WORT ZUM SONNTAG: Die Wundersalbe

Sonntag, 21. Oktober 2012

Ein orientalisches Märchen erzählt von einem Mann, der eine Wundersalbe besaß. Bestrich er damit seine Augen, erhielt er die Fähigkeit, unermessliche Schätze an Gold und Silber zu sehen, die tief im Erdinneren verborgen lagen. So konnte er sich nach Herzenslust an ihnen bereichern. Wer wollte nicht eine solche Wundersalbe besitzen? Leider gibt es sie nur im Märchen.

Es gibt aber eine geistige Wundersalbe namens: überzeugter christlicher Glaube! Mit ihrer Hilfe erkennen wir den unermesslichen Wert der Heilsgüter, die uns Christus mit seinem Blut erworben hat: Erlösung von Sünde und Schuld, Sinngebung des Lebens, Kraft zum Guten, ewige Freude, ewiges Glück, ewiges Leben! Nur durch den christlichen Glauben erleuchtete Menschen können diese wunderbaren Schätze erkennen und sie in Besitz nehmen.
Soll diese geistige Wundersalbe ihre volle Wirksamkeit entfalten, müssen wir unsere irdische Existenz von ihrer „Zielsetzung“ her begreifen und nicht von ihrer kurzen Zeitspanne auf Erden.

Sehr gut begriff das ein einfacher Bauer, berichtet Peter Rosegger in „Mein Himmelreich“. Er wurde von den Dorfbewohnern „der Zweispannige“ genannt. Auf der Straße ging er immer allein und rechts von ihm blieb der beste Teil des Weges ungenutzt, als ginge dort jemand, den er ehren wollte. Im Wirtshaus ließ er zwei Glas Wein bringen, für sich und einen Gast. Das zweite Glas ließ er stehen und sagte zum Wirt, ein Durstiger möge davon trinken. Zu Hause ließ er bei Mahlzeiten rechts von sich ein besonderes Gedeck auftragen.

Es durfte aber niemand dort sitzen. Die aufgedeckte Speise bekam später ein Armer. Gefragt, was das bedeute, antwortete er: „Er ist da!“ Gemeint war Christus, der Herr. Ihn ehrte er in seinem täglichen Leben. Und im Sterben liegend, ließ er einen Stuhl neben sein Bett stellen und führte Gespräche in dessen Richtung. Er war überzeugt, Christus sitzt neben ihm und stärkt ihn.
Soll nach dem Tod unser Leben seinen Wert behalten und in die Ewigkeit hinüber gerettet werden, wo es millionenfach aufgewertet wird, müssen auch wir „zweispannig“ werden.

Denken wir an die Worte des christlichen Scharfdenkers Pascal: „Im Herzen eines jeden Menschen befindet sich ein von Gott geschaffenes Vakuum, das durch nichts Erschaffenes erfüllt werden kann, als durch Gott allein!“ Nur füllen viele Menschen dieses Vakuum mit Dingen aus, die im Augenblick des Todes ihren relativen Wert sofort einbüßen. Daher haben die Worte Christi entscheidende Bedeutung für unser Leben: „Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach. Denn wer sein Leben retten will, wird es verlieren; wer aber sein Leben um meinetwillen und um des Evangeliums Willen verliert, wird es retten!“

Der große Theologe des Mittelalters, der hl. Bernhard von Clairveaux, sagte einst: „Der Geist des Glaubens ist wie ein Strahl der Sonne, der alles auf Erden, Gras, Kräuter und Bäume grünen lässt. Er ist wie eine Wurzel, die dem ganzen Baum das Leben gibt. Trocknet sie aus und stirbt sie ab, so ist es auch mit der Kraft des Baumes zu Ende. Der Geist des Glaubens gleicht auch dem Herzen, das alle Organe im Körper belebt.“

Wir sind schnelllebig und übersättigt. Bedenken wir aber immer wieder: Die fundamentalen Wahrheiten müssen, damit sie ihre Fruchtbarkeit nicht verlieren, immer neu bedacht werden! Es ist wie mit unserer Kleidung. Bleibt sie zu lange ungebraucht im Schrank, kommen die Motten und machen sie unbrauchbar. So ist es auch mit dem Glauben. Bleibt das Seelenkleid des Glaubens ungebraucht im Schrank des Herzens hängen, zerstören es die Motten der Gleichgültigkeit und der materiellen Interessen.

Christus hat uns die Wundersalbe seiner Offenbarung geschenkt. Bestreichen wir damit die Augen unseres Geistes. Sofort erkennen wir die Schätze seiner Heilsgüter, die Er für uns bereit hält. Es sind Schätze, die ewigen Wert haben. Mögen sie bewirken, dass auch wir „zweispannig“ durchs Leben gehen, um der ewigen Schätze teilhaftig zu werden.

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