Zeit und Raum entschlüsseln

Zu Andrei Tarkowski und seiner „versiegelten Zeit“

Dienstag, 21. Februar 2017

Andrei Tarkowskis Filme bleiben unverschlüsselte Enigmen selbst für erprobte Cineasten. Zeit seines Lebens spielte der russische Regisseur gerne die Rolle eines unverstandenen Künstlers. Das wird auch aus seinem Buch „Die versiegelte Zeit“ ersichtlich.

Die großen Namen des europäischen Films zählen ihn zu einem der größten Filmemacher des 20. Jahrhunderts. Rühmt sich Amerika mit einem Stanley Kubrick, so könnte sich Europa, wäre da nicht die prekäre politische Lage gewesen, Tarkowski als Aushängeschild venerieren. Obwohl der europäische Film durchaus zahlreiche große Filmemacher hervorgebracht hat. Und zwar echte Revolutionäre wie Bergman, Godard oder Lang.

Doch die Anerkennung eines Stanley Kubrick ist dem russischen Regisseur verwehrt geblieben. Dafür sind seine Filme zu kryptisch, zu expressionistisch, zu subjektiv. In Andrei Tarkowski steckt einfach sehr viel von seinem Vater – dem berühmte Lyriker Arseni Tarkowski.

Das zeigt sich in seinen Filmen: Sie sind kaum bzw. selten episch. Es geht Tarkowski um mehr als bloß eine durchstrukturierte Geschichte, mit einem kleinen, klar definierten Anfang, einer Mitte und einem Ende. Der sowjetische Regisseur war auf der Suche nach dem Absoluten. In Kunst und Wissenschaft sah er nur Mittel und Zweck. Lehnte aber die Logik der bestehenden mathematischen, physikalischen Welt ab. Stattdessen flüchtete er in die Welt des Traums. Was ihn somit zu einem sowjetischen Dali macht.

In Russland teilten seine Filme darum Filmbesucher. In „Die versiegelte Zeit“, Tarkowskis Buch über seine Gedanken zur Kunst, Ästhetik und Poetik des Films, drückt er seine Frustration aus darüber, wie unergründlich sein Film „Serkalo“ (dt. „Der Spiegel“) für viele Menschen ist. Er zitiert Briefe von frustrierten Filmbesuchern, die einfach nichts mit „Serkalo“ anfangen können. Doch die Frustration ist selbst verschuldet, so Tarkowski. Indem man etwas anderes sucht, als das, was vorhanden ist. So wie in den meisten seiner Filme, gibt sich Tarkowski ganz der Träumerei hin und dem philosophischen Diskurs.
 

Auf der Suche nach dem Sinn des Lebens

Ein bekanntes Beispiel ist sein Science-Fiction-Film „Stalker“, frei nach einem Abschnitt aus „Picknick am Wegesrand“ der Brüder Strugazki und nach ihrem von dem Roman abgeleiteten Drehbuch „Die Wunschmaschine“ gedreht.

Die Handlung ist eine in Zeit und Ort nicht näher beschriebene Stadt, die am Rande eines als „Zone“ bezeichneten Gebietes liegt. In dieser Zone geschehen seltsame Dinge, es gibt rätselhafte Erscheinungen, deren Ursache zum Zeitpunkt der Handlung schon Jahre zurückliegt und nur vermutet werden kann. In die Zone darf niemand rein. Das Militär hat das Gebiet abgeriegelt. Daraus ist für manche ein lukratives sowie gefährliches Geschäft geworden, Menschen in die Zone zu schmuggeln. Die sogenannten „Stalker“ sind Kundschafter, die sich am Besten in dem seltsamen Gebiet auskennen, wo die Regeln der Realität auf den Kopf gestellt sind. Ein solcher Stalker bringt einen „Professor“ und einen „Schriftsteller“ in die Zone. Die zwei Männer sind auf der Suche nach dem „Raum der Wünsche“, wo laut Legende die innigsten Wünsche in Erfüllung gehen.

Hätte Hollywood diesen Film produziert, wären Monster aufgetaucht, eine Frau in Not und plumpe Enthüllungen, die eine Antwort auf die Frage liefern sollen, wie es zu der Zone kam. Nicht so bei Tarkowski. Dem Regisseur geht es weniger um Science-Fiction, sondern vielmehr um das, was Science-Fiction als Vorwand ihm erlaubt zu tun: Die Welt auf den Kopf stellen, um dann durch Introspektion seiner drei Hauptfiguren wesentliche Fragen zu stellen über den Menschen.

Darum ist auch „Stalker“ keineswegs ein Film, den sich Star-Wars-Fans anschauen würden. Es geht hier nicht um Eskapismus, sondern vielmehr um eine Erforschung des menschlichen Unterbewusstseins, seiner Tiefen und Ursprünge und ein Streben danach, durch die Filmkunst die Welt in ihrer Ganzheit zu erfassen.

Dafür riskierte Tarkowski seine Gesundheit. „Stalker“ wurde in der Nähe von Tallinn gedreht, wo sich auch ein Chemiewerk befand. Sowohl Tarkowski als auch seine Frau und der Schauspieler Anatoli Solonizyn starben Jahre später an Krebs, vermutlich von den chemischen Reststoffen, die ins Wasser ausgeschüttet wurden.

„Die versiegelte Zeit“ bleibt eine wertvolle Begleitlektüre zu Tarkowskis Filmografie. Ein Startpunkt auf der langen und mühseligen Reise, seine Filme zu verstehen und zu entschlüsseln. Wenn man es denn möchte. So wie vielen große Regisseuren geht es auch Tarkowski um die persönliche Vision. Seine Filme muss man erleben, ohne hinter den Bildern stets eine Antwort zu suchen. Immer seltener findet man Filme von solcher Poetik. Wo das Erlebte vordergründig steht. Jenen aber, die Tarkowski dennoch „durchschauen“ möchten, hat er „Die versiegelte Zeit“ hinterlassen.

Andrei Tarkowskis „Die versiegelte Zeit“ ist auch in rumänischer Fassung unter dem Titel „Sculptând în timp“ im Nemira Verlag erschienen. Die deutsche Fassung ist über Amazon erhältlich.

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