WORT ZUM SONNTAG: Hans im Glück! – Hans im Unglück?

Sonntag, 06. Oktober 2013

Liebe Leserinnen und Leser, ich möchte Ihnen eine Geschichte erzählen. Wahrscheinlich kennen die meisten von Ihnen sie ganz anders.

Es war einmal, vor langer Zeit, ein Lehrling mit Namen Hans. Der hatte seinem Meister sieben Jahre treu gedient. Er war dabei ein tüchtiger Scherenschleifer geworden. Als nun seine Lehrzeit zu Ende war, erhoffte er sich von seinem Meister eine ordentliche Belohnung. Doch dieser sprach zu ihm: „Ich habe dich immer gut behandelt, dir immer deinen Lohn ausgezahlt und dir gegeben, was recht ist. Ich will dir kein Geld geben, denn mit Geld wirst du dein Glück nicht machen. Zum Abschied will ich dir diesen Schleifstein schenken. Er war mein Startkapital. Er soll auch dir zu Wohlstand und Glück verhelfen.“ Hans war enttäuscht. Er packte sein Bündel und legte den Schleifstein ganz oben auf. Wenn er erst außer Sichtweite wäre, würde er ihn in den nächsten Brunnen werfen. Doch kaum war er einige Schritte gegangen, begegnete ihm ein Bursche, der trieb eine Gans vor sich her. Hans gelang es, den Schleifstein vorteilhaft gegen die Gans zu tauschen. Kaum aus der Stadt heraus, sah er einen Bauern, der sein Schwein zum Markt bringen wollte. Hans schwatze ihm die Gans im Tausch gegen das Schwein auf. Eine Strecke Weges weiter begegnete er einem Viehzüchter mit einer Kuh. Nach einem kurzen Gespräch schaffte Hans es, das Schwein gegen die Kuh einzuhandeln. Einige Meilen darauf kam ein Reiter auf ihn zu. Hans gelang es, dem Mann die Kuh für das Pferd zu geben. Hoch zu Ross kam er nun in sein Heimatdorf. Da traf er einen reichen Kaufmann und verkaufte ihm das Pferd für einen Klumpen Gold, so groß wie sein eigener Kopf.

Reich wie Hans jetzt war, kaufte er sich eine Scherenschleiferwerkstatt. Er arbeitete fleißig und hatte Erfolg. Aber auch in ihm ging eine Veränderung vor. War er früher sorglos und fröhlich bei seinem Meister gewesen, so rieb ihn jetzt die Angst auf. Jeden Tag glaubte er, seine Existenz stünde auf dem Spiel. Er wollte immer mehr haben, um seinen wertvollen Besitz gründlich abzusichern. Weil er in diesem vergeblichen Streben jedoch immer unglücklicher wurde, stürzte er sich in die Arbeit. Er gründete Filialen in den Nachbargemeinden, obwohl er schon längst mehr hatte, als er zum Leben brauchte. Er engagierte sich in Vereinen und im Ehrenamt, nur um die Leere in seinem Inneren nicht spüren zu müssen. Längst hatte er vergessen, wie glücklich er einst gewesen war, als er mit Wenigem zufrieden, ein freier Bursche war.
Liebe Leserinnen und Leser, sicher ist Ihnen aufgefallen, was ich mit dem Hans im Glück der Gebrüder Grimm gemacht habe. Mich hat dieses Märchen schon immer geärgert. So einen Hans, der einen Goldklumpen gegen einen Schleifstein eintauscht, der ihm dann noch in den Brunnen fällt, das gibt es doch gar nicht. Da ist mein Hans doch viel realistischer. Und doch heißt es in der Originalgeschichte am Ende – und das macht mich nachdenklich: „So glücklich wie ich“, rief Hans aus, „ist kein Mensch unter der Sonne.“

Der Predigttext für das Erntedankfest in diesem Jahr geht in die gleiche Richtung. Dort heißt es: „Ihr sollt euch nicht Schätze sammeln auf Erden, wo sie die Motten und der Rost fressen und wo die Diebe einbrechen und stehlen. Sammelt euch aber Schätze im Himmel, wo sie weder Motten noch Rost fressen und wo die Diebe nicht einbrechen und stehlen. Denn wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz.“ (Matthäus 6,19-21)
Ich wünsche uns allen, dass wir diesen Rat der Bibel beherzigen. Dass wir es schaffen, in unserem Leben die Balance zwischen dem Nötigen und dem Unnötigen zu finden. Dass wir Zeit für unseren Nächsten und für Gott haben. Dass wir die guten Gaben Gottes nicht nur für uns alleine behalten, sondern sie auch mit anderen Menschen teilen. Dass wir reich bei Gott werden und in unserem Herzen einen großen Schatz tragen.

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