WORT ZUM SONNTAG": Gedanken eines pastoralen Autofahrers

Sonntag, 12. November 2017

Ich soll eine Andacht für die ADZ schreiben. OK, ich habe im Auto Zeit, darüber nachzudenken, denn ich fahre von München nach Gundelsheim. Das bedeutet drei Stunden Fahrt. Es sollte reichen, damit mir etwas Brauchbares einfällt. Ich lese zu Hause noch den Spruch der Woche, die am 12. November beginnt. Siehe, jetzt ist die Zeit der Gnade, jetzt ist der Tag des Heils. Das steht im 2. Korintherbrief. Für einen Pfarrer ein bekannter Spruch. Und auch, dass die drei letzten Sonntage im Kirchenjahr sich um die „letzten Dinge“ drehen, ist automatisch da.

Nach dem Aubinger Tunnel schalte ich das Radio ein. Heute ist Weltmännertag. Es geht um schlechte Gesundheitsprävention bei Männern. Die Lebenserwartung der Männer ist deshalb weltweit geringer als die der Frauen. Bringt diese Nachricht was für die Andacht? Vielleicht. Fragen sich denn die Männer irgendwann, ob sie die richtige Zeit verpasst haben? Wäre ich doch dann oder dann zum Arzt gegangen … wäre es anders gekommen? Und es geht mir da auf: Man kann schwer sagen: „Sieh, jetzt ist die Zeit der Gnade!“ In der Biografie lautet es immer „Siehe, damals war die Zeit der Gnade!“ Nur im Rückblick kann man erkennen, welches die Wendepunkte des Lebens gewesen sind.

Nun fahre ich über die Autobahnbrücke bei Augsburg. Der Verkehr ist dichter geworden. Leikermoser spricht ungestört weiter aus dem Radio… Von ihm erfahre ich, dass vor 60 Jahren die Hündin Laika in den Kosmos geschickt worden ist. Sie war damit das erste Lebewesen im All. Kann man den 3. November 1957 einen „Tag des Heils“ nennen? So wurde er mindestens in der Sowjetunion gepriesen. Obwohl – so erklärt mir das Radio – Laika gar nicht erst in den Weltraum gekommen ist. Sie ist kurz nach dem Start wegen der großen Hitzeentwicklung zugrunde gegangen. Das wurde der Weltöffentlichkeit verheimlicht. Also: Der hochgepriesene „Tag des Heils“ war nie wirklich einer. Er war konstruiert. Wie steht es mit den Tagen des Heils in der Bibel? Sofort fällt mir die Geburt Jesu ein. Da wird ein Kind geboren. Das wird kosmisch groß hervorgehoben. Lukas sieht alles in der Gegenwart. Der Himmel ist offen, die Hirten merken, dass es eine „Nacht des Heils“ ist.

Ulm. Nun ist die Entscheidung fällig, ob ich die A7 nordwärts auf Würzburg zu fahre oder weiter auf der A8 Richtung Stuttgart bleibe. Dort ist aber fast immer Stau. Deshalb blinke ich und wechsele die Autobahn. Woran dachte ich eben? Ach ja: Weihnachten, als erkannter Tag des Heils. Auch Karfreitag war so ein Tag, denn die Soldaten bekannten: „Dieser ist wahrlich Gottes Sohn gewesen!“ Trotzdem hat Maria Magdalena es nicht erkennen können, dass sie den Augenblick des Heils lebt. Sie meinte, der Gärtner hätte Jesus aus dem Grab geklaut. Und die Jünger von Emmaus waren auch nicht viel aufgeweckter: „Ihre Augen waren gehalten“, schreibt Lukas. Also nix mit dem „jetzt ist der Tag des Heils“, sondern doch „damals war die Zeit des Heils“. Ich blicke in den Rückspiegel. Einer hinter mir drängelt und warnt mich aggressiv mit der Lichthupe. Etwas Geduld bitte! Noch diesen LKW mit Fleischwerbung überholen, dann kannst du vorbei! Das wäre doch ein guter Titel für die Andacht: Heil im Rückspiegel. Gefällt mir eigentlich, da es meine Gedanken aufnimmt, ohne umständlich zu sein. Es geht Richtung Mannheim ab. Langsam geht mir die Zeit aus. Ich sollte zu einem Schluss kommen, denn nach zwanzig Kilometern beginnt die Bundesstraße entlang des Ne-ckars. Sicher lässt sich das mit dem „Heilsmoment im Rückspiegel“ auch auf Glaubensdinge übertragen.

Wie ist das mit Bekehrung? Es gibt Freikirchen, die den Moment der Bekehrung erkennen können. Nach dem Motto: „Wer Jesus gefunden hat, hebe die Hand und komme nach vorne…“ Aber bei den meisten ist es eher eine Erkenntnis im Rückspiegel. Was hat mich veranlasst, mein Leben an dem Glauben auszurichten? War es die Erziehung? War es ein spezielles Ereignis in der Biografie? Jetzt geht’s leider schon runter Richtung Moosbach, ich müsste mich auf die Bundesvorstandsitzung konzentrieren. Kann ich abschließen?

Der Moment des Heils ist wichtig, aber genauso wichtig ist meine ordnende Fähigkeit, im Nachhinein die Hand Gottes zu erkennen. Die Spuren Gottes in deinem Leben zu entziffern, ist eine Gabe. Nein, jetzt kann ich wirklich nicht mehr nachdenken. Fast wäre ich auf einen draufgefahren, der als Abbieger stehen geblieben ist. Das wäre dann wahrlich ein Tag des Un-Heils geworden …

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