Zu Besuch in der „Maria Schnee“-Pfarrei in Reschitza

Elfriede Gheorghiță und Christine Maria Surdu engagieren sich für die Gemeinschaft

Freitag, 10. August 2018

Elfriede Gheorghiță engagiert sich ehrenamtlich in der Reschitzaer Vinzenzgemeinschaft.

Lenau-Absolventin Christine Maria Surdu ist als Kantorin und Organistin in der „Maria Schnee”-Pfarrei in Reschitza tätig.

Worte, die zum Nachdenken anregen: Liebe und tue, was du willst.
Fotos: die Verfasserin

Ein warmer Juli-Vormittag in der „Maria Schnee“-Pfarrei in Reschitza/Reșița. Eine einige Meter hohe Platane beschattet den Eingang in die Kirche, im Hof döst eine alte Hündin vor sich hin. Die Tür zur Pfarrei steht offen und weil der Hund nichts dagegen hat, kann die Journalistin das Pfarrhaus betreten. Im Sekretariat warten schon Christine Maria Surdu und Elfriede Gheorghiță auf das Treffen. Die beiden sind zwei gewohnte Präsenzen in der römisch-katholischen „Maria Schnee“-Kirche, schließlich gehören sie zu jenen Menschen, die sich in der Gemeinschaft aktiv engagieren. Der jüngst geweihte Bischof und vormals Seelsorger in Reschitza, Jozsef Csaba Pál, ist gerade nicht zu Hause. Das Gespräch findet im ersten Stock statt. Das Pfarrhaus beherbergt oft Treffen von Jugendlichen und Familien, darüber hinaus wird hier die „Vita Catholica Banatus“, die römisch-katholische Bistumszeitschrift, herausgegeben. An einer Tür hängt ein Jesusbild, in Bleistift gezeichnet. Darunter einige Worte: „Iubește și fă ce vrei“ (deutsch: Liebe und tue, was du willst). Ein gutes Lebensmotto.

Für Christine Maria Surdu (47) ist die „Maria Schnee“-Pfarrei der Ort, an dem sie die meiste Zeit verbringt. Sie ist hier als Kantorin und Organistin tätig. Die junge Frau stammt gebürtig aus Reschitza, wo sie die deutsche Abteilung der Allgemeinschule Nr. 1 bis zur achten Klasse besucht hat. Anschließend wechselte sie zur Nikolaus-Lenau-Schule nach Temeswar/Timișoara. „Mein Vater war Rumäne, meine Mutter, geboren in Czernowitz, stammt aus einer gemischten Ehe, eine Zeit lang haben sie in Reschitza und eine Zeit lang in Bukarest gelebt. Ich habe mit meinen Eltern Deutsch gesprochen“, erzählt Christine Maria Surdu. Das Abitur legte sie 1988 ab und studierte Sprachen – Rumänisch-Englisch – an der West-Universität in Temeswar. „Ich habe absichtlich Englisch gewählt, denn ich hätte es als komisch empfunden, Lehrerin für Deutsch als Fremdsprache zu werden. Dann lieber doch eine Fremdsprache“, erklärt Christine Surdu. Nach dem Studium kehrte sie nach Reschitza zurück und arbeitete zunächst vier Jahre lang als Englischlehrerin am „Diaconovici-Tietz“-Lyzeum. „Ich wollte mich von Anfang an in die Arbeit in der Pfarrei einbinden. Vollzeit bin ich hier seit 1997 beschäftigt“, sagt sie.
Christine Maria Surdu ist die schöne Stimme, die in großem Maße zum musikalischen Rahmen der Gottesdienste in der römisch-katholischen „Maria Schnee“-Kirche beiträgt. Sie spielt auch die Orgel hier. „Meine Patentante war Musiklehrerin. Da ich mich oft bei ihr aufhielt, durfte ich, als kleines Kind, Klavier spielen. So hat es sich ergeben, dass ich das gelernt habe. Später habe ich in Temeswar mit der Canto-Lehrerin Marieta Gr²benișan Singen gelernt“, erzählt Christine Maria Surdu, wie sie zur Musik gekommen ist. Die Tätigkeiten im Pfarrhaus sind unterschiedlich. Für alles, was Musik bedeutet, ist Christine Maria Surdu zuständig. Von der Gestaltung der Heiligen Messe bis hin zu den Chören der „Maria Schnee“-Pfarrei: Zu tun gibt es immer etwas. Christine Surdu betreut den Jugendchor „Fiamma“ der „Maria Schnee“-Pfarrei. „Der Chor ist zurzeit im Umbau. Wir wollen uns als Gruppe wiederfinden und zusammenwachsen“, sagt sie. „Wir sind verbunden mit der Fokolar-Bewegung, einer geistlichen Bewegung in der Kirche. Irgendwann zerbrachen wir uns die Köpfe über einen Namen für unseren Chor. So schrieben wir 2001 der Gründerin der Fokolar-Bewegung, Chiara Lubich. Einige Monate später, am 2. Februar 2002, erhielten wir einen Brief von ihr, direkt aus Italien. Dort war der Name dabei“, erzählt sie. Rund zehn Teenager bilden heute den „Fiamma“-Chor. Einmal pro Woche gestaltet „Fiamma“ eine Jugendmesse. Der Erwachsenenchor, „Harmonia Sacra“, wird von Georg Col]a geleitet.

