WORT ZUM SONNTAG: Vergeben und Vergebung

Sonntag, 09. Juli 2017

Josef sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Stehe ich denn an Gottes statt? Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, Gott aber gedachte es gut zu machen, um zu tun, was heute geschieht, nämlich am Leben zu erhalten ein großes Volk. – Genesis 50, 19-20

Sicher ist es euch auch schon passiert, dass Ihr euch darüber geärgert habt, wenn sich die Dinge anders entwickelt haben, als ihr es geplant hattet. Wenn es nur kleine Sachen sind, kann man das einfach hinnehmen, aber wenn die ganze Lebensgeschichte davon betroffen ist? Renate Klein, Theologin in Hermannstadt/Fogarasch beschreibt in ihrem Buch „Josef – Wie Gott auf krummen Linien gerade schreibt“ die Lebensgeschichte des Erzvaters Josef, der als „Muttersöhnchen und Gottesstreiter, Flüchtling und Betrüger, Liebhaber und Familienvater“ trotzdem zu einer Identifikationsgestalt nicht nur für Israel geworden ist. Mich hat die Geschichte Josefs von Kind auf fasziniert und gerne habe ich sie auch im Religionsunterricht erzählt. Diese Familiengeschichte ist sehr spannend nachzulesen in der Bibel in der Genesis ab dem 37. Kapitel. Thomas Mann hat die Geschichte literarisch ausgestaltet und in seinem vierbändigen Roman „Joseph und seine Brüder“ verarbeitet.

Wie ging es aber Josef selbst? Von seinen Brüdern in die Sklaverei verkauft, gelangt er nach Ägypten. Dort steigt er im Hause des Potifar, des Obersten der Leibwache des Pharaos, schnell zum Verwalter auf, denn er sieht, dass „der Herr mit ihm war und alles, was er tat, ließ der Herr in seiner Hand glücken….“ (Gen. 39,3) Doch bald darauf sitzt er aufgrund der Verleumdungen von Potifars Frau im Gefängnis. Hier trifft Josef auf Vertraute des Pharao, den Mundschenk und den Bäcker, und deutet ihre Träume richtig. Zwei Jahre später hat der Pharao einen Traum und da erinnert sich der Mundschenk an den Traumdeuter Josef im Kerker. Und plötzlich ist Josef ein gemachter Mann, mit seinen 30 Jahren genießt er das Vertrauen eines der mächtigsten Männer der Welt. Besser könnte es für ihn gar nicht sein, doch die Schatten seiner Vergangenheit lassen ihn nicht los. Seinem ersten Sohn gibt Josef den Namen Manasse, das heißt: Gott hat mich vergessen lassen all mein Unglück und mein ganzes Vaterhaus. Auch wenn er vergessen wollte, seine Vergangenheit holt ihn ein.

In der von Josef angekündigten Hungersnot können die Ägypter deshalb auf die gemachten Vorräte zurückgreifen. Josef verkauft auch an die notleidenden Nachbarn Getreide. Auch der betagte Jakob schickt seine Söhne nach Ägypten, damit sie Getreide für ihre Familien einkaufen. Josef, der sie erkennt, lässt sie zunächst als Spione verhaften. Nun holt der Schatten der Vergangenheit auch sie ein. Sie erkennen: Das haben wir an unserem Bruder verschuldet! Wie viel Not macht unverarbeitete, unausgesprochene und damit unvergebene Schuld! Ohne Versöhnung ist das ganze Leben belastet!
Josef gibt sich schließlich zu erkennen und die ganze Großfamilie kann nach Ägypten kommen. Dennoch wird die alte Last nicht aufgearbeitet, die Vergangenheit wird weiterhin totgeschwiegen. Als Vater Jakob stirbt, bricht sie wieder hervor, denn ohne den Schutz des Vaters sind sie und ihre Familien ganz ihrem Bruder Josef ausgeliefert. Trotzdem trauen sie sich nicht vor ihn, sondern sie schicken einen Vermittler mit dem Auftrag, dass es des Vaters letzter Wunsch gewesen sei, seinen Brüdern zu vergeben. Als Josef das hört, kann er nur weinen. Er, der große Staatsmann und einer der bedeutendsten Männer Ägyptens, schämt sich nicht seiner Rührung und seiner Tränen. Und dann kommen seine Brüder zu ihm und verneigen sich vor ihm, so wie er es als Knabe geträumt hatte. Josef erkennt darin den Weg der großen Barmherzigkeit Gottes mit ihm.

Und dann sagt er ihnen: „Fürchtet euch nicht! Stehe ich denn an Gottes statt? Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, Gott aber gedachte es gut zu machen, um zu tun, was heute geschieht, nämlich am Leben zu erhalten ein großes Volk.“ Damit wird nicht nur die alte Schuld vergeben, sondern er eröffnet ihnen auch Zukunft. Sie brauchen sich nicht zu ängstigen, Josef will sie und ihre Kinder versorgen. Und Josef möchte einst nach seinem Tod in der alten Heimat beigesetzt werden. So hat sich ein Zyklus mit Höhen und Tiefen geschlossen.
Schuld vergeben können, wie Josef es tat, ist für Menschen eine Freiheitserfahrung. Schuld vergeben zu wissen, wie die Brüder es erleben durften, ebenso. Vergeben und Vergebung erleben, ist ein Kreislauf, der Versöhnung in Gang setzt.
Der große Durchbruch für unseren Reformator Martin Luther war die Erkenntnis, dass kein Leben ohne Schuld und Sünde denkbar ist und dass all unsere Schuld bei Gott geborgen ist. Dass Gott dennoch Ja sagt zu unserem Leben mit all seinen Brüchen, all dem Scheitern, all dem Versagen.
Der dänische Philosoph Sören Kierkegaard hat es so formuliert: Das Leben kann nur in der Schau nach rückwärts verstanden, aber nur in der Schau nach vorwärts gelebt werden. Dieses Thema wäre auch bei unserem diesjährigen Sachsentreffen in Hermannstadt Anfang August wichtig, denn viele sind in ihren Vorstellungen noch der Vergangenheit verhaftet, ohne den Blick für die Zukunft zu haben. Und Dietrich Bonhoeffer schreibt in „Widerstand und Ergebung“: „Ich glaube, dass auch unsere Fehler und Irrtümer nicht vergeblich sind und dass Gott es nicht schwerer ist, mit ihnen fertig zu werden als mit unseren vermeintlichen Guttaten...“

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