WORT ZUM SONNTAG: Das „Paradiesgärtlein“

Sonntag, 10. März 2013

„Jesus sprach: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer an mich glaubt, der hat das ewige Leben.“
Christus spricht vom ewigen Leben. Wir Theologen sprechen ebenfalls oft davon, und wir werden es in dieser Fastenzeit noch öfter tun, denn auf das ewige Leben sollte sich ja unser Blick richten, weg von den vergänglichen irdischen Dingen, hin zu den bleibenden. Manchmal fehlt uns jedoch etwas Konkretes. „Aber wie ist es dort im Himmel?“ fragte mich eine Schülerin aus der 4. Klasse, als ich in Bezug auf die Fastenzeit erzählte, die guten Taten würden uns zu Schätzen im Himmel werden. Im Nachdenken über diese Frage (den Schülern konnte ich die Frage zu ihrer Zufriedenheit beantworten, sie sind unkritischer als Erwachsene) stieß ich in einem Buch auf ein interessantes Bild. Es handelte sich um die Abbildung eines alten Täfelchens, welches um das Jahr 1400 herum datiert ist und der oberrheinischen Mystik entstammt.

Es trägt den Titel: das „Paradiesgärtlein“ und könnte in der Gegend von Straßburg entstanden sein. Hier sieht man in einem wunderschönen blühenden Garten eine Gruppe von Heiligen, welche im 15. Jahrhundert eine wichtige Rolle spielten, sowie die Gottesmutter Maria. Ein Paradiesbaum spendet kühlenden Schatten, eine Quelle erfrischt durch ihr lebendiges  Wasser. Alle Dinge, Tiere und Pflanzen sind rein und schön wie am ersten Tag, und der Mensch, der ständig unruhige und heimatlose, ist zu Hause. Es ist das Paradies. Bezeichnenderweise beherrscht die Himmelskönigin Maria nicht die Szene, so wie sie es in fast allen Darstellungen jener Zeit tut, sondern sie lauscht, zusammen mit den anderen, der himmlischen Musik, welche aus dem Saiteninstrument eines kleinen Kindes ertönt. Um wen es sich handelt, zeigen die kreuzförmigen Strahlen um sein Köpfchen – es ist Christus, der als erwachsener Mensch die Zerrissenheit des Daseins bis zu Ende durchgestanden hat. Hier aber spielt das Kind Christus, und der Friede und die Vollkommenheit seiner Musik erfüllen den Garten, während der Lärm und das Geschrei dieser Welt, die schrillen Töne des Kampfes und des Hasses verklungen sind.

Die Misstöne im Herzen des Menschen, der nicht im Einklang war mit sich selbst, der glaubte und doch nicht glaubte, der lieben wollte und dem es doch nicht gelang, sind vergangen. Der Mensch ist eins mit sich selbst, und in der Beziehung zu den anderen entsteht jene zarte, vollkommene Musik, die „himmlisch“ ist. All das, was auf Erden noch unzulänglich und bruchstückhaft war, ist hier im Himmel vollkommen und ganzheitlich, das Glück und die Zufriedenheit, welche auf Erden stets nur sprunghaft und flüchtig waren, sind hier konstant und werden zur Seligkeit. Das alles vermittelt das Bild von dem „Paradiesgärtlein“ auf eine recht anschauliche Weise. Nun müsste uns wieder eine kindliche Stimme fragen. „Aber wie kommen wir dorthin?“ Auch dies deutet uns jenes alte Bild an:  Indem wir das Kind Jesus und seine Liebe in uns aufnehmen und es wachsen lassen, Jahr für Jahr, bis wir selber zu jenem Bild werden, das Gott von uns hatte, als er uns schuf. Auf diese Weise wachsend, werden wir den Eingang zu jenem paradiesischen Gärtchen nicht verfehlen.

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