WORT ZUM SONNTAG: Reich der dienenden Liebe

Sonntag, 18. November 2012

Man kann die Menschen in zwei Klassen einteilen: in Regierende und Regierte. Wer aber soll regieren und wer regiert werden? Früher war das einfach. Es gab das Erbkönigtum. Starb der König, trat der älteste Sohn die Herrschaft an. Anders in der modernen Zeit. Die Regierenden von heute gelangen in demokratischen Staaten durch Wahlen an die Regierungsgewalt. Die Kandidaten müssen aber die Wähler von ihren Fähigkeiten überzeugen. Das geschieht durch Wahlversprechen. Dazu sagt Berthold Brecht: „Es kommen die Wähler gelaufen in hundertprozentigen Haufen. Sie haben nicht Brot und nicht Butter, sie haben nicht Mantel noch Futter.“ Die Wähler hoffen, dass ihr Wahlkandidat ihre Erwartungen erfüllen wird. Meist geschieht das nicht und es kommt zu Neuwahlen, denn oft tun die Regierenden nicht das, was sie von den Regierten fordern. Das führt zum Verlust des Vertrauens. Hielten die Regierenden sich an den Rat des irischen Dramatikers George Bernard Shaw, könnten wir uns vorzeitige Neuwahlen ersparen. Er sagt: „Die besten Reformer, die die Welt kennt, sind diejenigen, die bei sich selbst anfangen!“

Dann wäre alles gut, aber oft kommt es vor, dass Regierende, wenn sie einmal von der Macht gekostet haben, so berauscht sind, dass sie diese um keinen Preis wieder abgeben wollen. So verüben sie Staatsstreiche und festigen ihre Macht. Die Regierenden werden zu Diktatoren. Der Dichter Milton (1608-1674) findet folgende Worte für deren Motivation: „Besser in der Hölle herrschen, als im Himmel dienen!“ Der Mongolenkaiser Dschingis Khan (1155-1227) regierte mit eiserner Faust. Als er starb, verkündete ein Würdenträger der schweigenden Menge seinen Tod. Viele begannen zu weinen, nur eine Frau nicht. Empört fragte der Würdenträger: „Der Kaiser ist tot! Wo sind deine Tränen?“ Die Frau antwortete: „Ich habe meine Tränen alle schon zu seinen Lebzeiten verbraucht!“ Trifft das nicht auch auf die braunen und roten Diktatoren des 20. Jahrhunderts zu? Wie viele Tränen wurden ihretwegen vergossen? Kann es überhaupt „gute“ Diktatoren geben?

Als Albanien noch unter türkischer Herrschaft war, fragte der letzte Gouverneur von Stambuls Gnaden, der schwarzbärtige Essad Pascha, einen alten Bergbauern: „Du bist hochbetagt. Wie viele Paschas mag Albanien zu deinen Lebzeiten gehabt haben?“ Darauf der Greis: „Herr, so viele, wie ich Jahre zähle.“ Erneut gefragt: „Und welcher war der Beste?“, antwortete der Alte offenherzig: „Allah schenke dir Gesundheit und ein langes Leben. Einmal wurde uns ein neuer Pascha von Stambul angekündigt. Er starb aber schon auf dem Wege hierher. Er war der Beste von allen!“ Tote Diktatoren sind für uns also besser als lebende.

Christus pries die Demütigen. Seine Apostel aber haben sich die Worte vom kommenden Reich Gottes wohl besser gemerkt als die von der Demut. So dachten sich wohl die beiden Apostelbrüder Jakobus und Johannes: Im neuen Reich Gottes werden sicher hohe Vertrauensposten vergeben und wir, die wir von Jesus auserwählt wurden, haben doch den ersten Anspruch auf die höchsten Posten. Sie wollten sich diese rechtzeitig sichern und baten Jesus: „Lass’ in deinem Reich einen von uns rechts und den anderen links neben dir sitzen!“ Christus lehnte ihre törichte Bitte ab, denn im geistigen Reich Gottes gelten ganz andere Grundsätze als in den weltlichen Reichen. Darauf wies er folgendermaßen hin: „Ihr wisst, dass weltliche Herrscher ihre Völker unterdrücken, doch wer bei euch groß sein will, soll euer Diener sein und wer bei euch der Erste sein will, soll Sklave aller sein.“

Auch in der Kirche gibt es zwei Klassen: Priester und Laien. Priester erhalten durch die Weihe die geistige Gewalt. Diese müssen sie in den Dienst der Gläubigen stellen. Je höher das Amt, desto „dienstwilliger“ muss sein Träger sein. Deshalb nannte sich Papst Gregor der Große (590-604): „Servus servorum Dei! Ich bin Diener aller Gottesdiener!“ Nur wenn in der Kirche stets der „Geist des Dienens“ herrscht, wird offenbar, dass das Reich Gottes auf Erden ein „Reich der dienenden Liebe“ ist.

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