WORT ZUM SONNTAG: Zwischen Lust und Liebe

Sonntag, 10. Juli 2016

Goethe legt in seinem Hauptwerk Dr. Faust das Wort in den Mund: „Am Anfang war die Tat!“ Welche war die erste Tat des Menschen? Biblisch gesehen, war es eine Tat der Lust. Dort heißt es: „Die Frau sah, dass es köstlich wäre, von dem Baum zu essen, der eine Augenweide war und dazu verlockte, klug zu werden. Sie nahm von seinen Früchten und aß; sie gab auch ihrem Mann, der bei ihr war, und auch er aß“. Die Lust auf die verbotene Frucht war in beiden stärker als die Liebe zu Gott, der sie vor dem Verderben bewahren wollte. So löste sich die Lust von der Liebe und brachte die Zerstörung in die bisher heile Welt.

Die Lust auf Wissen und Haben, auf Materie und Macht, auf Erfüllung und Befriedigung, die Lust auf sich selbst und die Welt trat an die Stelle der Liebe zu Gott. Gott ließ es zu, dass der Mensch mit seinem freien Willen seine Lust an den Geschöpfen für beglückender hält als die Liebe zum Schöpfer aller Dinge. Mit dieser falschen Wahl begann die Flut der Katastrophen in der Welt, deren Ende noch nicht abzusehen ist. Der Apostel Paulus weist im Römerbrief auf die Folgen dieser unglückseligen Wahl hin: „Darum lieferte Gott sie durch die Begierden ihres Herzens der Unreinheit aus. Sie vertauschten die Wahrheit Gottes mit der Lüge. Sie beteten das Geschöpf an und verehrten es anstelle des Schöpfers.“
So steht der Mensch unter dem Diktat seiner Lust und sucht verzweifelt, durch Lustbefriedigung die Lebenserfüllung zu finden. Findet er sie wirklich? Goethe weist im „Faust“ auf das unselige Resultat hin: „So tauml’ ich von Begierde zum Genuss, und im Genuss verschmacht ich nach Begierde!“ Können die Casanovas, die Don Juans, die Pompadours, die reichen Prasser und die machtbesessenen Diktatoren, die alle ihre Lüste ausleben, eine bessere, eine glücklichere Zukunft schaffen? Sie können es nicht. Ihre, von der Lust geprägte Lebensauffassung lautet: „Nach uns die Sintflut!“

Das Heil der Welt kommt nicht von der Befriedigung der Lust, sondern von der Liebe. Die Lust macht selbstsüchtig, die Liebe macht selbstlos. Die Lust degradiert uns zu Untermenschen, die Liebe erhebt uns zu Edelmenschen. Der Dichter Schiller hat es in seinem Werk „Wilhelm Tell“ so ausgedrückt: „Der brave Mann denkt an sich zuletzt!“ Nur Menschen mit Liebe im Herzen können eine bessere Welt schaffen. Die Liebe ist die gute Fee, die in uns das Gute zum Erwachen bringt.
Wahr ist der Spruch eines Weisen: „Der Schlüssel zum Herzen der Menschen wird nie unsere Klugheit, sondern immer unsere Liebe sein.“ Die Schwedin Mathilde Wrede war von der Liebe so erfüllt, dass sich ihr Herz den Gestrauchelten und Gefallenen zuwandte. Sie wurde zum „Engel der Gefangenen“. Einmal besuchte sie die Zelle eines berüchtigten Raubmörders. Er war so wild, dass er einen Wächter erschlagen hatte. Als sie zu ihm in die Zelle kam, war sie in Todesgefahr. Er sagte, er wolle sie verschonen, wenn sie seine Zelle verlasse und nie wieder eintrete. Sie blieb in der Zelle und sagte, lieber wolle sie sterben, als dass ein anderer sterben müsse. Der wilde Mann wurde durch diese opferbereite Liebe so tief ins Herz getroffen, dass er sich ihr weinend zu Füßen warf. Das Wunder war geschehen: Die Liebe erwies sich als die einzige geistige Kraft, die Menschenherzen zum Guten verändern kann.

Die Liebe muss ihren Sitz im Herzen haben. Bleibt sie auf der Zunge, dann spricht sie zwar Worte, aber es folgen keine Taten. - Im Winter 1864, als in den Vereinigten Staaten der Bürgerkrieg tobte, saßen in New York mehrere Herren im Restaurant. Sie rühmten die Heldentaten der Armee. Da kam ein junger Mann zu ihnen, mit einem verbundenen Kopf und einem im Krieg abgeschossenen Bein. Er zitterte vor Kälte und bat um ein Almosen. Was taten die Heldenverehrer? Sie jagten den verwundeten Heimatverteidiger fort, ohne einen Funken von Mitgefühl zu zeigen. - Wie wichtig ist doch das Wort des Apostels Johannes: „Meine Kinder, wir wollen nicht mit Wort und Zunge lieben, sondern in Tat und Wahrheit!“ Die Liebe zeigt sich in der Tat. Gott ist die Liebe. Er begrenzt aber seine Liebe nicht auf die „braven Kinder“ allein. Das bezeugt derApostel Paulus im Römerbrief: „Gott hat seine Liebe zu uns darin erwiesen, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünderwaren.“ Wie ist es mit uns? Wir lieben viel leichter diejenigen, die unseren Ansprüchen gerecht werden.

Der 21. April 2015 wird manchem Fußballbegeisterten in Erinnerung bleiben. Die Bayern hatten das UEFA-Viertelfinal-Hinspiel gegen den FC Porto 1:3 verloren. Nun war das Rückspiel. Die Bayern spielten so überlegen, dass sie das Rückspiel mit 6:1 gewannen. Der Trainer umarmte seine Spieler und sagte: „Jetzt ist es einfach meine Spieler zu lieben!“ So ist es auch mit unserer „Nächstenliebe“. Wir lieben leicht Menschen ,die mit uns“ein Herz und eine Seele“ sind. Mit der Samariterliebe Fremden zu helfen, ist es bedeutend schwieriger. Da hat der „kühle Kopf“ ein wichtiges Wort mitzureden. Sicherlich benötigen wir im Lebenskampf einen kühlen Kopf. Er ist nur dann gut, wenn ein warmes Herz unterihm sitzt. Wahrer christlicher Glaube offenbart sich nicht im Vorzug des Wissens, sondern in der Priorität der Liebe: Möge auf uns das Wort zutreffen. Ein Mensch mit Geist ist viel, mit Chrakter mehr, mit Herz alles!   

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