WORT ZUM SONNTAG: Die Jahresbilanz

Sonntag, 11. Januar 2015

Am Schluss des alten Jahres stellen die Wirtschaftsunternehmen eine Bilanz mit allen Ausgaben und Einkommen auf. Fällt die Bilanz negativ aus, werden Maßnahmen getroffen, um Fehler im kommenden Jahr auszumerzen. Fällt aber die Bilanz positiv aus, so werden Prämien verteilt und neue Pläne geschmiedet, um das Unternehmen noch erfolgreicher zu gestalten.
Wir Menschen sind auch auf unsere Gesundheit bedacht. Viele lassen ihren Körper ärztlich untersuchen, um etwaigen Krankheiten vorzubeugen und, wenn es notwendig ist, sich auch einer Diätkur zu unterwerfen.
Wir bestehen aber nicht nur aus Leib, wir Menschen sind vor allem Geisteswesen. Das unterscheidet uns wesentlich von den Tieren. Deshalb ist es angezeigt, dass wir im neuen Jahr nicht nur für unseren Leib, sondern auch für unseren Geist sorgen.

In Japan ist es allgemeiner Brauch, dass um Mitternacht vom alten zum neuen Jahr in den buddhistischen Tempeln hundertacht Schläge auf eine weithin schallende Glocke gegeben werden. Diese Schläge sollen versinnbildlichen, dass zum neuen Jahr die hundertacht hässlichen Leidenschaften, welche die Buddhisten im Menschenherzen vermuten, durch die Glockenschläge vertrieben werden. Man fühlt aus dieser Sitte deutlich die Sehnsucht nach dem Besseren, dem Edleren, und andererseits die Unzufriedenheit mit dem vielen Niedrigen, Falschen, Ungerechten, Selbstsüchtigen, Lieblosen, das sich im Herzen breitmacht.

Eindringlicher als Glockenklang soll die Stimme des Gewissens uns aneifern, Bilanz über unser Geistesleben zu ziehen. Es soll uns im neuen Jahr nicht nur wirtschaftlich und gesundheitlich besser gehen, auch geistig sollen wir „besser“ werden. Das aber ist eine Arbeit, die uns schwerer fällt als Holz zu hacken und Diätvorschriften einzuhalten. Lassen wir uns in dieser so wichtigen Tätigkeit nicht entmutigen. Wie war es, als wir als kleine Kinder das Laufen erlernten? Wir konnten es noch nicht und rutschten auf dem Boden dahin. Dann kamen die ersten Versuche, uns aufzurichten, am Stuhl, an der Bank, am Tischbein. Die Mutter sah zu und freute sich. Damit war lange noch nicht der erste Schritt getan. Der erste Schritt ging schief. Die große Kunst, das Gleichgewicht zu halten, war noch nicht gefunden. Wir fielen zu Boden. Haben wir uns dadurch entmutigen lassen? Haben wir gesagt: Ich lerne es nie, ich werde lieber weiterrutschen, denn dann kann ich auch nicht fallen? Nein, wir haben es immer wieder versucht, so oft wir auch dabei gefallen sind. Und eines Tages wurde das große Ereignis Tatsache: Die Mutter kniete sich in einigen Schritten Abstand nieder und lockte. Das Kleine überlegte an der Stuhllehne, ob es das Wagnis auf sich nehmen solle . Dann stieß es sich ab auf die Mutter zu. Es waren nur drei Schritte, aber das Wagnis war gelungen. Würden wir auch jetzt noch so verständig und ausdauernd bleiben, wie wir es als Kinder waren, dann würden wir uns durch keinen Fall, durch keine Niederlage entmutigen lassen auf unserem Weg zum „besseren Menschen“.

Unser geistiges Ich gleicht einem Garten, in dem nur edle Blumen gedeihen sollen. Leider wächst darin auch Unkraut. Im Evangelium sagt Christus in einem Gleichnis: „Das hat der Feind getan!“ Was sollen wir dagegen tun? Der Feind, der Teufel, mag ein geschickter Sportler sein, aber im Hochsprung wird er nie Olympiasieger. Umgeben wir deshalb unseren Seelengarten mit einem hohen Zaun von guten Vorsätzen, dann kann der Böse seinen Samen darin nicht ausstreuen. Am liebsten springt er über niedrige Zäune. Wir müssen an die Herzenstür auch einen Hüter stellen. Der beste Hüter ist das Gewissen. Gewissenhafte Menschen halten ihren Herzensgarten von Unkraut frei. Nur bei gewissenlosen Menschen wird der Herzensgarten zu einer Wildnis.

Wollen wir im neuen Jahr bessere Menschen werden, müssen wir unsere Fehler ablegen. Dabei sollen wir strategisch vorgehen und den Hauptfehler bekämpfen. Zu gleicher Zeit einen „Mehrfrontkrieg“ zu führen, ist schwer. Machen wir es wie die Termitenjäger. In den Südstaaten Afrikas sind die „weißen Ameisen“, die Termiten gefürchtete Schädlinge. Sie führen große Bauten mit weitverzweigten Gängen und Ablagen auf, zu denen sie als Bauholz ganze Häuser verwenden und so zu einer großen Landplage werden. So zahlreich aber auch die Insekten eines Termitenstaates sein mögen, in dem Augenblick, wo ihre Königin gefangen oder getötet wird, stirbt der ganze Bau aus oder die Bewohner wandern aus. Deshalb gehen die Termitenjäger einzig darauf aus, den Aufenthaltsort der Königin ausfindig zu machen und sie zu vertilgen. Mit ihrer Vernichtung ist das Schicksal der übrigen Schädlinge besiegelt.
So sollen auch wir vorgehen. Nehmen wir im neuen Jahr unseren Hauptfehler ins Visier und bekämpfen wir ihn ernstlich. Wird er schwächer, so verlieren auch die übrigen Fehler an Kraft. Gehen wir beherzt in diesen so notwendigen Kampf. Ganz sicherlich wird dann unsere nächste Jahresbilanz viel positiver ausfallen.

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