WORT ZUM SONNTAG: Geistliche Werte

Sonntag, 16. November 2014

Zu 1 Thessalonicher 5, 1-11  

Der deutsche Gegenwartsphilosoph Wilhelm Schmid, Autor eines empfehlenswerten Buches mit dem Titel „Gelassenheit“, hat eine interessante Feststellung gemacht. Er sagt, dass viele Menschen heutzutage  – wie in einer „Unsterblichkeitsblase“ leben, so als ob der eigene Tod nur in einer fernen, vergessenen Zukunft möglich wäre. Und bis dahin schalten und walten sie so, als ob es gar keinen Tod gäbe. Diese Unsterblichkeitsblase kann man auch hierzulande bei der Generation der 30-50 Jährigen bemerken, also bei denen, die mitten im Arbeitsleben stehen. Sie „...kappen und lärmen, und rupfen und zupfen, und hüpfen und traben und putzen und schaben...“ wie die Heinzelmännchen zu Köln (aus dem gleichnamigen Märchen) in ihrer besten Zeit.

So wie in der Geschichte vom reichen Kornbauern, die wir immer am Erntedankfest hören, wollen sie sich noch größere Häuser, Garagen und Hallen bauen, um ihren erworbenen Wohlstand unterzubringen, eine Sprosse weiter auf der Karriereleiter steigen, ein neues Konto eröffnen, möglichst die restliche Lebenszeit verplanen und so weiter und so fort. Das alles ist gut und schön, gehört auch ohne Frage zum Leben eines redlichen Menschen dazu, aber man sollte über diesen materiellen Fragen des Lebens die geistlichen Fragen nicht ganz außer Acht lassen. Und wenn wir an einem beliebigen Sonntag in eine beliebige unter unseren Kirchen hineinschauen, dann werden wir schnell bemerken, dass gerade diese Generation „Arbeitsleben“ aus dem Gottesdienst fehlt. Aber der Mensch lebt eben nicht nur vom Brot allein und wer den geistlichen Teil des Lebens vernachlässigt, der kann ein böses Erwachen erleben. Denn diese Unsterblichkeitsblase kann auf einmal platzen.

Derselbe Philosoph Wilhelm Schmid erzählt, dass ihn selbst bei seinem 60. Geburtstag völlig unerwartet eine Mischung aus Angst, Traurigkeit und Wut überfallen habe, die ihm nicht nur den Jubiläumsgeburtstag verdorben, sondern auch noch eine ganze Weile zu schaffen gemacht habe. Später habe er erfahren, dass es auch noch vielen Leuten ähnlich ergangen sei, denn obwohl man theoretisch weiß, dass die zu erwartende Lebenszeit abnimmt, ist es doch etwas anderes, wenn auch die Seele dies verspürt. Es wird einem völlig unerwartet bewusst, dass „der Tag des Herrn kommen wird wie ein Dieb in der Nacht!“ Und deshalb ermahnt uns die Heilige Schrift, sozusagen aus aktuellem Anlass, das geistliche Leben nicht zu vernachlässigen, sondern uns mit dem „Panzer des Glaubens und der Liebe“ zu kleiden und uns mit dem „Helm der Hoffnung auf das Heil“ zu wappnen. Denn allein im Glauben an den allmächtigen Gott können wir Zuversicht und und Vertrauen finden, die uns in den schweren Momenten des Lebens tragen und uns in den schönen Momenten die Freude am Leben ermöglichen. Ja sogar die Seligkeit offenbart sich demjenigen, der sich ganz von Gottes Gnade aufgefangen weiß und fest darauf vertrauen kann, dass die Hilfe im Namen des Herrn steht, der Himmel und Erde geschaffen hat.

Nach diesen geistlichen Werten des Lebens gilt es zu streben und nicht nach den materiellen, denn wer diese Zuversicht und innere Ruhe, die Seligkeit des Herzens erreicht, der kann sein Leben tatsächlich auch genießen. Der kann sich freuen an der milden Herbstsonne, an einem guten Gespräch mit lieben Menschen, an einem guten Buch oder einer Tasse frischem Kaffee. Der kann in seinen Träumen und Phantasien schwelgen und versuchen, noch das eine oder andere davon in die Tat umzusetzen. Der kann seine Tage mit Leben füllen, und nicht nur das Leben mit Tagen. Der kann mit Dankbarkeit einstimmen in das Gotteslob  und das Gute, das ihm zufällt, von ganzem Herzen mit anderen teilen.
„Sorge Dich nicht um das, was kommen mag, weine nicht um das, was vergeht; aber sorge, Dich nicht selbst zu verlieren, und weine, wenn Du dahintreibst im Strome der Zeit, ohne den Himmel in Dir zu tragen.“ (Friedrich Schleiermacher)
Amen.
           

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