WORT ZUM SONNTAG: Das Bild des Gekreuzigten

Sonntag, 20. April 2014

Vor mehreren Jahrhunderten wurde in England der 35-jährige Lord Meffons vor Gericht gestellt. Man klagte ihn an, er habe eine Verschwörung gegen den König angezettelt. Das Gericht befand ihn für schuldig und verurteilte ihn zu lebenslänglichem Kerker. So saß der junge Lord in einer nur durch ein kleines vergittertes Fenster spärlich erhellten Gefängniszelle, die bis zu seinem Lebensende seine armselige Heimstätte sein sollte. In seinem Herzen war es noch viel dunkler als in der Gefängniszelle. Darin herrschte die Dunkelheit der Verzweiflung. Oft wütete und tobte er in der Zelle, rüttelte an der Kerkertür, verfluchte Gott und die Menschheit, das Leben und sein grausames Schicksal.

So vergingen einige trostlose Jahre. Eines Tages bat er den Kerkermeister um einen Meißel und einen Hammer. Wollte er ausbrechen? Der Kerkermeister wusste, dass er mit diesen Werkzeugen niemals die Freiheit erringen könne. So gab er ihm das Verlangte. Nun machte sich der Gefangene an die Arbeit. Er wollte kein Loch in die Kerkermauer schlagen. Das war sowieso aussichtslos. Er meißelte in die Gefängnismauer das Bild des Gekreuzigten. All das, was ihn innerlich bedrückte, das Leid, die Angst, die Verzweiflung, suchte er im Antlitz des Gekreuzigten zum Ausdruck zu bringen. Je mehr er sich mit dem Meißel abmühte, desto mehr floss auch von der inneren Geisteshaltung des Gekreuzigten in sein Herz – Geduld, Ergebung und Gottvertrauen. Wurde das Antlitz des in die Kerkerwand gemeißelten Gekreuzigten durch das erfahrene Leid und Weh des Meißelnden geprägt, so wurde dessen Seele durch das Leid des Gekreuzigten gewandelt. Er wurde, je länger er arbeitete, ruhiger und voll Gottvertrauen.
Nach 20 Jahren öffneten sich für ihn die Kerkertüren. Er wurde begnadigt. Aber das Bild, das der Gekreuzigte während der Arbeit in seine eigene Seele gemeißelt hatte, blieb für sein ganzes Leben in seinem Herzen. Der Kerkerraum mit dem einzigartigen Kreuzbild wurde später in eine Kapelle umgewandelt. Beter und Wallfahrer holten sich Kraft und Trost von jenem Kreuzbild, das ein unglücklicher, aber im Leid gereifter Mann mit seinem Herzblut geschaffen hatte.

Vom Kreuze Christi fließen uns Geduld, Ergebung und Gottvertrauen zu. Nicht nur materielle Bilder des Gekreuzigten, wie das Bild Lord Meffons, können uns ins Herz sprechen. Auch die geistigen Bilder, die in vielen Kreuzesliedern zum Ausdruck kommen, können unser Herz bewegen. Die Lieder, die durch unsere Ohren in unser Herz eindringen, bewirken oft mehr als die Bilder, die durch unsere Augen in die Seele dringen. Wir haben Kreuzeslieder, die viele Jahrhunderte hindurch den Gläubigen auf ihrem Lebensweg Trost und vor allem Leidenskraft schenkten. Ein solch unsterbliches geistiges Monument, ist das Lied „Oh Haupt voll Blut und Wunden, voll Schmerz bedeckt, mit Hohn ...“. In allen deutschen Landen, ob katholisch oder evangelisch, wird dieses Lied gesungen. Dieses geistige Bild prägt sich tief in die Herzen der deutschsprachigen Christen ein.

Wie ist dieses geistige Monument entstanden? Es war im Mittelalter. Damals war das Lateinische die Sprache der Kirche. Der flämische Abt Arnulf von Löwen, der von 1240 an Abt des Zisterienser-Klosters in Villers war, soll es angeblich gedichtet haben. Der Hymnus begann mit den Worten „Salve, Caput cruentarum“. Es ist der Verdienst des evangelischen Feldpredigers während des 30-jährigen Krieges Paul Gerhardt (1607-1676), der es 1656 mit seiner meisterhaften Übersetzung in die deutsche Sprache zum geistigen Denkmal für alle deutschsprachigen Christen gemacht hat. Er war nach Luther der größte evangelische Liederdichter. Natürlich ist dieses innerlich so ergreifende Lied auch Gemeingut der katholischen Gläubigen geworden.

Es wird immer ein rechtes Muster eines Kirchenliedes bleiben. Das ganze Lied ist Gefühl, Anbetung, Versenkung der gläubigen Christenseele in das qualvolle Antlitz des göttlichen Dulders am Kreuze. Deshalb ist es auch ein echtes religiöses Volkslied geworden, weil es fromme Stimmung und inniges Gefühl harmonisch miteinander verbindet. Wie wahr und ergreifend ist die Betrachtung des Hauptes voll Blut und Wunden, dessen Schönheit in der bitteren Todesnot verschwunden ist. Hoffnungsvoll klingt für uns die letzte Strophe: „Wenn ich einmal soll scheiden, so scheide nicht von mir. Wenn ich Tod soll leiden, so tritt dann Du herfür! Wenn mir am allerbängsten hier um das Herz wird sein, so reiß mich aus den Ängsten kraft Deiner Angst und Pein!“
Das sichtbare Kreuz soll durch unsere Augen und die Kreuzeslieder sollen durch unsere Ohren in unser Herz eindringen. Beide sollen uns dazu bewegen, unser Leben zur Nachfolge Christi zu gestalten. Dazu verhelfe uns der Schmerzensmann mit dem „Haupt voll Blut und Wunden“.

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