Zeit der Unfreiheit – Gitter, Stacheldraht und Informanten

Erinnerungen von Engelhard Mildt an Haft und Bespitzelung in Rumänien

Montag, 24. Juli 2017

Cover und Coverrückseite: „Flügel“ – Denkmal für die Opfer des antikommunistischen Widerstandes von Mihai Buculei in Bukarest, Piaţa Presei Libere

Weithin bekannt sind der „Schwarze-Kirche-Prozess“ oder die Repressalien, denen die Mitglieder der „Aktionsgruppe Banat“ durch das kommunistische Regime ausgesetzt waren. Über die bisher wenig in Erscheinung getretene Gruppe von elf deutschen Schülern und Studenten aus Temeswar, deren Haftzeit teilweise noch in die „Stalinistischen Phase“ Anfang der 1950er Jahre fällt, berichtet Engelhard Mildt in „Zeit der Unfreiheit. Gitter, Stacheldraht und Informanten 1951-1989. Erinnerungen“, die in der Ausgabe Nr. 16 der Reihe der „Banater Bibliothek“ erschienen sind.

Sein Bericht führt uns zurück in eine Zeit, in der antikommunistische Widerstandsgruppen aus allen Bevölkerungsschichten und verschiedenen politischen Lagern als Partisanen in den Bergregionen Rumäniens kämpften und vergeblich auf die Unterstützung der Amerikaner hofften. Verhaftungen, Schauprozesse und die Deportation der Banater Bevölkerung in die Bărăgan-Steppe, letzteres als Reaktion auf die Abkehr Titos von Stalin, charakterisierten das politische Klima.

Engelhard Mildt, samt seinem ungarischen Kameraden Edömér Szilágyi – beide wegen ihres sozial unverträglichen Hintergrundes aus der Ausbildung zum Jagdflieger von der rumänischen Armee ausgeschlossen –, stießen zu der Widerstandsgruppe durch Mildts Freundschaft zu dem Anführer Friedrich Resch. Resch, ebenso wie viele seiner Mitstreiter, war Schüler der Temeswarer Sportschule, bis 1955 die Şcoala Medie Tehnică de Cultură Fizică, heute das Liceul cu Program Sportiv Banatul Timişoara, das auf seiner Website tatsächlich die Namen des Jahrgangs 1951 führt. Resch steht hier unter seinem damaligen rumänischen Adoptivnamen Eugen Boncea, es folgen die Namen von Alfred Prack, Emmerich Hochstraßer, Egon Zirkl und Jacob Stein. Hier nicht erwähnt werden die noch dazugehörigen Franz Bayer, Herbert Winkler, Dietmar Brössner und Andreas Jaszbereny. Genauso wenig findet sich irgendein Hinweis darauf, dass Schüler des Jahrgangs 1951 noch im selben Jahr verhaftet und 1952 zu Haftstrafen von 6 bis 15 Jahren verurteilt wurden. Ein Strafmaß, das 1953, nachdem eine Berufung abgelehnt wurde, sogar auf Haftzeiten von 10 bis zu 25 Jahren erhöht wurde. Erst in den Jahren 1962 bis 1964, im Zuge einer allgemeinen Begnadigung, wurden die Mitglieder der Gruppe entlassen.

Schuldig gesprochen wurden die elf Jugendlichen in erster Linie wegen des „Verbrechens der Verschwörung gegen die soziale Ordnung“ und der „Zerstörung von Kommunikationsmitteln“. Verhaftet und angeklagt wurden sie allerdings u.a. wegen der Verteilung von Flugblättern in rumänischer Sprache, in denen sie gegen die Deportation in die B²r²gan-Steppe und die sowjetische Besatzungsmacht protestierten. Ein Punkt, der offensichtlich später in der Urteilsbegründung fehlte, wie Mildt anmerkt. Einerseits weil dies für das Regime unvorteilhaft gewesen wären, andererseits hätte womög-lich Schlimmeres gedroht, falls man sie den russischen Behörden hätte übergeben müssen.

