Zaghafte Holocaust-Rezeption in Rumänien

Über das Pogrom von Jassy 1941 in erschütternden Dokumentarfotografien in Hermannstadt

Freitag, 02. Februar 2018

Schuhsohlen eines jüdischen Kindes wurden bei archäologischen Ausgrabungen im Kreis Iaşi gefunden.
Foto: der Verfasser

„Auch heute, genau 73 Jahre nach der Befreiung des deutschen Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau am 27. Januar 1945 durch Truppen der Roten Armee, entgehen die in Europa noch immer präsenten rassistischen und latent antisemitischen Strömungen nicht unserer Beobachtung. Unter diesen Umständen ist es enorm wichtig, derartige Gefahrenherde nicht zu ignorieren, sondern einen erneuten Ausbruch eines ethnisch begründeten Völkermordes zu verhindern. Dies ist allein dadurch möglich, indem wir uns die schrecklichen Ausmaße des Holocausts vergegenwärtigen und ein Mahnmal dieser historischen Gräueltat in unserem Langzeitgedächtnis errichten“.

Auch als rumänischer Staatsbürger ist man vor der Forderung nach geschichtlicher Rechtfertigung nicht gefeit und nimmt sich dieses Statement von David Schlaefer, Politbeauftragter der Botschaft der Vereinigten Staaten von Amerika in Bukarest gerne zu Herzen. Ein Appell zur ethnisch bedingungslosen Toleranz ist die foto-dokumentarische Ausstellung „Martori şi Victime Iaşi 1941” (Märtyrer und Opfer Jassy/Iaşi 1941), welche am vergangenen Samstag, dem 27. Januar, dem Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocausts, im Schatzkästlein (Casa Artelor) des Astra-Museums Hermannstadt eröffnet wurde.

David Schlaefer sprach aus, was jenseits aller Statistik auf das menschliche Einfühlungsvermögen die größte Wirkung ausübt: Die Opfer des Pogroms von Jassy im Juni und Juli 1941 konnten zwar wegen ihrer jüdischen Identität der ethnischen Säuberung nicht entkommen, doch habe Rumänien als militärischer Verbündeter Nazideutschlands die menschliche Würde der Juden ebenfalls missachtet und innerhalb kurzer Zeit nicht weniger als 11.000 Kinder und deren Eltern hingerichtet.

Ungeachtet der Tatsache, dass man im Nachhinein klüger ist, bietet die Ausstellung im Hermannstädter Schatzkästlein einen tiefen Einblick in die antisemitisch motivierte Kriegsführung der Regierung des Königreichs Rumänien, das sich inmitten der Wirren des Zweiten Weltkriegs von der judenfeindlichen Strömung der Mittelmächte blenden ließ und nachträglich die Mittäterschaft am Holocaust nicht von sich weisen kann.

Die etwa 20 mannshohen Schautafeln schildern anhand zahlreicher Schwarz-Weiß-Fotos den gesamten Hergang des Pogroms von Jassy, wobei die tagebuchartigen Aussagen beteiligter Militärs und Ärzte unterschiedlichste Formen eines leisen, größeren oder gänzlich fehlenden Schuldgefühls auf Täter-Seite offenbaren. Ein bedeutend weiterer Horizont, der über das Verhältnis von Schuld und Sühne hinausgeht, steckt in den Zitaten Überlebender zweier „Todeszüge“ („trenurile morţii”), die auf den Strecken Jassy – Călăraşi bzw. Jassy – Podu Iloaiei eingesetzt wurden.

Den Abschluss der in rumänischer und englischer Sprache zugleich geführten Ausstellung bilden drei Schautafeln, welche dem Holocaust zwei kleine Erfolgsgeschichten im Charakter eines hoffnungsvollen Epilogs anfügen. Viorica Agarici (1886-1979) war 1928 zur Vorsitzenden der Station des Roten Kreuzes in der Stadt Roman ernannt worden und half Juden, die Fahrt im Todeszug zu überleben. Als Lohn für diese selbstlose Tat erhielt Viorica Agarici bald danach von der Regierung Rumäniens den Befehl, vom Vorsitz der Rot-Kreuz-Filiale zurückzutreten. Sie wurde Jahrzehnte später vom Internationalen Institut für Holocaust-Forschung „Yad Vashem“ Jerusalem rehabilitiert, das ihr 1983 post mortem den Titel „Gerechte unter den Völkern“ verlieh. Dieselbe Anerkennung erhielt 1987 Elisabetha Ştrul, geborene Nicopoi (1920-2013), die am 29. Juni 1941 einen Mann jüdischer Abstammung namens Marcus Ştrul und zwei weitere Mitglieder aus dessen Familie aus Jassy befreien konnte, ihn daraufhin heiratete und 1963 mit ihm nach Israel auswanderte.

Tania Berg Rafaeli, stellvertretende Botschafterin Israels in Bukarest erzählte dem Publikum, das der Einladung zur Vernissage gefolgt war, dass ihre Großeltern den Holocaust überlebt hätten, ihre aus Frankreich stammende Großfamilie jedoch nicht umhin kam, der ethnischen Säuberung zwei Familienmitglieder als Tribut zollen zu müssen. In ihrer Ansprache war Tania Berg Rafaeli somit durchaus berechtigt, über alles diplomatische Berufsethos die Behauptung zu stellen, dass Vergebung und Verjährung niemals dem Vergessen gleichkommen dürften.

Doch spätestens beim Klang der ruhigen, sonoren und tiefen Stimme Dr. Alexandru Florians, Generaldirektor des Instituts für Holocaust-Forschung „Elie Wiesel“ in Rumänien, reduzierten alle Anwesenden ihre Bewegungen und Geräusche auf das Nötigste. Dr. Alexandru Florian traf in wenigen Sätzen den Nerv der rumänischen Gesellschaft, die sich der schweren Bürde ihres Vaterlandes in puncto Holocaust zumeist nicht bewusst ist. Viel zu wenig Rumänen wüssten darüber Bescheid, dass Rumänien den Antisemitismus während des Zweiten Weltkrieges aktiv unterstützt habe und die Begriffe Auschwitz bzw. Konzentrationslager zählten ebenso zu der Allgemeinbildung nur weniger Rumänen. Eklatant auch die Haltung rumänischer Staatsbürger, den Holocaust leugnen zu wollen. Laut Dr. Alexandru Florian steht Rumäniens öffentliches Schuldbekenntnis noch aus und der Holocaust habe vom Geschichtsunterricht fortan nicht mehr, wie bisher, stiefmütterlich behandelt zu werden, sondern endlich die ihm gebührende Stellung in der schulischen Erziehung der Kinder einzunehmen.

Zu den offiziellen Gästen der Vernissage der Ausstellung zählten, nebst den erwähnten Referenten, auch Elisabeth Ungureanu, Pressebeauftragte des Instituts für Holocaust-Forschung „Elie Wiesel“ in Rumänien, Ciprian Ştefan, Generalintendant des Astra-Museums Hermannstadt, Paul Cotîrleţ, Staatssekretär im Ministerium für Kultur und Nationale Identität, und Hans Erich Tischler, deutscher Konsul in Hermannstadt. Die Föderation Jüdischer Gemeinschaften in Rumänien und der Nationale Museums-Komplex Moldova-Iaşi sind Partner der vom Institut für Holocaust-Forschung „Elie Wiesel“ in Rumänien und vom Holocaust-Gedenkmuseum in Washington organisierten Ausstellung, welche bis 15. März 2018 besichtigt werden kann.

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