WORT ZUM SONNTAG: In Christus und dem Nächsten leben

Donnerstag, 30. Oktober 2014

Liebe Leserinnen und Leser,

heute, am 31. Oktober, gedenken die evangelischen Christen jener Bewegung, die in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts ihren Anfang in Wittenberg nahm und bald ganz Europa erfasste: die Reformation. Wir erinnern uns an Martin Luther und an seinen Kampf gegen die Entartungen im kirchlichen Leben, an den Anschlag der 95 Thesen gegen den Ablasshandel an die Tür der Schlosskirche zu Wittenberg am 31. Oktober 1517. Der Konflikt mit Kaiser und Papst, Luthers Aufenthalt auf der Wartburg kommen uns in Erinnerung. Seine große Leistung, die Übersetzung der Bibel ins Deutsche, bleibt unvergessen. Es gibt vieles, was uns am Gedenktag der Reformation dankbar macht.

Aber das Beschwerliche darf auch nicht verschwiegen werden. Die Reformation Luthers führte zur Kirchenspaltung. Katholische und evangelische Christen haben nicht nur miteinander um die Wahrheit gestritten, sie haben auch gegeneinander um Einfluss und Macht gekämpft. Ein kräftiger Strom von Blut und Tränen begleitet auch die Geschichte, die mit der Reformation Luthers ihren Anfang nahm. Hier erinnern wir uns an den 30-jährigen Krieg, aber auch an die Vertreibung der Landler nach Siebenbürgen.

Martin Luther haben wir vor allem jene biblischen Einsichten zu verdanken, die die Menschen im Glauben trösteten, befreiten und voranbrachten. Die von ihm, aus dem Bibelstudium, wiedergewonnene und leidenschaftlich weitergegebene Erkenntnis, dass wir von Gott nicht aufgrund von guten Werken, von uns als Leistung erbracht, sondern allein aus Gnade gerecht gesprochen werden, ist wieder ein Glaubensfundament der Christenheit geworden.
Drei Jahre nach dem Ausbruch der Reformation schrieb Luther eine Denkschrift unter dem Titel „Von der Freiheit eines Christenmenschen“.

In dieser Schrift erklärt er gleich vorneweg: „Ein Christenmensch ist ein freier Herr aller Dinge und niemand untertan.“ Der Christ – ein freier Mensch. In Sachen des Gewissens und Glaubens niemandem untertan, nicht Kurfürst, nicht Kaiser, nicht Papst, nicht Kirche. Das klingt nach Adel, und in der Tat ist jeder Christenmensch von Christus geadelt. Obwohl er aus krummem Holz ist, geht er den Gang des Aufrechten, aufgerichtet von Gott. Der Ruf der Freiheit ist fortan mit der Reformation verbunden.

Es folgt notwendig der zweite Schritt, ebenfalls in der Freiheitsschrift Luthers stehend: „Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.“ Dies klingt wie das genaue Gegenteil der ersten These und ist doch die logische Folge. Aus der Befreiung des Einzelnen folgt die Zuwendung zum Anderen. Ein Christenmensch macht sich freiwillig zum Diener Gottes und zum hilfreichen Bruder bzw. Schwester seines Nächsten. Paulus spricht vom Glauben, der in der Liebe tätig ist.

Am Ende seiner Freiheitsschrift hat Luther diesen Zusammenhang so ausgedrückt: Aus dem allen ergibt sich, „dass ein Christenmensch nicht in sich selbst lebt, sondern in Christus und dem Nächsten; in Christus durch den Glauben, im Nächsten durch die Liebe. Durch den Glauben fährt er über sich in Gott, aus Gott fährt er wieder unter sich durch die Liebe und bleibt doch immer in Gott und göttlicher Liebe“.

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