Engelhard Mildt schildert nun in seinen Erinnerungen ausführlich nicht nur seine lange Haftzeit, sondern auch das Schicksal seiner Kameraden in den verschiedensten Haftanstalten und Lagern, soweit ihm dies durch deren Erzählungen möglich war. Aber auch die Zeit danach, die Bespitzelung und Überwachung durch die Securitate, der er bis zu seiner Übersiedlung in die Bundesrepublik 1987 ausgeliefert war, versucht er mit einzubeziehen. Dabei verhehlt er nicht, dass er sich des subjektiven Charakters der Berichte und einiger damit einhergehenden Unstimmigkeiten durchaus bewusst ist, nicht zuletzt auch deshalb, weil er erst spät nach seiner Übersiedlung es überhaupt wagen konnte, dieses Projekt anzugehen. Viele der Betroffenen sind bereits verstorben, einige haben die Haft nicht überlebt, so Egon Zirkl, dem Mildt ein eigenes Kapitel widmet. Auch die Belege aus den Securitate/C.N.S.A.S.-Akten können zwar einiges zu den Praktiken der Securitate erhellen, werfen bisweilen aber auch nicht zu klärende Fragen auf.
 

In den Gefängnissen von Jilava, Gherla und Aiud

Von den einzelnen Gefängnissen, die Mildt und seine Gefährten durchliefen, beschreibt er nicht nur die baulichen Gegebenheiten oder die Geschichte der Haftanstalten, sondern auch, wo die Haftbedingungen eher erträglich oder besonders grausam waren. So schildert er eindringlich die drangvolle Enge, die in dem immer überbelegten Transitgefängnis für politische Häftlinge in Jilava bei Bukarest herrschte. Die Haftanstalt Gherla, wie auch die in Aiud, verfügte über einen uralten Trakt, der „Zarka“ (aus dem ungarischen: Kerker – Verlies) genannt wurde und bekannt war für die miserablen Haftbedingungen, die dort herrschten. Einige besonders scheußliche Auswüchse der Tortur in diesen Gefängnissen wurden in-zwischen publik gemacht. So etwa, was unter dem Stichwort der „Umerziehung von politischen Häftlingen“ – auch als „Piteşti-Experiment“ bekannt – zu verstehen ist. Ein Terror-Programm, entworfen von und für ehemalige Legionäre, dem später zahlreiche Menschen, vor allem Studenten, zum Opfer fielen, die so in perfider Weise gezwungen wurden, zu Tätern zu werden. Zwar wurden die Hauptverantwortlichen bereits ab 1951 verhaftet und z.T. hingerichtet, allerdings wurden ihre Methoden nicht sogleich abgeschafft, wie Engelhard Mildt in dem entsprechenden Kapitel seines Buches darzulegen weiß. Dennoch konnte er und einige andere durch den Tipp eines Mitgefangenen dieser Behandlung entgehen, da sie erfolgreich abstritten, Studenten zu sein. Als Arbeiter wurde man „nur“ in die Fabrik zur Zwangsarbeit beordert.

Die Gefängnisse waren nicht nur ein Ort von Demütigung, Grausamkeit und Hunger, bisweilen gab es leichtere Phasen, beinahe menschliche Wärter, manchmal auch Ärzte, die sich verantwortungsvoll verhielten und Mildt selbst, der einen Blinddarmdurchbruch und beinahe einen Darmverschluss erlitt, praktisch das Leben retteten. Eine bemerkenswerte Antwort gab ein Wärter in Aiud auf die Frage „Warum schlagen Sie nicht?“ „In unseren Dienstvorschriften steht nicht, dass wir die Häftlinge schlagen sollen, also meinen einige, schlagen wir sie nicht. Andere hingegen schlagen sie, weil es nirgendwo steht, dass man sie nicht schlagen darf.“ (S. 219)

Durch Morsezeichen, obwohl streng verboten und schwer bestraft, informierten die Gefangenen sich über Nachrichten von außen oder über besondere Insassen. Gedichte über das Gefängnis von dem unter den Legionären sehr beliebten Dichter Radu Demetrescu Gyr oder dem ebenso umstrittenen Nichifor Crainic, wurden auswendig gelernt und weitergegeben. Über berühmte und berüchtigte Gefangene, wie Paul Goma, den umstrittenen späteren Dissidenten, Ioan Mocsony-Stârcea, einst Hofmarschall von König Mihai I, aber auch über den Doppel-Spion und Hauptkommissar für das Judenproblem Radu Lecca, den Kommunisten und Kronzeugen im Prozess Pătrăşcanu, Harry, gen. Belu Zilber, kursierten Geschichten. Ob Kommunisten oder Faschisten, Gefangene aus allen politischen Lagern und allen ethnischen Gruppen Rumäniens kamen in den Gefängnissen auf engstem Raum zusammen und mussten miteinander zurechtkommen.
 

