WORT ZUM SONNTAG: Jesus vor Pilatus

Sonntag, 25. März 2012

Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.  (Johannes 12, 24) 

Der Altar der evangelischen Kirche aus Tobsdorf (rumänisch Dupuş) bei Mediasch ist einer der kleinsten, doch wertvollsten und interessantesten Flügelaltäre aus Siebenbürgen. Seit 1999 steht er in der Mediascher Stadtpfarrkirche, im nördlichen Seitenschiff. Im Volksmund wird er auch „Puppenaltar“ genannt, wegen den lieblich gemalten Erzengeln auf der Festtagsseite. Als „Brotaltar“ ist er aber auch sehr bekannt geworden, und zwar kommt das von der Typologie, die ebenfalls auf der Festtagsseite zu erkennen ist: die eine Tafel zeigt das letzte Abendmahl Jesu mit seinen Jüngern (Neues Testament), die anderen drei Tafeln zeigen Szenen aus dem Alten Testament, die alle mit Brot (oder Himmelsbrot, wie noch heute auf den Dörfern die Oblaten genannt werden) zu tun haben: das Mannawunder, das Passahfest und die Begegnung zwischen König Melchisedek und Abraham, dem Brot und Wein gereicht wird.

Eine schmale Leiste am Altaraufbau trägt eine Inschrift in lateinischer Sprache, anhand derer wir erfahren, dass der Altar ursprünglich nicht aus Tobsdorf stammt, sondern erst 1720 durch den damaligen Pfarrer Johannes Wellther aus Maldorf der Gemeinde geschenkt wurde, was Bischof Lukas Graffius (1712-1736) im Monat August 1720 bestätigte. Wo der Altar ursprünglich stand, ist unbekannt. Auf der Tafel, auf welcher die Dornenkrönung dargestellt wird, hält der Scherge einen Zettel in der Hand, auf dem die Zahl 1522 angegeben ist. Manche Kunsthistoriker meinen, der Altar wäre jedoch sogar um einige Jahrzehnte älter, also aus dem 15. Jahrhundert. Was wir noch wissen ist, dass der Altar bei seiner Aufstellung in Tobsdorf 1720 renoviert worden ist. Damals wurde das kleine Holzkruzifixus, das auch heute noch im Mittelschrein steht, aufgestellt.

Das zweite Bild der Passionsseite zeigt Jesus vor Pilatus. Pilatus ist als junger Mann dargestellt – eigentlich schwer zusammenzubringen mit dem Pilatus, den wir aus den Evangelien vermuten, wären dabei nicht ein Handwaschbecken zu erkennen und eine Frau im Fenster – seine Ehefrau. Da klingen in mir die Worte der Matthäuspassion von Bach aus dem Evangelium nach Matthäus (Kap. 27, V. 19-24): „Und als er (Pilatus) auf dem Richterstuhl saß, schickte seine Frau zu ihm und ließ ihm sagen: Habe du nichts zu schaffen mit diesem Gerechten; denn ich habe heute viel erlitten im Traum um seinetwillen. Aber die Hohenpriester und Ältesten überredeten das Volk, dass sie um Barabbas bitten, Jesus aber umbringen sollten. Da fing der Statthalter an und sprach zu ihnen: Welchen wollt ihr? Wen von den beiden soll ich euch losgeben? Sie sprachen: Barabbas! Pilatus sprach zu ihnen: Was soll ich denn machen mit Jesus, von dem gesagt wird, er sei der Christus? Sie sprachen alle: Lass ihn kreuzigen! Er aber sagte: Was hat er denn Böses getan? Sie schrien aber noch mehr: Lass ihn kreuzigen! Als aber Pilatus sah, dass er nichts ausrichtete, sondern das Getümmel immer größer wurde, nahm er Wasser und wusch sich die Hände vor dem Volk und sprach: Ich bin unschuldig an seinem Blut; seht ihr zu!“

Jesu Ankläger nennen ihn einen Verbrecher, sie wollen ihn töten und brauchen sogar den verhassten Römer, um ihr Ziel zu erreichen. Sie wissen ganz genau, dass sie niemanden töten dürfen, aber töten wollen sie Jesus auf jeden Fall. Pilatus fragt ihn: „Bist Du des Juden König?“ Die Frage erinnert auch an die Frage der Weisen aus dem Morgenland am Anfang desselben Evangeliums: „Wo ist der neugeborene König der Juden?“ Jesus gibt knapp die Antwort: „Du sagst es!“. Mehr redet er nicht. Andere um ihn herum handeln und reden mehr. Aber die Wahrheit kann man auch leise sagen. Der schweigende König der Juden ist ein Gerechter, einer der vor Gott und den Menschen recht ist und recht hat. So tauscht Pilatus den Gerechten gegen den Ungerechten: Barrabas wird freigegeben, Jesus wird gegeißelt und verurteilt. Der Gerechte bleibt gefangen und der Ungerechte kommt frei.

Das ist nichts anderes, als der Sinn allen Leidens und Sterbens Jesu. Wie ein Weizenkorn, das in die Erde fallen und da sterben muss, so ist Jesus für uns gestorben, damit wir das Leben haben. Martin Luther hat von diesem Tausch als von einem „fröhlichen Wechsel“ geschrieben: „Jesus nimmt unsere Sünde auf sich, damit wir leben; die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt.“

Wir danken dir, ewiger Gott, dass du uns Menschen von Anbeginn der Welt in Liebe nachgehst. Wir danken dir für deine Geduld und Langmut, mit der du uns alle trägst. Wir danken dir, dass du dich durch die Menschwerdung deines Sohnes Jesus Christus dem Leiden ausgeliefert hast, damit wir durch sein Kreuz und Leiden zur Herrlichkeit der Auferstehung gelangen. Hilf uns, dass wir in allem Leid getröstet werden. Öffne unsere Herzen für dein Wort und mach uns bereit zur Umkehr. Erwecke uns alle zu neuem Glauben, zu brennender Liebe zu dir und den Menschen und zu einer fröhlicher Hoffnung auf deine Verheißungen. Amen


Kommentare zu diesem Artikel

Keine Kommentare

Kommentar hinzufügen

* - Pflichtfeld

*
CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz
Wenn Sie das Wort nicht lesen können, bitte hier klicken.
*
*