WORT ZUM SONNTAG: Des Rätsels Lösung

Samstag, 25. Juli 2015

Die alten Griechen hatten eine bemerkenswerte Sage, die Sage von der Sphinx von Theben. Nach dieser Sage hauste vor den Toren der Stadt ein seltsames Ungeheuer. Es war zusammengesetzt aus einem Frauenkopf und dem Rumpf eines Raubtieres. Und tückisch war das Ungeheuer. Kam ein nichtsahnender Wanderer des Weges daher, so hielt es ihn an und legte ihm ein Rätsel vor. Wehe dem, der das aufgegebene Rätsel nicht lösen konnte. Die Sphinx zerriss ihn augenblicklich mit ihren Krallen und Raubtierzähnen. Die Gerippe der von ihr Getöteten lagen ringsumher. – Das ist nur eine Sage. Die alten Griechen wollten mit dieser Sphinx eine richtige Lebenswahrheit ausdrücken. Die Sphinx versinnbildlicht das Leben selbst. Das Leben ist für jeden Menschen ein Rätsel, das er zu lösen hat. Findet er den Sinn des Lebens nicht, wird das Leben ihn zerbrechen, wenn nicht körperlich, bestimmt aber geistig.

Diese Sphinx stellt sich oft auch an unseren Lebensweg und gibt uns ein Rätsel auf, das wir nicht lösen können. Ein Erlebnis, das viele von uns durchstehen mussten: Als man uns im Januar 1945 in Viehwaggons eingesperrt hat und wir mit jedem Umdrehen der Räder des Zuges von der Heimat und den Lieben immer mehr entfernt wurden und nach langer qualvoller Reise, in einem mit Stacheldraht umzäunten Lager landeten – wussten wir eine befriedigende Antwort darauf, warum das geschah? Als wir im Kohlenschacht unter der Erde, tief gebückt und oft im Wasser liegend, Kohle fördern mussten; als wir, vor Kälte zitternd, in Holzpantoffeln und in eisbedeckten Kleidern dem Lager entgegenwankten, fanden wir da eine Antwort? Als man uns eine Suppe aus sauren Gurken, saurem Kraut und Viehrüben vorsetzte, als der Hunger in unseren Eingeweiden wie ein wildes Tier wütete, als Läuse und Wanzen unser dünnflüssiges Blut anzapften, als wir glaubten, jeden Augenblick zusammenbrechen zu müssen, konnten wir einen vernünftigen Reim auf all das finden? Als wir sahen, wie rechts und links unsere Kameraden und Arbeitskollegen den Strapazen erlagen und ihr Leben lassen mussten, wussten wir da eine vernünftige Antwort, warum wir das erleiden mussten? Wir wussten es nicht. Die grausame Sphinx stand hohnlächelnd vor uns, wartete auf eine Antwort – und wir fanden keine.

Wissen es andere, klügere Leute als wir? Es gibt Leute, die sich ihr Leben lang mit der Lösung solcher Lebensrätsel befassen. Das sind die Gelehrten und Philosophen. Bringen sie Licht in die Dunkelheit solcher Ereignisse? Hören wir uns einige an. Der Philosoph Schelling (1775-1854) nennt das Dasein ein Possenspiel, einen albernen Roman. Der gelehrte A. Humbolt (1769-1859) sagt: „Das Leben ist der größte Unsinn. Am besten ist es noch, als Flachkopf geboren zu werden.“ Schopenhauer (1788-1860) nennt das Leben eine Prellerei, ein Geschäft, das die Kosten nicht deckt. Dabei hatten diese Männer wenig Grund sich über das Leben zu beklagen. Sie hatten ein gutes Einkommen, ein bequemes Heim, ein Leben ohne große Sorgen. Was hätten sie erst gesagt, wenn sie so ein Deportiertenleben wie wir hätten führen müssen?

Welche Antwort können wir der fragenden Sphinx geben? Es gibt eine vernünftige Antwort. Unser christlicher Glaube gibt sie. Er zeigt uns, was wir ohne ihn nicht wissen können. Unser Leben besteht aus zwei ungleichen Hälften, die man nur zum eigenen Schaden auseinanderreißen kann. Es besteht aus einer kurzen, an Freuden armen, an Leiden reichen irdischen Lebensspanne und aus einer Freude verheißenden Ewigkeit. Nur wer an eine Fortdauer des Lebens nach dem Tode glaubt, der kann das Rätsel des irdischen Lebens lösen. Der hl. Augustinus bringt uns einen einleuchtenden Vergleich. Wenn wir einen kunstvoll gewebten Teppich zuerst von der Rückseite, dann auf seiner Vorderseite betrachten – welch ein Unterschied! Auf der Rückseite sehen wir nur ein scheinbar regelloses Gewirr von Fäden und Farben, ohne allen Zusammenhang, ohne klares Muster, ohne Ordnung und Schönheit. Man wird daraus nicht klug. Drehen wir aber den Teppich um und betrachten wir seine Vorderseite, also so, wie er vom Teppichweber gedacht ist, dann zeigt sich auf einmal Sinn, Ordnung und Schönheit. So ähnlich ist es mit unserem Leben. Der irdische Teil gleicht der Rückseite des Teppichs. Es ist ein Durcheinander von Freud und Leid, von Erwartung und Enttäuschung, von Lachen und Weinen, dass man oft keinen Sinn darin findet. Erst wenn unser Leben in die Ewigkeit einmündet, wird alles klar wie die Vorderseite des Teppichs.

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