In den Arbeitslagern

Nervtötende Isolationshaft, Misshandlungen vor allem nach Aufständen in den Gefängnissen einer-seits und oft lebensbedrohliche Bedingungen in den Arbeitslagern, den Bleiminen von Valea Nistrului, Cavnic oder Baia Sprie oder dem Todeslager Stoineşti in den Auen um Brăila andrerseits, standen sich in ihrer unmenschlichen Härte für die Betroffenen in nichts nach. Oft fällt es schwer, die Beschreibungen der fürchterlichen Zustände nur zu lesen. Kaum vorstellbar, dass nach Mildts Bekunden die grausamsten Details hier gar nicht aufgeführt wurden. Überlebt hat der eine oder andere dank der Solidarität, die unter den Gefangenen ganz unbesehen von jeglicher Herkunft geleistet wurde, auch wenn nicht jeder – und auch dafür zeigt Mildt Verständnis – in seinem Überlebenstrieb dazu in der Lage war.

Oft genug lernten sie auch voneinander. So gaben Professoren Vorlesungen über ihr Wissensgebiet, man lernte Sprachen, die gängigen Rumäniens ebenso wie Englisch oder Französisch. Auch Geistliche der verschiedensten Konfessionen saßen ein und spendeten Trost, noch im Gefängnis in Temeswar traf Mildt auf einige der als „Spione des Vatikans“ 1951 verurteilten katholischen Geistlichen rund um den Bischof Augustin Pacha. Später im Straflager Periprava Grind im Donaudelta trafen sie auf die im Schwarze-Kirche-Prozess zur Zwangsarbeit verurteilten Brüder Klaus und Werner Knall, und den Dirigenten Erich Bergel, der ihm Vorträge über seine Musik hielt.

Wie sehr ihnen Literatur, Poesie und „Die Gedankenwelten der Wissenschaften“ halfen, ihrem Alltag zu entfliehen, betont Mildt in seinen Betrachtungen darüber, wie sie es u.a. schafften, diese Zeit zu überstehen. „Einfache Menschen hatten es da schwerer. Sie konnten auch in Gedanken dem Gefängnisalltag kaum entrinnen,…“ fügt er hinzu und meint zudem, dass „Der christliche Glaube hingegen nur für wenige ein dauerhafter Zufluchtsort“ war. „Nur wenn Angst die Menschen beherrschte, fanden sie in inbrünstigen Gebeten Hilfe suchend den Weg zu Gott.“ (S.267)
 

Ende der Haftzeit und Leben danach

Anfang der 60er Jahre lockerten sich die Haftbedingungen, Umerziehung nahm nun sanftere Formen an. Ende 1961 wurde sogar ein „Klub“ im Lager eingerichtet für Bücherlesen, Schachspielen etc., später gab es auch sportliche Veranstaltungen.

1964 schließlich aus der Haft wieder ins Leben entlassen, bleibt er weiter im Fokus der Securitate. Wie sehr, erfährt er, abgesehen durch die wiederholten Verhöre, später auch aus den C.N.S.A.S.-Akten. Trotz seiner Vergangenheit durfte er studieren und konnte entgegen etlicher Widerstände zum Leiter des Projektionsbüros der Handwerksgenossenschaft „Timiş“ aufsteigen. Und alles erfuhr die Securitate dennoch nicht, so einige seiner Aktivitäten zur Vorbereitung auf seine Ausreise in die damalige BRD, wie er befriedigt feststellt.

Engelhard Mildt ist erklärtermaßen kein Literat, aber mit diesem Buch ist ihm über persönliche Erinnerungen mit allen ihren subjektiven Beschränkungen hinaus, die er auch selbst einräumt, ein reflektierter Einblick in diese Epoche des rumänischen Gulag gelungen.

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