WORT ZUM SONNTAG: Wohltat trägt Zinsen

Sonntag, 19. Oktober 2014

Benzin war knapp und man musste es sich durch Valutabons beschaffen. Eines Tages kam meine Mutter auf Besuch und weil sie unter Zwangsumtausch stand, konnte sie mir sogenannte rote Benzinbonbons verschaffen. Eines Tages besuchte mich Bernddieter Schobel, mein Amtsbruder. Er kam aus der Bundesrepublik Deutschland zu Besuch und bedauerte, keinen Bon bei sich zu haben: „Tut nichts. Ich werde noch vorbeikommen“.
Ein halbes Jahr vergeht. Ich stehe bei der Benzinpumpe und tanke.

Da hält ein Mann, er und seine Frau, mit einer Dacia, vor der Zapfsäule. Man möge ihnen doch wenigstens 10 Liter Benzin verkaufen, sie möchten in Râmnicu Vâlcea ankommen. Andernfalls blieben sie unterwegs liegen. Sie kamen aus Klausenburg vom Krankenbett der operierten Tochter. Und bei dieser Benzinknappheit hilft ihnen sowieso niemand weiter. Die Pumpenfrau kennt kein Erbarmen. Da hole ich meinen letzten Bon heraus und stelle ihn den Leuten zur Verfügung. Ich lasse mir das Benzin zum gängigen Preis verrechnen. Die Pumpenfee braust gegen mich auf: Du musst das Doppelte verlangen, der Bon ist ja mit Valuta bezahlt.
Ich schneide ihr das Wort ab und fahre weiter. Die rechte Hand soll nicht wissen, was die linke tut. – Und beide das Gesicht. Mit diesem Scherz war die Sache für mich gelaufen. So dachte ich zumindest.
In einer engen Gasse kommt mir Bernddieter Schobel entgegengefahren. Er erkennt mich und bemüht die Lichthupe. Ums nächste Eck halte ich. Er hält auch, steigt aus und begrüßt mich: „Wie gut, dass ich dich treffe, hier hast du deinen Benzinbon, den ich damals nicht dabei hatte“.

Nun hätte ich spekulieren können: Warum hast du den andern Bon weggegeben; denn jetzt hättest du zwei Benzinbons gehabt. Aber – hätten mich die beiden Hilflosen aus Vâlcea bei der Benzinpumpe nicht für etwa zehn Minuten aufgehalten, hätte ich, aller Wahrscheinlichkeit nach, den Freund in der engen Gasse nicht angetroffen. In breiten Straßen oder auf weiten Plätzen hätte ich ihn gar nicht zur Kenntnis genommen. Er mich gewiss auch nicht. Erst nach der Wohltat bekam ich die Zinsen. Zu hundert Prozent. Über den Daumen gepeilt. Man kann freilich immer auch anders rechnen. Das Wort Spiegel kommt vom lateinischen speculum. Wenn wir spekulieren, spiegeln wir in Gedanken – als würfelten wir um unseren Vorteil. Man könnte in meinem Fall auch so spekulieren: Ich habe den Bon herausgerückt, weil ich wusste, meine Mutter kommt demnächst wieder auf Besuch. An den Freund hab ich aber nicht gedacht. Und siehe da, man konnte mit Wilhelm Busch – ein wenig abgewandelt – sagen: Erstens kommt es, zweitens anders, drittens, als man denkt. Spekulieren führt höchstens in die Irre.
Mein Stolzenburger Kurator Michael Siewerth – Gott hab ihn selig – pflegte bei jeder Gelegenheit zu sagen: Einen fröhlichen Geber hat Gott lieb. (2. Kor. 9,7)

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