WORT ZUM SONNTAG: Freude und Zuversicht

Sonntag, 11. März 2018

Christus ist mein Leben, und Sterben ist mein Gewinn. (Philipper 1,21)
 

Liebe Leserinnen und Leser der ADZ,

Es kann um das Jahr 55 n. Chr. gewesen sein. Der Apostel Paulus befand sich inhaftiert im Gefängnis von Ephesus. Schwere Anklage wurde gegen ihn erhoben: Landfriedensbruch, Aufruhr, Staatsgefährdung. Er musste damit rechnen, unter Umständen sogar zum Tode verurteilt zu werden. Natürlich machte er sich über sein Ende Gedanken. Zusätzlich zu seinem persönlichen Schicksal wurden ihm dann auch noch aus seiner Lieblingsgemeinde Philippi große Probleme gemeldet. Andere Missionare – offenbar aus niedrigen Beweggründen – nutzten die Situation aus, dass Paulus im Gefängnis saß. Paulus spricht von Neid und Streitsucht; von Eigennutz und Unlauterkeit. Unter diesen Umständen hätte er jetzt natürlich anfangen können, sich zu beklagen, weil nicht nur sein Leben, sondern auch sein Lebenswerk in Frage gestellt wurde. Aber genau das Gegenteil geschieht. Im Mittelpunkt des gesamten Philipperbriefes steht die Freude.

Lätare! („Freuet euch“) heißt auch der vierte Sonntag der Fastenzeit, auf den wir nun zugehen. Freude mitten in der Passionszeit? Besteht da kein Widerspruch? Nach menschlichen Kriterien geurteilt, ja. Nicht aber, wenn es um die frohe Botschaft, um das Evangelium von Jesus Christus geht. Leid mündet nach christlichem Verständnis in Freude, weil die Kreuzigung immer mit der Auferstehung im Zusammenhang gesehen werden muss. Wenn also das Evangelium verkündigt wird, dann können auch widrigste äußere Umstände die Grundstimmung – die eben Freude ist – nicht unterdrücken.

Die äußeren Bedingungen in einem Gefängnis lassen den Menschen nur noch die primitivsten Bedürfnisse (und auch diese nur eingeschränkt) wahrnehmen. Es geht ja gar nicht anders auf so engem Raum und unter ständiger Aufsicht. Essen, Schlaf, Bewegung oder Gespräche gehören für jeden Menschen zu einem normalen Tagesablauf. Unter Haftbedingungen aber werden diese menschlichen Grundbedürfnisse, bzw. der Wunsch, diese Bedürfnisse zu stillen, von äußeren Umständen aber auch von andern Menschen eingeschränkt und unterdrückt, ja sogar als Mittel zur Erpressung oder Gängelung verwendet. Weil menschliche Würde mit Füßen getreten wird, zerbricht oft die (Mit)menschlichkeit.

Misstrauen allem und jedem gegenüber ist die Folge. Das Leben rauscht vorbei und doch ist die Zeit so zähflüssig wie sonst kaum. Der Wunsch, diese unerträgliche Lage zu verbessern, überschattet alles andere und trotzdem kann man nichts dagegen tun. In der Regel bleiben Menschen, die einmal im Gefängnis gesessen haben, für den Rest ihres Lebens davon traumatisiert. Es sind Extremsituationen, welchen man ausgesetzt ist, und man kann nur froh und glücklich sein, wenn man damit niemals etwas zu tun hatte.

Es gibt wenige Menschen, die Haftzeiten innerlich unbeschadet überstehen. Wenn dies aber geschieht, dann spielt dabei der Glaube offensichtlich eine wichtige Rolle. Aus Berichten politischer Häftlinge aus der kommunistischen Zeit – zu denen auch eine Reihe von Bischöfen oder Pfarrern gehörten – wissen wir, dass das regelmäßige Gebet all die oben genannten Einschränkungen irgendwie erträglich werden ließ. Vor diesem Hintergrund ist es zu erklären, dass Paulus in einer derartigen Situation so gelassen bleiben kann.

Extremsituationen im Leben führen normalerweise dazu, dass einem die Gelassenheit abhanden kommt, dass man nicht mehr „normal“ reagiert bzw. sich benimmt. Es muss sich ja nicht unbedingt um Strafvollzug handeln; es kann z. B. eine tödliche Krankheit sein, die ohne Vorankündigung einen Menschen überfällt, oder eine Beziehungskrise, die wie ein Blitz aus heiterem Himmel einen aus der Bahn wirft. Kann es dann gelingen, jene Gelassenheit an den Tag zu legen, die wir bei dem inhaftierten Apostel Paulus im Gefängnis von Ephesus vorfinden?

Sicher ist, dass man solche Situationen nicht im Voraus in Gedanken theoretisch durchspielen kann. Und trotzdem können wir von Paulus lernen. Die feste Zuversicht, im Leben wie im Tod bei Gott aufgehoben zu sein, die lässt Paulus sein eigenes Leben nicht von der Vergänglichkeit dieser Welt, sondern von der Ewigkeit Gottes her betrachten. Das ist die Frohe Botschaft, deren Verbreitung in der ganzen Welt sich Paulus als Lebensziel gesetzt hatte. Wer diese Frohe Botschaft verinnerlicht, dem können weder schlecht gesonnene Menschen, noch Schicksalsschläge schaden.

Wo das Evangelium wirkt, kann es Menschen verändern, kann es zu der Gelassenheit führen, die auch Paulus an den Tag legt. Und es wird dahin führen, worauf das Motto des kommenden Sonntages zielt: „Lätare!“ (Freuet euch). Mitten in der Fastenzeit, mitten in einer gefallenen Welt, mitten in den Problemen und Kümmernissen unseres Alltages dürfen wir uns freuen, weil wir eine Ahnung von jener ganz andern Welt Gottes haben dürfen.

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