WORT ZUM SONNTAG: Die große Herausforderung

Samstag, 29. August 2015

„Jesus Christus spricht: ‘Ich versichere euch: Was ihr für einen meiner geringsten Brüder oder für eine meiner geringsten Schwestern getan habt, das habt ihr für mich getan.’“

Matthäusevangelium 25, 40

Liebe Leserinnen und Leser!
Der französische Schriftsteller Michel Houellebecq bringt es auf den Punkt, was wahrscheinlich auch andere schon seit Jahren erkannt haben: Europa steht vor grundlegenden Veränderungen. In seinem neuesten Buch „Unterwerfung“ entwirft er ein Szenario von der Machtübernahme in Frankreich durch eine islamische Partei nach den Wahlen im Jahr 2022. Die als konsumdekadent beschriebene französische Gesellschaft wird nun aufgrund einer islamisch-religiösen Werteordnung neu aufgebaut. Am 7. Januar 2015, dem Tag des Erscheinens dieses Buch, wurde der islamistische Anschlag auf das Büro der Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ in Paris verübt. Seither wächst die Angst: Dass in Europa Menschen das Sagen haben werden, die es nicht verkraften können, sich und ihren Überzeugungen einen Spiegel vorhalten zu lassen. Es sind Menschen, die meinen, im Namen Gottes andere Menschen mundtot machen zu dürfen, zu unterdrücken oder sogar zu töten. Dabei sind sie davon überzeugt, all das geschehe vorrangig zur Verherrlichung Gottes – im Grunde genommen ein erstrebenswertes Ziel. Nur dass es durch extreme Mittel verfolgt wird, deren „Heiligung“ von anderen heutzutage nicht mehr nachvollziehbar ist.

„Das habt ihr für mich getan?“
Ungarn, 1989: Der Stacheldrahtzaun zur österreichischen Grenze wird geöffnet – und damit für Tausende DDR-Flüchtlinge der Weg in die Freiheit und in den Wohlstand.
Ungarn, 2015: An der Grenze zu Serbien wird für 21 Millionen Euro ein 175 Kilometer langer Anti-Flüchtlings-Zaun errichtet.
Europa (EU – 500 Millionen Einwohner, mehrheitlich christlich), 2015: Knapp 200.000 (mehrheitlich muslimische) fremde und ausgegrenzte Menschen, obdachlos, hungrig, durstig, angewiesen auf neue Kleidung und medizinische Versorgung suchen um Asyl an. Voraussichtlich wird etwa die Hälfte aller Anträge abgewiesen.
Türkei (77 Millionen Einwohner, mehrheitlich muslimisch), 2015: Über 2 Millionen (mehrheitlich muslimische) Flüchtlinge finden dort Unterkunft, Verpflegung, medizinische Versorgung, schulische Betreuung; Kosten: bisher über 5 Milliarden Euro.
Rumänien, 2015: Auf etwa 25.000 Einwohner kommt ein Asylbewerber (in Deutschland ist das Verhältnis 1: 800) – aber etwa einer (sicherlich christlich) von zwanzig (hauptsächlich christlichen) Mitbürgern ist gesellschaftlich ausgegrenzt, wird gering geschätzt, minderwertig.

„Was habt ihr für mich getan?“
„Solange wir also noch Zeit haben, wollen wir allen Menschen Gutes tun, besonders denen, die mit uns durch den Glauben verbunden sind.“ (Gal. 6,10). Dazu rief der Apostel Paulus vor bald 2000 Jahren seine Mitchristen aus Galatien (heutige Türkei) auf. Aus drei Teilen besteht dieser Satz, jeder mit einer eigenen Aussage. Sind uns heutigen Christen alle drei noch wichtig? Und wie wichtig? Es scheint, als ob der zweite Teil bedeutsam ist, aber mit besonderer und steigender Akzentsetzung auf die Aussage des dritten Teils. Der erste hingegen ist so ziemlich aus dem Blickfeld verschwunden. Was sehr tragisch ist. Denn darin wird aus dem „Sein in der Zeit“ auf das „Sein nach der Zeit“ hingewiesen. „Kommt her! Euch hat mein Vater gesegnet. Nehmt Gottes neue Welt in Besitz, die er euch von allem Anfang an zugedacht hat.“ (Mat. 25, 34). Dieses „Sein nach der Zeit“ steht im direkten und verbindlichen Zusammenhang mit dem „Sein in der Zeit“: „Denn ich war hungrig und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig und ihr habt mir zu trinken gegeben; ich war fremd und ihr habt mich bei euch aufgenommen“, sagt Jesus (Mat. 25, 35).
Darum, falls wir es vergessen haben sollten: Unser „Sein nach der Zeit“ hängt von der Art unseres „Seins in der Zeit“ ab. Doch gleichzeitig erkennen wir, wie ursächlich ein tiefgehendes humanes „Sein in der Zeit“ bedingt ist durch die Perspektive des „Seins nach der Zeit“. Die Herausforderung ist groß – aber noch größer ist die Verheißung der Belohnung.

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