WORT ZUM SONNTAG: Zähmung des wilden Tieres

Sonntag, 05. März 2017

Der katholische Volksschriftsteller Alban Stolz (1808-1883) schildert den religiösen Niedergang vieler junger Menschen. Er schreibt: „Der im Christentum geborene und erzogene Mensch gleicht meist einem wilden Tier, das man jung eingefangen und gezähmt hat. Eine Zeitlang scheint sich der junge Wolf an das Haus zu gewöhnen, zeigt Anhänglichkeit an seine Ernährer. Aber sobald er herangewachsen ist, regen sich die Triebe des angeborenen Naturells. Er läuft in den Wald zu den anderen Wölfen und wird wie sie, die nie einen Menschen gesehen haben. So lässt sich auch das Kind vom Christentum zähmen; kommen aber die Jünglings- und Mannesjahre, regt sich mit Macht die Sündennatur und entsetzlich viele brechen durch, als wären sie nie Christen gewesen, um im wilden Wald ein gelüstiges Sündenleben zu führen.“

Hat er nicht recht? Der heranwachsende junge Mensch entläuft der geistigen Heilsbotschaft Christi und eilt in die Arme der „Diktatur des Fleisches“. Zu seiner Richtschnur wird das Dichterwort: „Der Körper ist ein Lebemann, ein Freund von Wein und Minne und lässt die Welt und ihre Lust herein in die fünf Sinne!“ Was ist die Folge? Da der Mensch nicht nur einen Körper, sondern auch eine Seele hat, kommt es zum inneren Zwiespalt. Der Dichter schildert diesen so: „Frau Seele sitzt derweil, des Schmollens treu beflissen, im Kämmerlein und wiegt ihr Kind, das schreibende Gewissen!“ Da der Lebemann den Ruhestörer, das schreiende Gewissen nicht ertragen will, sucht er es einzuschläfern. Gelingt das nicht, dann murkst er es ab. Ein solcher Lebemann wird dann „gewissenlos“. Er gibt leider viele gewissenlose Menschen.

Ist das der erhoffte Glücksstand der „Diktatur des Fleisches“? Wie lange kann er überhaupt andauern und wie sieht er am Ende aus? Bei Fallschirmvorführungen in der englischen Grafschaft Surrey wurde ein Fallschirmspringer von einem starken Windstoß abgetrieben und landete in einem Tiergarten im Revier der Löwen, die dort frei herumlaufen durften. Der Fallschirm verfing sich im Geäst eines Baumes. Nun hing der Fallschirmspringer zwischen Himmel und Erde. Der Mann stand Todesängste aus, bis schließlich Rettung kam. Jeder, der sich der Diktatur des Fleisches unterworfen hat, wird letztlich in eine ähnliche Situation gelangen. Darum warnt der Apostel Petrus (1 Petr, 5, 8): „Euer Widersacher, der Teufel, streift umher wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlinge!“

Wie könnten wir dieser Gefahr entrinnen? Schaffen wir Ordnung im eigenen Haus. Verpassen wir dem unheilbringenden Lebemann „Hausarrest“ und erheben wir die vernachlässigte Frau Seele zur „Hausherrin“. Die Fastenzeit ist dazu sehr geeignet. Dadurch wächst das schreiende Kind „Gewissen“ zu einem reifen, verlässlichen Lebensführer heran, dem wir uns getrost anvertrauen können. Wie aber kann uns das von der Seelenmutter erzogene Gewissenskind helfen? Es stehen ihm, je nach der Eigenart des Menschen, verschiedene Hilfsmittel zur Verfügung. – Papst Innozenz IX. (1591) zeigte dem Jesuitengeneral Aquaviva einen Schrank und fragte: „Was meinen Sie, was in diesem Schrank verschlossen ist?“ Der Pater meinte: „Sicherlich enthält er kostbare Reliquien oder einen anderen wertvollen Schatz.“ Der Papst öffnete den Schrank. Was war zu sehen? Ein kleiner Sarg mit dem Bildnis des Papstes. Dieser sprach: „Ich habe oft wichtige Entscheidungen zu fällen. Kommt nun die geringste Versuchung, vom Wege der Gerechtigkeit abzuweichen, öffne ich sofort diesen Schrank und sage mir: Handle jetzt so, wie du wünschen wirst, gehandelt zu haben, wenn du im Sarge liegen wirst!“ Der Papst regierte nur zwei Monate die Kirche, dann lag er im Sarg. Beherzigen wir den Aufruf eines Weltweisen: Mensch, denke an das Ende und du wirst nicht sündigen!“

Es gibt noch andere gute Wegweiser. Als Napoleon 1812 mitten im Winter auf dem Rückzug von Moskau war, machte er eines Abends auf dem Schnee Rast. Ringsum lagen die Leichen erfrorener Soldaten und Offiziere. Da sah er in der Dunkelheit einen Lichtstrahl. Er sandte seinen Adjutanten zu dem Zelt, aus dem der Lichtstrahl kam. Der Adjutant meldete: „Sire! Oberst Drouet wacht im Zelt. Er arbeitet und betet“. Napoleon ernannte Drouet zum General und dankte ihm dafür, dass er in dieser grauenvollen Nacht eine so imponierende Seelenstärke bewiesen habe. Drouet antwortete: „Sire! Ich fürchte nicht Hunger, nicht Kälte, nicht Tod. Ich kenne nur die Gottesfurcht. Darin allein besteht meine Stärke!“

Das sind wirkungsträchtige Hilfsmittel, den Lebemann in uns in seine Schranken zu weisen und der Frau Seele ein gutes Wirkungsfeld zu eröffnen. Der Gedanke, dass alle Herrlichkeit dieser Welt vergeht und wir nur in Gott unseren Helfer aus der Erdennot finden, gibt uns die Kraft das „wilde Tier“ in uns zu zähmen.


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