WORT ZUM SONNTAG: Geist oder Triebkraft

Sonntag, 23. Februar 2014

Jean Vianney (1786-1859), der spätere heilige Pfarrer von Ars, kam in der turbulenten Napoleonszeit sehr spät zum Studium. Er wollte Priester werden und wurde das „Kreuz“ seiner Lehrer. Er besaß, wie wir es heute ausdrücken, einen „niedrigen Intelligenzquotienten“. Er kam im Studium nur im Schneckentempo voran. Ein aufgeweckter zwölfjähriger Klassenkamerad namens Mathieu Loras nahm sich seiner an und half ihm bei der Schularbeit. Aber Vianney begriff nur sehr schwer, manchmal überhaupt nichts, was ihm sein junger Lehrer erklärte. Eines Tages verlor Loras die Geduld über die Begriffsstutzigkeit Vianneys und verabreichte ihm vor den Augen aller Mitschüler eine schallende Ohrfeige. Wie reagierte der 21-jährige kräftige Bauernbursche? Alle waren gespannt. Statt zurückzuschlagen, sank der 21-Jährige vor dem Zwölfjährigen auf die Knie und bat ihn um Verzeihung, dass er so schwer von Begriff sei. Der Junge war auf so eine Reaktion nicht gefasst. Schamröte überzog sein Gesicht. Er brach in Tränen aus und bat nun seinerseits Vianney um Verzeihung für seine Unbeherrschtheit. Die Folge der Erniedrigung Vianneys war, dass es keinen Sieger und keinen Besiegten gab, sondern dass daraus  eine Freundschaft entstand, die das ganze Leben hindurch Bestand hatte.
Es hätte natürlich auch ganz anders ausgehen können, wenn der starke Bauernbursche den Zwölfjährigen nach Strich und Faden verprügelt hätte. Er tat es nicht. Warum? Trotz seines „niedrigen Intelligenzquotienten“ besaß Vianney, gestärkt durch sein inneres Christentum, einen Geist, der stärker war als der natürliche Trieb. Hätte in ihm der Trieb gesiegt, wäre nie eine Freundschaft zwischen ihnen entstanden. Wenn der Geist den Trieb beherrscht, kann nur Gutes daraus hervorgehen. Herrscht aber der Trieb über den Geist, was geschieht dann?

Da lebten zwei Brüder, der eine war gescheit, der andere war dumm. Sie reisten zusammen übers Land. Sie kamen an eine Stelle, wo der Weg sich teilte. Der eine Weg war glatt und eben, der andere steil und steinig. Der Gescheite wollte den rauen Weg gehen, der Dumme aber gab nicht nach und setzte es durch, dass sie den glatten, ebenen Weg beschritten. Kurze Zeit später wurden sie überfallen, ausgeraubt, gefangen, zur nahen Burg geschleppt und ins Burgverlies geworfen. Da warf der Gescheite dem Dummen vor: „Das haben wir nun von dir! Wären wir doch den rauen Weg gegangen, so wären wir nicht in diese Not gekommen“. Der andere erwiderte: „Du bist doch der Gescheite und ich bin der Dumme. Ich habe nur nach meiner Art gehandelt. Warum bist du nicht den anderen Weg gegangen? Ich wäre dir schon nachgefolgt!“
Beide Brüder wohnen in uns. Der Gescheite ist der Geist, der unseren Lebensweg bestimmen soll. Der Dumme ist der natürliche Trieb, der dem Geist folgen soll. Bei wie vielen Menschen geschieht das Gleiche, wie in dieser Geschichte? Viel leichter folgen wir dem natürlichen Trieb als dem guten Geist in uns. Das zeigt uns doch jeden Tag das Leben. Wie handeln die meisten Menschen? Nach der Devise: „Aug´um Auge, Zahn um Zahn!“

Der Trieb kann noch höhere Schranken überspringen. Das zeigt uns Rehabeam, der Sohn und Nachfolger König Salomos im Alten Testament. Als das Volk um Erleichterungen bat, fällte der das Urteil: „Mein kleiner Finger ist stärker als die Lende meines Vaters. Hat mein Vater euch mit Peitschen gezüchtigt, ich werde euch mit Skorpionen züchtigen!“ Das ist doch Triebherrschaft in Reinkultur. Was war die Folge dieser Triebherrschaft? Ein großer Teil des Landes fiel von Rehabeam ab und es entstanden zwei Staaten, die sich oft bekriegten.
Darum warnt Christus in der Bergpredigt: „Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt worden ist: Du sollst nicht töten; wer aber jemand tötet, soll dem Gericht verfallen sein. Ich aber sage euch: Jener, der seinem Bruder auch nur zürnt, soll dem Gericht verfallen sein. Und wer zu seinem Bruder sagt: Du Dummkopf! Soll dem Spruch des Hohen Rates verfallen sein!“ Christus hat solche Aussprüche nicht nur gelehrt, er hat auch danach gehandelt. Als er, „dem alle Gewalt im Himmel und auf Erden gegeben ist“, vor dem Hohenpriester stand, ohrfeigte ihn ein Knecht. Er ließ nicht gleich einen Blitz vom Himmel fallen, um den Beleidiger zu vernichten, sondern sagte: „Wenn es nicht recht war, was ich gesagt habe, dann weise es nach; wenn es aber recht war, warum schlägst du mich?“ Ein klassisches Ereignis, wo der Geist den natürlichen Trieb völlig beherrscht.
Jeder Christ muss an sich arbeiten, dass in ihm der Geist den Trieb im Zaume hält. Das ist keine leichte Aufgabe. Solche Geistessiege schädigen niemanden, bringen aber mehr Freundschaft und Liebe als Früchte hervor.

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