa. Nazareth liegt einen Steinwurf weit. Vielleicht sogar bildlich gesprochen; denn Bartholomäus verwendet eine der damaligen Ortsneckereien, indem er seinen Freund Philippus fragte: „Was kann aus Nazareth Gutes kommen?“ Aber nehmen wir’s der Reihe nach.
Nach der Taufe Jesu im Jordan, unweit von Jericho, eigentlich am jenseitigen Ufer, nahe der Ortschaft Bethabará, wo auch heute noch die süßesten Feigen der Welt wachsen, sieht der Täufer Johannes tags darauf Jesus vorbeigehen, und er spricht jenen denkwürdigen Satz: „Siehe, das ist Gottes Lamm, das der Welt Sünde (hinweg) trägt“. Der andere Johannes, der spätere Evangelist, der mit Andreas zugegen ist, wird sich nach vielen Jahren, bei der Abfassung seines Evangeliums erinnern, dass sich diese erste Begegnung mit Jesus, an jenem Tag, um die zehnte Gebetszeit ereignet hatte, etwa eine Stunde vor Sonnenuntergang. Johannes und Andreas hatten sich Jesus sofort an die Fersen geheftet und ihn in seiner Herberge besucht – und weil sie beide einen Bruder hatten, nahm der Bruder den Bruder mit.

Johannes kam tags darauf mit Jakobus und Andreas mit Petrus. Damit hatten die ersten vier Jünger ihren Meister gefunden. Jesus selbst findet (!) etwas später den Philippus, und er ruft ihn in die Nachfolge. Philippus stammte aus Bethsaida. Er ist vielleicht ein Nachbar des Andreas und des Petrus gewesen. Philippus nun hat einen guten Freund, den Nathanael alias Bartholomäus. Zu ihm kommt er eilends gelaufen: „Komm und sieh, wir haben den gefunden, von dem Mose im Gesetz und die Propheten geschrieben haben, Jesus, Josephs Sohn von Nazareth“. Bartholomäus ist der geborene Skeptiker. Er „hinterfragt“ die lodernde Begeisterung des Philippus: „Was kann aus Nazareth Gutes kommen?“ Philippus lässt sich nicht ein auf Klügelei und Finesse, er setzt ihm ein hausbackenes: „Komm, und sieh es!“ entgegen.

Jesus sieht Bartholomäus zu sich kommen und spricht über ihn: „Siehe, ein rechter Israeliter, an dem kein Falsch ist“.
Den Übernamen Israel erhielt der Erzvater Jakob, als er mit Gott gerungen hatte. Ein Israelit ist also ein Ringer mit Gott. Das bedeutet für Bartholomäus, den sechsten Jünger Jesu, dass ihn der Herr auszeichnete, bevor er etwas geleistet hatte. Die Überraschung des Angesprochenen ist groß. Woher Jesus das alles weiß? „Ehe denn dich Philippus rief, als du unter dem Feigenbaum warst, sah ich dich“. Nathanael legt nun ein Bekenntnis ab, das dem Bekenntnis des Petrus bei Cäsarea Philippi durchaus gleichkommt: „Rabbi, du bist Gottes Sohn, du bist der König von Israel“. Als sähe er im Geist, also prophetisch die Inschrift über dem Kreuz!

Jesus hebt ihn schließlich über die Überraschung hinüber, indem er sich an die andern wendet: „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Von nun an werdet ihr  den Himmel offen sehen und die Engel Gottes hinauf und herab fahren auf des Menschen Sohn“. Drei Söhne wohnen in Jesu Brust. Schon die ersten Jünger erfahren es: der Davidssohn, der Josephssohn und der Gottessohn. Alles in allem ist er der Menschensohn. Als Gottessohn wird er die Sünde der Welt hinwegtragen. Darum wird auch der Himmel über ihnen offen bleiben. Wie bei seiner Geburt. Bartholomäus ist also genau wie Philippus ebenfalls ein „gefundener Jünger.“ Es sollten im Lauf der Geschichte noch viele solcher Jünger herzukommen.

Im Kreis der Jünger war Bartholomäus ein „Stiller im Lande“. Ein Zeuge und Nachfolger seines Herrn. Die ältesten Geschichtsschreiber bezeugen ihm den Märtyrertod. Er soll in Albanópolis, in Armenien, bei lebendigem Leib geschunden worden sein. Die Legende fügt hinzu, er habe noch in diesem kläglichen Zustand gesungen und gepredigt. Der griechische Kaiser Anastasius soll die Gebeine des heiligen Apostels im sechsten Jahrhundert einer Mesopotamischen Kirche geschenkt haben. Von dort sollen sie nach Italien verbracht, und im Jahr 983 in Rom, auf einer Insel im Tiber beigesetzt worden sein. Wir haben dafür zwar keine eindeutigen geschichtlichen Belege; doch gibt es neben den geschichtlichen immer auch die geistigen Wahrheiten.
 
Zu trauriger Berühmtheit ist der Apostel durch die Bartholomäusnacht, am 24. August 1572, gelangt. Die acht Hugenottenkriege haben der Kirche großen Abbruch geleistet. Noch heute tragen wir an den atheistischen Anbrandungen, die die Folge waren. Das reicht über die Französische Revolution bis in die Gegenwart. Wenn Kirche zweckentfremdet wird, kann es zu solchen Aus- und Rückfällen  kommen. Es ist die bittere Erfahrung der ungeteilten Christenheit, dass Gott, der Herr, den Ringer mit Gott segnet, nicht aber den Ringer mit dem Menschen schlechthin. Nach Schiller ist die Weltgeschichte das Weltgericht. Gott schlägt die Sünde der Welt. Das sehen wir an den Wunden der Welt. Er trägt jedoch die Sünde der Welt – das sehen wir an den Wunden des Gottessohns. Er ist der wahre Ringer mit Gott; denn er ringt um diese Welt mit Leib und Leben.

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