WORT ZUM SONNTAG: Verheißungen für einen Migranten

Sonntag, 15. Juli 2012

Es ist für mich immer wieder eine Freude festzustellen, wie sich biblische Worte mit aktuellen Ereignissen verbinden. Als die Endrunde der Fußballeuropameisterschaft lief, fielen mir die vielen Spieler mit Migrationshintergund auf. Eine Entwicklung, die in traditionellen Multikultiländern wie England, Frankreich oder den Niederlanden schon seit über 20 Jahren das Aussehen der Nationalmannschaften prägt, zeigt sich nun auch in anderen Mannschaften, wie der deutschen oder der italienischen. Das Interessante dabei ist jedoch, dass es vor allem die Spitzen sind, wo fremdartige Namen auftauchen. Sonst sind die meisten Migrantenschicksale eher unterschwellig zu fassen, doch einige schaffen es hoch hinaus. Das ist immer schon so gewesen. Trotzdem fragen wir erneut: Welche Kraft treibt solche Menschen zu Spitzenleistungen an? Warum sind sie anscheinend besser als viele Eingeborene? Sie müssen sich beweisen, sie wollen sich anpassen und integrieren, ist die naheliegende Antwort. Und sie legen ein starkes Vertrauen an den Tag, in sich selbst und darüber hinaus.

In diesem Zusammenhang habe ich das Bibelwort von der Berufung Abrahams aus dem 1. Buch Mose (Genesis) Kapitel 12 irgendwie anders gesehen, als es sonst üblicherweise ausgelegt wird. Abraham gilt nämlich allen Christen als Erzvater des Glaubens. Er ist das erste Beispiel in der biblischen Heilsgeschichte für das Vertrauen in eine Verheißung Gottes. Alles schön und gut. Doch angesichts seiner Lebensgeschichte dürfen wir fragen, woher er Vertrauen in ein ziemlich vages und gleichzeitig gewagtes Versprechen gewinnt? „Ich will dich zum großen Volk machen und will dich segnen und dir einen großen Namen machen, und du sollst ein Segen sein“ (Lutherbibel! Mose 12, 2), sagt Gott sehr großspurig zu Abraham.

Abraham, der am Anfang der Geschichte noch Abram heißt, gehört einer Nomadensippe an. Seine Sippe lebt im Kulturland Chaldäa, im südöstlichen Mesopotamien (heute Irak), im Umfeld der Stadt Ur. Irgendwann führt sie der Sippenälteste, Abrahams Vater, weiter, nach Haran, im Norden (heute Grenze Syrien-Türkei). Als Fernziel hatten sie Kanaan im Blick, das spätere Israel. In Haran erfährt Abraham dann die realitätsharten Worte Gottes: „Geh aus deinem Vaterland und von deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Haus in ein Land, das ich dir zeigen werde.“ (1. Mose 12, 1).

Was heißt das im Klartext? Abraham bleibt nicht mehr der bisherige transhumierende Nomade, eingebunden in ein Kulturland und in einen Sippenzusammenhalt, sondern er wird zum Migranten, zum Auswanderer. Er bleibt zwar weiter von seiner Lebensart her ein Nomade, doch in einem fremden Land, wo er sich erst nach vielen Jahren schließlich dauerhaft niederlässt. Sein Sohn Isaak wird dann, um es mit heutigem Sprachgebrauch zu sagen, als Bürger dieses neuen Heimatlandes Kanaan geboren. Die Ehefrau für Isaak wird aber noch aus der alten Heimat geholt. Und auch der Enkel Abrahams, Jakob, muss aus Erbschaftsgründen die neue Heimat verlassen und flieht nach Haran ins Ursprungsland, zur Sippe des Großvaters. Von dort kehrt er dann mit zwei Frauen und zwölf Kindern wieder zurück nach Kanaan. Eine Großfamilie mit aktivem Migrationshintergrund, die erst in der dritten Generation ganz in der Wahlheimat Fuß fasst.

Was jedoch als roter Faden dieses ständige Hin und Her durchzieht, ist das Vertrauen in die Verheißungen Gottes. In mehreren Extremsituationen zeigt Gott dem jeweiligen Lebenswanderer das Ziel: Heimat, Gemeinschaft, Errettung, Selbstverwirklichung. Dadurch erweckt er sein Vertrauen neu und der gemeinsame Weg Gott-Mensch kann weiter gehen. Bis hin, dass heute die zwei größten Gottesvölker dieser Erde, Christen und Moslems, den Migranten Abraham als ihren geistlichen Stammvater ansehen dürfen.

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