Zählen und Regieren

Mittwoch, 17. April 2013

Als das Banat 1718 durch den Friedensvertrag von Passarowitz/Pojarevac als „durch das Schwert erobertes Gebiet“ ans Habsburgerreich fiel und, nach internationalem Rechtsverständnis, zum dem Kaiser gehörenden Gebiet wurde (einschließlich als Einkommenwuelle des Schatzamts in Wien), schritt man fast unverzüglich ans Zählen der steuerpflichtigen Herdstellen. Also: wenn man ein Gebiet zu verwalten sich vornahm (und gute Verwaltung bedeutete auch ordentliche Steuereinnahmen), musste man erst mal wissen, womit man es zu tun hat, zahlen-mäßig. Zählen und Zahlen als Grundlage der Staatsraison.

Sicher haben auch die Volkszählungen mit der Staatsraison etwas zu tun, einschließlich in der EU mit ihrer überzentralisierten Statistik – und dem damit einhergehenden Qualitätsverfall der statistischen Daten, der Zahlen, sagen altgediente Statistiker, die vor 1989 in Rumänien gearbeitet haben. Zahlen aber auch als Gefährdung des Staates, denn genaue Zahlenangaben können gefährlich sein für einen Staat, der seinen Bürgern und der Welt eine Scheinrealität vorgaukelt. Man denke an die Diktaturen jeder Couleur. Auch Ceauşescu.

Aber auch in der Gegenwart der Nachwendezeit sind statistische Zahlen und Vorgänge nicht wertneutral zu handhaben. Denken wir mal an die beiden Volkszählungen vor und nach dem EU-Beitritt Rumäniens, an jene von vor zwei Jahren, und daran, wie lange es gedauert hat bis zur Veröffentlichung einiger Ergebnisse und wie viel Rätselraten es um die Korrektheit der darauf fußenden Statistiken gibt. Oder an die genaue Zahl der Wahlberechtigten in Rumänien im Zusammenhang mit der Volksbefragung über Verbleib oder Entfernung aus dem Amt von Traian Băsescu.

Elementare Daten – denn es muss als elementar bezeichnet werden, dass eine Regierung weiß, wie groß die Bevölkerungszahl und die Zahl der (zumindest potenziellen) Wähler ist, die sie regiert – fehlen als Grundlage für effektives Regieren. Nicht nur über die Zahl der Bewohner dieses Landes (hauptsächlich, weil keiner weiß, wie viele rumänische Staatsbürger im Ausland leben) herrscht Unklarheit, sondern auch über die Größe des bearbeiteten Ackerlandes und des Brachlands, der noch nicht gerodeten Wälder, des noch unbebauten Baugrunds in den Ortschaften, der noch in Rumänien lebenden Kühe, Rinder, Pferde, Schafe, Hühner und Schweine, der Obstplantagen und ihrer Produktion, der Pilzzüchtereien oder der Kinder, die in zwei Jahren die erste Klasse besuchen werden und über die genauen Zahlen öffentlicher Einnahmen und Ausgaben. Alles ist im Nebel – oder wird in den nebeligen Zahlen des Ungefähr ruhen lassen. Genaues Nachzählen scheint in diesem Land verpönt zu sein. Symptomatisch deshalb die Frage – und viel akuter als etwa eine Justizreform – wie man etwas reformieren und regeln soll, das man nicht kennt. So gesehen heißt Regieren über weite Strecken: Regeln und Lenken des Unbekannten. Genaue Zahlen sind unnötig, denn deren genaue Zahl wird von der Politik bestimmt. 

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