WORT ZUM SONNTAG: Stolpersteine auf dem Lebensweg

Sonntag, 30. Juni 2013

Beim Quellwasser kommt es sehr darauf an, über welchen Boden und welches Gestein das Wasser fließt, bevor es der Quelle entspringt. Je nachdem ist es schmutzig oder rein, bitter oder süß, giftig oder heilsam. So kommt es auch beim Urteil über andere Menschen und ihre Handlungen sehr darauf an, aus welchem Herzen solch ein Urteil stammt. Es gibt gute Herzen, die alles, was sie am Mitmenschen sehen, gut auslegen. Es gibt aber auch bittere und böse Herzen, und die beurteilen alles bitter und böse.

Wie sieht das Urteil eines reinen Herzens aus, wenn es Anzeichen gibt, dass der Nebenmensch etwas Sündhaftes tun könnte? Eine vornehme, einflussreiche römische Dame hatte mit allen Großen Roms Verhältnisse. Das war allgemein bekannt. Eine Gemeinschaft von frommen Juden war in einer wichtigen Angelegenheit auf den Einfluss dieser Dame angewiesen.

Die Gemeinschaft beratschlagte, wer zu dieser anrüchigen Dame gehen sollte. Rabbi Josua sagte: „Ich werde gehen!“ Er machte sich auf den Weg mit seinen Schülern. Als er in die Nähe ihres Hauses kam, nahm er seinen Gebetsriemen ab, ging in das Haus hinein und verschloss die Tür vor seinen Schülern. Als er wieder herauskam, ging er zuerst in ein rituelles Bad. Danach befasste er sich wieder mit seinen Schülern. Er sprach: „Als ich meinen Gebetsriemen abnahm, welcher Verdacht stieg in eurem Herzen auf?“ Sie antworteten: „Wir dachten, dass unser Meister die heiligen Worte auf dem Gebetsriemen nicht an einen Ort der Unreinheit mitnehmen wollte.“ „Und als ich die Tür vor euch verschloss, welchen Verdacht hattet ihr dann?“ Sie sagten: „Wir dachten, der Meister habe ein geheimes und wichtiges Staatsgespräch mit der Dame zu führen.“ „Und als ich später in das rituelle Bad ging, welcher Verdacht kam bei euch auf?“ Ihre Antwort: „Wir dachten, dass etwas Speichel von der Dame auf das Gewand des Meisters gespritzt sei und dass er deshalb rituell unrein wurde.“ Da rief Rabbi Josua aus: „So war es auch! Und so, wie ihr mich günstig beurteilt habt, möge der Allgegenwärtige auch euch günstig beurteilen!“

Wie beurteilt ein Mensch die Tat eines andern, wenn seinem Herzen die Lauterkeit fehlt? Die Mönche Tanzan und Ekido wanderten auf einer schmutzigen Straße. Zudem fiel ein heftiger Regen. Bei einer Wegbiegung trafen sie ein hübsches Mädchen in einem Seidenkleid, welches die Kreuzung überqueren wollte, aber nicht konnte. „Komm her, Mädchen“, sagte Tanzan. Er nahm das Mädchen auf die Arme und trug es über den Morast der Straße. Dann gingen die Mönche weiter. Da warf Ekido seinem Mitbruder vor: „Wir Mönche dürfen Frauen nicht in die Nähe kommen, vor allem nicht den jungen und hübschen. Das ist gefährlich. Warum hast du das getan?“ „Ich ließ das Mädchen dort stehen“, sagte Tanzan, „trägst du es noch immer?“

Und wie erging es Christus? Er war bei einem vornehmen Pharisäer zum Essen eingeladen. Da trat eine stadtbekannte Dirne ins Haus. Sie weinte und benetzte mit ihren Reuetränen die Füße Jesu. Danach küsste sie die Füße und salbte sie mit wohlriechendem Öl. Sofort urteilte der Pharisäer: „Dieser Rabbi kann kein Prophet sein, sonst wüsste er, was das für eine Frau ist, von der er sich berühren lässt.“ Christus wusste, was der Pharisäer dachte und wies darauf hin, dass Menschen sich zum Guten ändern können. Vorschnelle missgünstige Urteile sind oft falsch.

Das hat auch schon der römische Dichter Cicero (106-43 v. Chr.) erkannt. Er schrieb: „Die meisten Menschen werden in ihrem Urteil bestimmt durch Liebe oder Hass, Neigung oder Abneigung, Hoffnung oder Furcht. Die wenigsten urteilen nach der Wahrheit und dem Gesetz.“

Prüfen wir uns, wie oft wir mit dem hinterhältigen Geist der Ehrabschneidung, Verleumdung oder der üblen Nachrede in Berührung kamen und uns die Rolle des selbstgerechten Pharisäers angemaßt haben. Schlüpfen wir lieber in die Rolle der bußfertigen Sünderin. Halten wir uns im alltäglichen Leben an das weise Wort des Dichters: „Lass jeden seine Wege gehen und gehe du den deinen; viel nach dem Weg des andern sehen, heißt stolpern auf dem seinen!“ Gehen wir diesem großen Stolperstein aus dem Wege.

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