WORT ZUM SONNTAG: Der vorderste der Lastenträger

Sonntag, 04. Oktober 2015

Im Matthäusevangelium spricht Christus ein Wort, das selbst der mächtigste Mann der Welt sich nicht wagen würde auszusprechen: „Kommet alle zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt!“ Wenn irgendeiner von denen, die über diese Erde geschritten sind, etwas von Leid, Plagen, Lasten, Not und Tod versteht, dann ist es Christus.
Folgen wir seiner Einladung und gehen wir vertrauensvoll zu ihm. Er ist ja im wahrsten Sinne des Wortes unser „Leidensgefährte“ geworden. „Gut“, sagst du, „ich werde mit meinen Leidenslasten zu ihm gehen. Wird er mir die Last abnehmen? Wird er mich von allen Plagen befreien?“ Wer das erwartet, hat Christus nicht richtig verstanden und verkennt das irdische Leben. Unser irdisches Leben ist und bleibt ein Kampf bis zum letzten Atemzug. Es stellt uns immer wieder vor neue Aufgaben und Pflichten. Deshalb hat es auch immer Leid, Mühe und Plagen im Gefolge. Wer von Christus erwartet, dass er ihn in ein Schlaraffenland versetzt, wo er nicht mehr kämpfen muss, sondern nur genießen, der wird enttäuscht werden. Christus hat sich ja darum den schwersten aller Lebenswege erwählt, um uns Lebensmut, Hoffnung und geistige Kraft einzuflößen. Er will uns die nötige Kraft geben, dass wir, wie er, die Schwierigkeiten und Leiden leichter überwinden. Er verheißt uns keine Befreiung, sondern Überwindung der Schwierigkeiten.

Ein wahrer Christ darf doch keine Jammergestalt sein, die beim geringsten Leid gleich an die Klagemauer rennt. Ein wahrer Christ darf kein Feigling sein, der beim ersten Kampf die Flinte ins Korn wirft. Ein wahrer Christ darf kein Schwächling sein, der bei jeder Last wie ein Dystrophiker zusammenbricht. Wenn Christus uns zuruft: „Kommet alle zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt, ich will euch erquicken“, so bedeutet das: Ich mache eure Schultern so stark, dass euch kein Kreuz niederdrücken kann. Mag die Last schwer sein, die Kraft aber, mit der ich euch ausrüste, wird größer sein. So werdet ihr zu kräftigen Trägern, die das Leben meistern werden. Wir erfahren dann selbst, dass die Worte Christi wahr sind: „Mein Joch drückt nicht und meine Last ist leicht!“ (Mt.11,30) Das sind keine frommen Sprüche, also leere Worte. Das harte Leben vieler leidtragender Menschen, die es bewältigen konnten, hat es immer wieder bestätigt.

Es war im Ersten Weltkrieg. Der Soldat Friedrich Schauer gab folgenden Bericht von der Front: Im Frühjahr 1915 lag seine Truppe bei Ville-aux-Bois in Frankreich. Hinter ihrer Stellung stand die Kirche des Städtchens. Alles lag in Trümmern, nur der Altarraum war unversehrt. Von dem hohen Gewölbebogen hing ein großes Kreuz mit dem Gekreuzigten herab. Auch dieses Kreuz war unversehrt. Sooft die Soldaten die zerstörte Kirche betraten, verstummte alles Fluchen und Zotenreißen. Man konnte ja nichts tun, ohne die Augen des Gekreuzigten auf sich ruhen zu wissen. Wer seinen Posten bezog, wer abgelöst wurde, wer auf Spähtrupp oder zum Angriff vorging, der warf noch einen Blick zu dem hinauf, der am Kreuze hing. Harte Männer gewöhnten sich daran, mit dem Gekreuzigten Zwiesprache zu halten und nicht mehr zu fragen, ob die Vorgesetzten mit ihrer Leistung zufrieden wären, ob man Anspruch auf Auszeichnung habe, ober ob das eigene Herz sich nach der Heimat sehne, sondern mit einem stillen scheuen Blick fragten sie den dort oben, ob er mit ihnen zufrieden sei. Verwundete hörten im Blick auf den Gekreuzigten auf zu jammern. Sterbende kämpften sich zum Frieden durch, indem sie zu dem schwebenden Kreuz aufblickten.
So weit der Frontbericht. Er zeigt uns, wie Männer in harten Kriegsjahren geistig gestärkt wurden durch die Kraft dessen, der gesagt hat: „Kommet alle zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt!“ Sie konnten Leid und Todesangst überwinden. Auch uns will er stärken. Warten wir nicht bis zu dem Augenblick, wo Leid, Krankheit und Not uns plötzlich wie Straßenräuber überfallen. Vielleicht fehlt uns gerade dann das Vertrauen auf Christus und die geistige Kraft, die uns von ihm zufließen soll.

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