WORT ZUM SONNTAG: Die zwei Schlüssel

Sonntag, 26. Juni 2016

Ein Einheimischer und ein Einwanderer aus einem fernen Land gerieten in ein heftiges Wortgefecht über richtiges Verhalten. Das Café, in dem sie saßen, wollte schließen. Darum sagte der Fremde: „Komm mit zu mir, dann können wir unsere Diskussion fortsetzen.“ Nach kurzem Bedenken nahm der Einheimische die Einladung an. Der Fremde servierte Tee und goss das Glas seines Gastes voll. Doch er hörte nicht auf zu gießen. Der Einheimische rief: „Hör´ doch auf zu gießen. Es läuft alles über, mehr geht nicht ins Glas.“ „Du bist genau wie dieses Glas“, sagte der Einwanderer. „Du bist bis zum Rand gefüllt mit Selbstgerechtigkeit und Vorurteilen. Was soll ich dir von anderen Kulturen und Wertvorstellungen erzählen, bevor du dein Glas nicht geleert hast.“

Das ist das größte Problem. Wir sind von der einzigen Richtigkeit unserer Ansichten und Standpunkte so überzeugt, dass es in uns für andere Standpunkte keinen Platz mehr gibt. Natürlich soll jeder vernünftige Mensch seinen Standpunkt in seiner Weltanschauung haben und vertreten. Es bleibt die Frage: Ist mein Standpunkt der einzig richtige? Der Standpunkt: „Ich habe immer recht!“ führt zur Intoleranz. Sie ist eine Gefahr für uns alle. Auch die Apostel, die doch mit Jesus in Gemeinschaft lebten, waren von diesem Fehlverhalten nicht frei. Auf dem Weg nach Jerusalem verweigerten ihnen die Samariter eines Dorfes die Gastfreundschaft. Erbost riefen die Brüder Jakobus und Johannes aus: „Herr, willst du, dass wir sagen, Feuer soll von Himmel fallen und sie verzehren?“

Dabei dachten sie wahrscheinlich an das Feuerstrafgericht von Sodoma. Jesus tadelte sie für ihre Intoleranz und ging mit ihnen in ein anderes Dorf. Einmal berichtete ihm der Jünger Johannes: „Meister, wir sahen einen, der uns nicht nachfolgt, in deinem Namen Dämonen austreiben. Wir wollen ihn daran hindern, weil er uns nicht nachfolgt.“ Christus gab zur Antwort: „Hindert ihn nicht, denn niemand wird in meinem Namen Wunder wirken und bald darauf Böses über mich reden. Denn wer nicht gegen uns ist, der ist für uns!“ Damit hat er uns den Weg der Toleranz angeraten. Wollen wir mit anderen Menschen, trotz verschiedener Standpunkte, friedlich auskommen, haben wir die Toleranz nötig.

Die Herzspezialisten haben uns erklärt, dass unser Herz aus zwei Kammern besteht. Nur wenn diese beiden Kammern einträchtig zusammenwirken, bleibt die Herztätigkeit gut. Das gilt auch im übertragenen Sinn. Auch unser geistiges Ich besitzt zwei Herzkammern. Die eine Kammer beherbergt all die negativen Eigenschaften, die uns das Leben so schwer machen: Feindschaft, Arroganz, Stolz, Neid, Eifersucht und all die anderen Süchte. In der anderen Herzkammer wohnen all die guten Eigenschaften, die unser Leben froh und friedlich machen: Güte, Verständnis,  Wohlwollen und all die anderen positiven Anlagen. Zu beiden Kammern besitzen wir die Schüssel: für die Kammer der negativen Eigenschaften den Schlüssel der Intoleranz und zur Kammer der positiven Eigenschaften den Schlüssel der Toleranz.

Es hängt von uns ab, welchen Schlüssel wir gebrauchen wollen. Das Besondere daran ist: Wir besitzen nicht nur die Schlüssel zu den eigenen Herzkammern, sondern auch zu den Herzkammern unserer Mitmenschen. Wie wahr ist doch das Wort: „Ein böses Wort macht auch die Guten böse; ein gutes Wort macht auch die Bösen gut!“ Wir können mit unserem Verhalten auf unsere Mitmenschen einwirken, zum Guten oder zum Bösen, je nachdem welchen Herzschlüssel wir verwenden.

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