WORT ZUM SONNTAG: Wie kriege ich einen gnädigen Gott?

Sonntag, 06. November 2016

Von Pfarrerin Bettina Kenst, Mediasch
Predigt über Römer 3,21-28
zum Reformationsfest 

Fast 500 Jahre nach Luthers Reformation kann man die Frage stellen: Braucht die Kirche nicht eine neue Reformation? Manche stellen die Frage, ob sich die Gesellschaft seither nicht enorm verändert hat. Die damalige Reformation hatte ihren Ausgangspunkt in der bangen Frage des Augustinermönchs Martin Luther: Wie kriege ich einen gnädigen Gott? Heute beschäftigen die meisten Menschen ganz andere Fragen: Wie kriege ich einen gnädigen Nächsten? Wie kriege ich eine Welt, in der Frieden herrscht? Sollte sich die Kirche nicht lieber auf solche Fragen einlassen, anstatt immer wieder die Frage nach dem gnädigen Gott zu beantworten? Wer rechnet denn überhaupt noch mit einem ungnädigen Gott?
Die brennenden Fragen der Neuzeit sind wichtig. Dennoch hat die Frage nach dem gnädigen Gott immer noch Vorrang, und die christliche Kirche muss der Ort bleiben, wo vor allen Dingen diese Frage beantwortet wird. Denn die grundlegenden Tatsachen haben sich seit Luthers Zeiten nicht geändert. Es ist eine Tatsache, dass wir einmal sterben müssen. Und es ist eine Tatsache, dass wir dann vor Gottes Gericht stehen werden. Es ist eine Tatsache, dass es bei der Urteilsverkündigung dann nur zwei Alternativen gibt: Tod oder Freispruch. Wer diese Tatsachen ernst nimmt, den muss immer noch die alte Frage bewegen: Wie kriege ich einen gnädigen Gott?

Im Grunde fragten die Menschen schon von Anfang der Welt so. Das Volk Israel fragte so, ebenso ein frommer Vertreter desselben mit Namen Saulus. Gott schenkte ihm eine wunderbare Antwort auf diese Frage: das Evangelium von Jesus Christus. Er nahm es im Glauben an und verkündigte es unter dem Namen Paulus. Seine Briefpredigt an die Christen in Rom beantwortete 1500 Jahre später dem verzweifelten Mönch Martin Luther die Frage nach dem gnädigen Gott. Als junger Theologieprofessor beschäftigte Luther sich in seinem Studierzimmer im Turm des Wittenberger Augustinerklosters mit dem Römerbrief und fand hier die beglückende Antwort des Paulus. Aus diesem Grund wurde die Entdeckung der Gnade Gottes durch den Reformator später sein „Turmerlebnis“ genannt.
Welche Antwort hat Martin Luther denn nun gefunden auf die Frage: Wie kriege ich einen gnädigen Gott? Er hat diese Antwort mit vier Begriffen bezeichnet, mit den vier Säulen der Reformation, den vier „Sola“, den vier „Allein“: Wir kriegen einen gnädigen Gott sola scriptura (allein durch die Schrift), sola gratia (allein aus Gnaden), solus Christus (allein mit Christus) und sola fide (allein durch den Glauben).
Die erste Säule, das erste Sola heißt „sola scriptura“ – allein durch die Heilige Schrift. Paulus hat geschrieben, dass Gottes Gerechtigkeit „durch das Gesetz und die Propheten“ bezeugt ist. Das war die damalige Bezeichnung für die Heilige Schrift, jedenfalls für das Alte Testament (das Neue war ja noch im Entstehen). Ja, die Heilige Schrift zeigt uns, wie ein Mensch vor Gott gerecht wird, die Heilige Schrift ist die Quelle dafür. Nur Gott selbst weiß die richtige Antwort und nur in seinem Wort können wir gewiss sein, sie zu finden.

Genau genommen sind es allerdings zwei Antworten, die Gottes Wort gibt. Zwei Wege werden in der Bibel beschrieben. Der erste Weg ist der Weg des Gesetzes und der Werke. Im Gesetz, in den Zehn Geboten, hat Gott gesagt, was er vom Menschen fordert. Der zweite Weg ist der Weg der Gnade. Gott vergibt unsere Sünde; das heißt: Er rechnet sie im Gericht nicht zu, er straft nicht, sondern er spricht den Schuldigen frei. Dieser zweite Weg ist die einzige Möglichkeit, gerecht zu werden. So bezeugt es die Heilige Schrift ausdrücklich: „Nun aber ist ohne Zutun des Gesetzes die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, offenbart, bezeugt durch das Gesetz und die Propheten.“
Damit sind wir bei der zweiten Säule, dem zweiten Sola: „sola gratia“ – allein aus Gnaden. „Gratia“, vom lateinischen Wort für Gnade, bedeutet: ohne Gegenleistung, unverdient. In der Bibel bedeutet „Gnade“, dass Gott uns die Vergebung der Sünden schenkt, dass er uns ohne Eigenverdienst gerecht spricht – unverdient,gratis! Gerade der Apostel Paulus wurde nicht müde, dies immer wieder zu bezeugen.
Der zweite Weg zum gnädigen Gott, ist der einzig gangbare, denn der Weg des Gesetzes und der eigenen Werke kann nicht zum Ziel führen. Deshalb ist es dem Apostel Paulus ganz wichtig, die beiden Wege sorgfältig voneinander zu unterscheiden: „So halten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben.“ Martin Luther betonte diese Unterscheidung des Evangeliums vom Gesetz. Auch wir tun gut daran, den Weg der Gnade weit vom Weg des Gesetzes zu scheiden.

Allzu leicht aber schleicht sich die menschliche Meinung ein, ohne Leistung gäbe es keine Gegenleistung. Nein! Denn so anständig kann keiner leben, dass er sich damit den Himmel verdient. Paulus hat geschrieben: „Sie sind allesamt Sünder und ermangeln des Ruhmes, den sie bei Gott haben sollten.“ Der Ruhm gilt allein Jesus Christus.
Das ist die dritte Säule, das dritte Solus: „solus Christus“ – allein Jesus Christus rettet uns. Er ist derjenige, durch den der Gnadenweg zur Seligkeit erst möglich wurde. Einen anderen Gnadenweg gibt es nicht. Wie Jesus uns gerettet hat, das hat Paulus in einem wunderbaren Bild ausgedrückt: „Den hat Gott für den Glauben hingestellt als Sühne in seinem Blut zum Erweis seiner Gerechtigkeit.“
Gott bleibt gerecht und muss das Böse strafen. Aber Jesus hat die Strafe stellvertretend für uns getragen, sodass Paulus schreiben kann: „Gott ist selbst gerecht und er macht den gerecht, der da ist aus dem Glauben an Jesus Christus.“
Da sind wir nun bei der vierten Säule, dem vierten Sola: „sola fide“ – allein durch den Glauben. Zwar hat Christus die Sündenvergebung für alle Menschen erworben, die Gnade Gottes gilt wirklich allen Menschen. Aber nur wer sie im Glauben annimmt, hat auch wirklich das ewige Heil davon.
Am Anfang fragten wir, ob die Kirche eine neue Reformation braucht. Luther besann sich zurück auf die richtige Antwort zu der stets aktuellen Frage: Wie kriege ich einen gnädigen Gott? Wenn die Kirche heute eine Reformation nötig hat, dann keine andere als eine Rückbesinnung auf diese alte Frage als auch auf die richtige Antwort dazu: allein durch die Schrift, allein aus Gnaden, allein Christus, allein durch den Glauben. Amen.




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