WORT ZUM SONNTAG: Der Friedensnobelpreis 2016

Samstag, 07. November 2015

Unvermittelt kramt meine Tochter Hannah morgens ihr liebstes Weihnachtsbuch hervor. Sie will Vorgelesen und Vorgesungen bekommen. Geduldig mache ich mit. Allerdings, als ich die erste Strophe von „Kling, Glöckchen kling“ singen muss, da trifft es mich überraschend: „Macht mir auf, ihr Kinder, ist so kalt der Winter, öffnet mir die Türen, lasst mich nicht erfrieren!“ Auf einmal blitzt die ganze Misere der christlichen Kirche auf. An der Türe stehen heute wieder Abertausende von Menschen und wir werden bald mit Kerzenschein und Lebkuchen unseren Advent und unsere so lieben Weihnachten feiern. Und wir werden das eine mit dem anderen nicht verbinden. Und plötzlich habe ich Angst vor der Adventszeit, auf die wir rapide durch die letzten Wochen des Kirchenjahres hindurch marschieren; Angst davor, dass all das hohl und verlogen klingen wird, was man sonst gediegen feiert: Das Kind in der Krippe, welches zumindest in einem Stall Herberge gefunden hat, die Weisen aus dem Morgenland, die durch die Länder gezogen sind, Maria, die durch einen Dornwald ging und die redlichen Hirten, die betend vor der Krippe knieten.

In der Stunde, in der ich schreibe, kommen an der deutschen Grenze, von der mich knapp hundert  Kilometer trennen, wieder die ersten Busse mit tausend nassen, frierenden und verstörten Menschen an. Die Helfer hatten es bis um drei Uhr morgens kaum geschafft, die vortägigen fünftausend Flüchtlinge zu registrieren und ihnen für die Nacht einen Platz im Übergangszelt einzuräumen. Natürlich kennen wir alle – oder meinen zu kennen –, was für Probleme die Aufnahme und besonders die Integration der Millionen Menschen, die am Weg sind, auf Dauer mit sich bringen werden. Natürlich gibt es auch Gewalt, Undankbarkeit und Missbrauch. Natürlich schicken die Massen immer Frauen und Kinder vor, um es so schneller über die Grenzen zu schaffen. Aber wer wegen seiner helfenden Hand auf Dankbarkeit wartet, um bei deren Ausbleiben seine Prinzipien über Bord zu werfen, der hat im Religionsunterricht mit Papierkügelchen geworfen und bei der Sonntagpredigt geschlafen.

Und klar sind wir, unsere Länder, Institutionen und Kirchen – und letztendlich auch ich als Individuum – von der Frage überfordert: Wird diese Zeit die Zeit des vielzitierten „Untergangs des Abendlandes“ einläuten? Auf alle Fälle wird Europa anders werden: Entweder es nimmt den nicht abbrechenden Strom von Menschen auf und verändert sich in der Gesellschaft, im Wohlstand, in der Religion. Oder es baut Mauern auf und lässt Menschen bewusst davor erfrieren. Damit verzichtet es aber auf seinen immer hochgehaltenen ethischen Diskurs der „christlichen Leitkultur“ und der demokratischen Menschenrechte. Aber dann bitte ohne „Kling, Glöckchen, kling“ und ohne Anbetung des Flüchtlingskindes in der Krippe. Ehrlichkeit und Selbstreflexion sind auch Werte, die wir hochhalten.

Und im Geiste dieser Ehrlichkeit und Selbstreflexion müssen wir, Leser der ADZ, Siebenbürger Sachsen und Banater Schwaben, uns eingestehen, dass wir ebenfalls ein Volk von Migranten sind. Die historische Migration in den Osten Europas, nach Siebenbürgen und dem Banat, schuf überhaupt erst unsere Gruppen. Dazu kommt, dass wir voriges Jahr 70 Jahre seit der Flucht der Nordsiebenbürger begangen haben, einer Zeit, in der unseren Eltern und Großeltern auch jede helfende Hand willkommen war. Darum sollten wir diese 70 Jahre weniger „feiern“ und mehr „bedenken“. Auch erleben wir es selbst, wie englische Medien die heutigen rumänischen Migranten negativ und lächerlich darstellen und sind deswegen erniedrigt und wütend. Sind wir aber deshalb sensibler für die Menschen auf der Balkanroute? Sind wir genauso empathisch wie mit den Opfern in einem Bukarester Club? Ist ein Menschenleben gleich dem anderen? Nein. Wir alle wissen, dass die Antwort „Nein“ ist und die Frage rhetorisch bleiben muss.

Wir Christen beziehen unseren Glauben massiv auf Barmherzigkeit und Nächstenliebe und dürfen diese nicht für einige Jahre in die unterste Schublade stellen, so wie es die Evangelische Kirche in Rumänien in nationalsozialistischen Zeiten getan hat, als sie von einen Bischof angeführt wurde, dessen Bild keinen Platz in der Galerie des Bischofshauses findet … Sind die Passivität und das hilflose sich Abwenden jener vergangenen Jahre, als überfüllte Züge zu unbekannten Destinationen gefahren wurden, nur ein lästiges Thema im Geschichtsbuch und „Anne Frank“ nur ein weiteres Buch in der Ferien-Pflichtlektüre? Geht es auch ein zweites Mal mit dem „ich habe doch nichts gewusst“? Christlicher Glaube zeigt sich gerade darin, dass man Dinge durchhält, auch wenn sie gegen das eigene Interesse sind. Wir haben einen Erlöser, der gegen sein eigenes, existenzielles Interesse an das Kreuz gegangen ist.

Glaubensüberzeugungen dürfen uns gerade dann Richtschnur sein, wenn das Leben unübersichtlich ist.
„Mädchen hört und Bübchen, macht mir auf das Stübchen“, muss ich weiter im Weihnachtsbuch meiner Tochter Hannah singen und tue es beschämt. Ich lade Euch ein – nein, ich fordere euch auf - in der bald kommenden Advents- und Weihnachtszeit weniger zu nehmen von „Ihr Kinderlein kommet, o kommet doch all…“ und mehr von Lukas 13,19: „Es werden kommen von Osten und von Westen, von Norden und von Süden, die zu Tisch sitzen werden im Reich Gottes.“ Für den Friedensnobelpreis 2016 schlage ich übrigens den ewig mürrischen Wirt unseres Krippenspiels vor, denn der hat der Migrantenfamilie aus Nazareth seinen Stall geöffnet…

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