WORT ZUM SONNTAG: Ein Sonntag im Zeichen des Gedenkens

Sonntag, 01. März 2015

Liebe Leser,
in der Bukarester evangelischen Kirche wird am Sonntag ein besonderer ökumenischer Gedenkgottesdienst anlässlich der 70-jährigen Wiederkehr der Deportation der Sachsen und der Schwaben in die Sowjetunion begangen. Die deutschsprachige katholische Gemeinde wird auch daran teilnehmen.

Aus mündlichen und schriftlichen Zeugnissen fällt es uns jüngeren Generationen schwer nachzuvollziehen und zu verstehen, warum etwa 70.000 Menschen aus Rumänien solch schwere Zeiten, ausgerechnet in der Blütezeit ihres Lebens, erleiden mussten. Sieben Jahrzehnte später leben noch Betroffene unter uns. Neun dieser Deportierten sind Gemeindeglieder der evangelischen Kirchengemeinde und werden nach Möglichkeit am Sonntag auch am Gottesdienst teilnehmen. Gemeinsam blicken wir zurück, gemeinsam gedenken wir, gemeinsam beten wir und hoffen, dass uns zukünftig solche Zeiten erspart bleiben. Einen weiterführenden Gedanken zur Gedenkveranstaltung übernehme ich von Dietrich Bonhoeffer, der schreibt: „Wir müssen lernen, die Menschen weniger auf das, was sie tun und unterlassen, als auf das, was sie erleiden, anzusehen.“ Wir müssen als Christen lernen, mit Leidenszeiten umzugehen. Denn solche Notzeiten, auch wenn ganz unterschiedlicher Art, beinhaltet leider jedes Menschenleben: Irgendwie muss jeder sein Kreuz tragen. Oft findet man dafür keine Erklärung: Vor allem, wenn Notzeiten unerwartet auftreten oder man unschuldig vom Leid ergriffen wird.

„Wer hilft mir sonst, wenn ich den Halt verlier?“ So fragt sich Theodor Werner im bekannten Abendlied. Es gibt Zeiten, in denen der von Leid betroffene Mensch verzweifelt. Er braucht Hilfe, die er in sich selber nicht mehr findet. Der Mensch erkennt im Leiden, dass er jemanden braucht, der ihm Halt verleiht, der ihn durch die Dürrezeit seines Lebens begleitet.

Die Zeugnisse der Deportierten nach dem Zweiten Weltkrieg lassen erkennen, dass viele Menschen damals im Lager in Gott diesen Halt gefunden haben. Not lehrt beten: Sie haben trotz Qual, Demütigung, Kälte, Hunger und Krankheit ihr Gottvertrauen nicht verloren und gebetet.

„Reminiszere“ (Gedenke) wird der anstehende Sonntag genannt. Nur dass hier nicht wir Menschen gedenken. Hier wird Gott gebeten, er möge gedenken. Der von Not ergriffene Psalmist tritt vor Gott mit seinem Gebet und vertraut als Sünder nicht auf seine eigene Gerechtigkeit, sondern auf Gottes unergründliches Erbarmen. „Gedenke, Herr, an deine Barmherzigkeit und an deine Güte, die von Ewigkeit her gewesen sind“, sagt der Beter im Psalm 25 wortwörtlich. Er wagt diese Bitte auszusprechen, denn er lebt im Glauben, wie es dann später im Psalm heißt, dass der Herr gut und gerecht ist und darum Sündern den Weg weist. Nun gut, zu dieser Erkenntnis kommen Menschen nicht immer von alleine. Der Einfluss der Sünde hat vielerlei negative Auswirkungen: Unter anderem auch, dass wir Gottes Güte, seine Rechte und seine Macht missachten.

Deshalb hat dieser Sonntag sehr passend das Gleichnis von den bösen Weingärtnern zum Thema. Da geht es um das Verhältnis zwischen Gott und Mensch. Die Weingärtner wissen sehr wohl, was sie tun, indem sie den Sohn des Herren umbringen, hoffend, dass sie dann den ganzen Besitz für sich haben können. Aber durch das Kommen des Sohnes im Weinberg erweist Gott eigentlich seine Güte: Die Liebe des Herren wird seinen böswilligen Arbeitern offenbar. In diesem Sinne schreibt der Apostel Paulus an die christliche Gemeinde in Rom den Wochenspruch: „Gott erweist seine Liebe zu uns darin, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren“. (Römer 5, 8).

Die Erkenntnis, dass Christus für uns das Leidenskreuz willig bis in den Tod getragen hat, lässt uns, wie es Paulus an die Römer formuliert, die Fesseln der Sünde als Sache der Vergangenheit betrachten. Gottes Barmherzigkeit und seine ewige Güte stärken uns, sodass wir als Christen trotz immerwährender Versuchung das Endziel nicht aus den Augen verlieren. Wir werden zuversichtlich, dass wir trotz Leiden und Niedergeschlagenheit doch immer wieder aufgerichtet werden. Die Not bleibt und das Leiden kann nicht einfach übersehen werden. Aber man kann darauf vertrauen, dass Gott da ist und alles zu unserer Erbauung lenkt. So komme ich abschließend wieder auf Bonhoeffer zurück, der in der Gefangenschaft schrieb: „Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage soviel Widerstandskraft geben will, wie wir sie brauchen. Aber er gibt sie nicht im Voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf ihn verlassen.“ (Zitate aus: „Rechenschaft an der Wende zum Jahr 1943“, geschrieben im Gefängnis Berlin-Tegel)

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