WORT ZUM SONNTAG: Verlässliche Wächter der Heilsgüter

Sonntag, 27. November 2016

Als wir im Januar 1945 in die damalige Sowjetunion zur Sklavenarbeit deportiert wurden, da glichen die Wochen, Monate und Jahre einer langen dunklen Nacht, an deren Himmel kein Stern der Hoffnung, geschweige denn die Sonne der Freiheit aufging. Abends legten wir uns müde und ausgehungert auf die harte Pritsche. Wurden wir am frühen Morgen, als die Sterne noch nicht verblasst waren, zum Aufstehen aufgefordert, so fiel uns das, zumal im kalten Winter, sehr schwer. Es war ja ein Aufstehen zu neuer Arbeitslast, zu neuer Kälte, zum andauernden Hunger.

Aber auf jede Nacht, so lang und dunkel sie auch sein mag, folgt das Licht des Tages. Auch wir durften das erleben. Eines Tages wurde uns mitgeteilt, dass wir bald in die Heimat zurückkehren dürfen. Diese Nachricht wurde für uns zur aufgehenden Sonne in der Nacht der Hoffnungslosigkeit. Das Arbeitsprogramm hatte sich nicht geändert. Wir mussten auch weiterhin unsere „Norm“ erfüllen. Aber das Aufstehen am Morgen fiel uns viel leichter. Die Aussicht auf das baldige Ende der Sklavenzeit erleichterte uns das Lagerleben. Und eines Tages kehrten wir als freie Menschen in die Heimat zurück. Viele hatten in der Notzeit das Gelöbnis getan: „Sollte ich wieder gesund und heil in die Heimat, in den Kreis meiner Familie zurückkehren, dann werde ich als Dank an Gott ein ‘gottgefälliges Leben’ führen.“ Ein guter Vorsatz. Tun wir das auch? Viele erklärten: „In Russland habe ich für mein ganzes Leben gefastet und gebüßt. Jetzt will ich das Leben genießen, so weit es meine Mittel erlauben!“ Der Apostel Paulus aber sagt: „Das Reich Gottes besteht nicht in Speise und Trank, sondern in Gerechtigkeit, Friede und Freude im Heiligen Geist!“

Es wurde die Feststellung gemacht: Eine beträchtliche Zahl von ehemaligen Russlanddeportierten erreicht ein hohes Alter. Wie ist das zu erklären? - Ein von Alter, Armut und schwerer Arbeit gebeugter Mann trieb seinen Esel voran, der mit prallgefüllten Wasserschläuchen beladen war. Da kam ein reicher Müßiggänger vorbei und sprach den Alten an: „Sag mir, guter Mann, wie kommt es, dass du in der Mühsal des Lebens ein so hohes Alter erreicht hast, während doch die Reichen und die Lebensgenießer oft in der Blüte der Jahre sterben?“ „Die Ursache ist darin zu finden“, sprach der Alte, „dass für uns Arme aus dem Schlauch des Lebens alles nur tröpfchenweise sickert, während die Reichen den Schlauch des Lebens öffnen und ihn gierig leeren!“ Wie wahr ist doch das Sprichwort: Halte Maß in Speis’ und Trank, dann wirst du alt und selten krank!

Der Tod kommt bei manchen früh, bei anderen spät, aber er kommt „todsicher“. Darum mahnt uns Christus: „Wie die Tage Noachs, so wird die Ankunft (Advent) des Menschensohnes sein. Denn wie sie in den Tagen vor der Flut aßen und tranken und freiten und sich freien ließen, bis zu dem Tage, da Noach in die Arche ging, und nicht zur Erkenntnis kamen, bis die Flut kam und alle hinwegriss, so wird es auch beim Kommen des Menschensohnes sein... Wachet also, denn ihr wisst nicht, an welchem Tag euer Herr kommt!“

Fixieren wir uns nicht einseitig auf dieses kurze Leben und seine vergänglichen Güter. Die Gier schränkt unsere Wahrnehmungsfähigkeit beträchtlich ein, dass wir das Wichtigste nicht wahrnehmen. - Eines Tages schlich sich ein Mann, der sehr geldgierig war, mitten in der belebten Fußgängerzone an den Geldboten einer Bank heran und raubte ihn aus. Aufgrund der Personenbeschreibung mehrerer Passanten wurde er wenige Minuten später festgenommen. Der Richter fragte ihn: „Wie konnten Sie nur auf den Gedanken kommen, mitten unter all den Leuten den Geldboten zu überfallen?“ Der Räuber sagte: „Ich habe nur das viele Geld gesehen. Menschen habe ich keine bemerkt!“ Wie viele Menschen gleichen diesem Mann! Sie sehen nur die materiellen Güter und jagen ihnen nach. Für die geistigen Heilsgüter, die uns die Adventsbotschaft aufzeigt, haben sie keinen Blick.
Wir können hier auf Erden die im Evangelium verheißenen Güter noch nicht genießen. Wir sind hier auf Erden noch nicht ihre Besitzer, wir sollen ihre verlässlichen Wächter sein. Freuen wir uns aber schon jetzt auf ihren zukünftigen Besitz.

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