WORT ZUM SONNTAG: Den Bruder nicht richten

Sonntag, 19. Juni 2016

Jeder von uns wird für sich selbst Gott Rechenschaft geben. (Römer 14,12)
 

Wir sollen einander nicht richten und auch nicht verachten, weil wir doch alle vor den Richterstuhl Gottes gestellt werden, lehrt uns der heilige Apostel Paulus. Daraus wird ersichtlich, dass wir uns in dieser Welt, in diesem Leben in einem Warteraum befinden. Vor einer Prüfung, vor einer Gerichtsverhandlung oder einer Untersuchung beim Arzt sind die Betroffenen angespannt und irgendwie verkrampft, weil das Urteil nicht mit letzter Sicherheit vorauszusehen ist. Da schaut kaum einer abschätzig oder verächtlich auf den anderen, weil jeder weiß, dass die eigene Meinung und Haltung nicht maßgeblich ist, sondern allein der Spruch des Prüfers.

Es besteht in allen Warteräumen eine situationsbedingte, aber echte Solidarität unter Menschen verschiedenster Art und Herkunft: Man bleibt höflich und zuvorkommend, man wahrt eine gewisse hilfsbereite und aufmerksame Zurückhaltung, die sowohl den ungebildeten Grobian wie auch den feinsinnigen Fachmann in gleicher Weise liebenswürdig erscheinen lässt. Man ist darauf bedacht, einander zu schonen, einander das Dasein zu erleichtern, weil man ja nicht weiß, was kommt und in welcher Weise sich das weitere Leben und vielleicht auch die Beziehung zueinander durch den Befund des Prüfers, des Arztes, des Richters gestalten wird.

Der Warteraum ist ein treffendes Gleichnis für die Kirche, wo ebenfalls die unterschiedlichsten Menschen zusammenfinden, beseelt vom Verlangen nach dem Reich Gottes und angezogen vom Gnadenangebot des Evangeliums. Das Wissen um die eigene Gotteskindschaft durch den Glauben an Jesus Christus, deren ganze Tragweite sich erst noch zeigen wird und die Erfahrung seiner erneuernden und kräftigenden Gegenwart eint die Schar der Christen zu einer zielgerichteten Gemeinschaft. Da das angestrebte Ziel jenseits des eigenen Todes liegt, ist die Gemeinschaft der Gläubigen im Warteraum Kirche eine lebenslange und das bedeutet, sie muss mit größter Sorgfalt erhalten und gepflegt werden, damit sie nicht zerbricht oder entgleist und zum Bierzelt oder zum Fußballstadion wird.

Zu diesem Zweck haben wir im Evangelium Lehren, Gebote und Ermahnungen und als Vorgeschmack auf die Zustände in seinem Reich hat Gott uns den Heiligen Geist in den Sinn und die Liebe ins Herz gegeben. Damit es in der Kirche auch ordentlich und vernünftig zugehe, hat der Heilige Geist Aufseher, also Bischöfe eingesetzt, deren Amt es ist, über die Reinheit der Lehre Christi und die Heiligkeit des Lebenswandels der Christen zu wachen. Auf diese Art ausgerüstet und aufeinander angewiesen, sollen und können die Gläubigen die Zeit des unsicheren Wartens überbrücken, bis unser Heiland kommt in Herrlichkeit, zu richten die Lebenden und die Toten.

Solange wir uns der Tatsache bewusst sind, dass wir im Vorläufigen stehen und auf das Kommende warten, dass wir hier keine bleibende Stadt haben, sondern die zukünftige suchen, solange wird es auch leicht sein, zwischen Ermahnung und Richten zu unterscheiden, zwischen Zurechtweisung und Verurteilung, zwischen gesprochenem Wort und geworfenem Stein. In der Erwartung der Wiederkunft Christi wird jeder dem anderen seine Last tragen helfen und danach trachten, selber keinen Anstoß oder Ärgernis zu bereiten. Doch wenn der Glaube an das Kommen des Richters erloschen ist, wenn sich die Knechte als Herren aufführen und sagen (Psalm 12,5): „Durch unsere Zunge sind wir mächtig, uns gebührt zu reden! Wer ist unser Herr?”, dann wird jede Warnung zur Beleidigung, jeder Tadel zur Ausgrenzung und jede Wahrheit zur Drohung. Dann wird es schwierig, nicht mitzumachen und für die, die das schaffen wiederum, nicht Worte der Ermahnung und Zurechtweisung auszusprechen, die dann als feindlich aufgefasst werden.

Wir denken an den gerechten Lot in Sodom und an Psalm 120,6 wo es heißt: „Es wird meiner Seele lang, zu wohnen bei denen, die den Frieden hassen.” Dort waren es wenigstens Heiden, die gottlos lebten, aber wie viel schwerer ist es, wenn Freunde und Vertraute, wenn Gefährten zu Widersachern werden. Und trotzdem sollen wir nicht richten, denn vor Gott ist kein Mensch gerecht. Da hilft uns sehr das Bußgebet Ephräm des Syrers: „Herr und Gebieter meines Lebens, den Geist der Trägheit, der Sorge, der Herrschsucht und der eitlen Rede gib mir nicht, sondern den Geist der Reinheit, der Demut, der Geduld und der Liebe schenke mir, deinem Knecht. Herr und König verleihe, dass ich meine Fehler erkenne und meinen Bruder nicht richte. Gelobt seist du in Ewigkeit. Amen.”

Kommentare zu diesem Artikel

Mathias, 25.06 2016, 22:34
Wo bleibt das Evangelium, Kollege Wagner? Von dir hört man immer nur Gericht, Strafe...dein Gemeindeglied möchte ich nicht sein!
Peter, 20.06 2016, 12:38
Richten in dieser Welt?
Jedes Opfer hat ein legitimes Recht auf Gerechtigkeit. Eine Verweigerung dieses Rechts hat zufolge , dass das Strafrecht zum einen seine Glaub­wür­dig­keit verliert und damit Recht und Moral voneinander un­ab­hän­gig­ scheinen, zum anderen, dass sie die Idee einer privaten Rachepolitik den ungerecht behandelten Opfern für erlittenes Unrecht Nahelegt.
In re­li­gi­öser Hinsicht geht es nicht zu sehr um Zuweisung von Schuld und die Strafverhä­gung, sondern um einen Dreischritt von Reue, Bekenntnis und Wiesergutmachung.
Beide Wege sollen mit der Ver­söh­nung von Opfer und Tä­ter enden.
Welcher Weg ist der Bessere?????

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