Auch Elfriede Gheorghiță (76) ist gebürtig aus Reschitza. „Ich bin die fünfte Generation  einer Reschitzaer Arbeiterfamilie. Darum tut es mir doppelt weh, wenn ich sehe, was aus dem Werk geworden ist, denn es wurde praktisch die Arbeit von fünf Generationen Menschen, die für das Werk und für die Stadt existiert haben, kaputt gemacht“, sagt sie. Von der ersten bis zur siebten Klasse besuchte sie die deutsche Schule/Abteilung in Reschitza. „Ich habe 1955 die siebte Klasse beendet“, sagt sie. Anschließend besuchte sie auf Wunsch ihrer Eltern die rumänische Abteilung. „Ich gehörte zur ersten Serie mit elf Klassen. Das war eine Realklasse damals“, erinnert sich Elfriede Gheorghiță. Es folgte das Studium der Mechanik/Hydraulik an der TU Politehnica in Temeswar, das sie 1965 abschloss. „Der Turbinenbau war groß im Kommen in der damaligen Zeit. Von 120, die wir die TU Politehnica absolviert haben, sind 30 bis 35 nach Reschitza gekommen. Reschitza war ja Industriestadt“, erklärt Elfriede Gheorghiță. Unter diesen 35 war auch sie gewesen. „Ich war nicht so sehr begeistert, denn ich wäre lieber woanders ins Land hingegangen“, erinnert sie sich.

„Die ganze Dokumentation für die Turbinen und die Schleusen, die in Reschitza für das Maschinenbauwerk UCMR gemacht worden ist, ist durch meine Hände gegangen. Sie haben mich nicht in die Werksabteilung geschickt, sondern ins Konstruktionsbüro – das war das Bindeglied zwischen Projektant und Werkhalle“, erinnert sie sich. „Aber… Geschichte. Alles ist Geschichte. Ich bin auch schon Geschichte“, sagt sie lächelnd.

1999 ging Elfriede Gheorghiță in Rente – sie war damals 57. Das hieß aber noch lange nicht, dass sie mit dem Arbeiten aufhörte. Es war nur eine andere Art von Arbeit. „Eine Freundin von mir, Agnes Reisinger, rief mich 1997 zur Vinzenzgemeinschaft. Und so bin ich dort gelandet“, erinnert sie sich. Ab 1999 engagierte sie sich Vollzeit innerhalb der  Vinzenzgemeinschaft der „Maria Schnee“-Pfarrei. „Wenn ich etwas zu machen habe, dann mache ich das anständig“, sagt sie. Heute ist Elfriede Gheorghiță die stellvertretende Vorsitzende der „Maria Schnee“-Vinzenzgemeinschaft, die bereits im Jahr 1992 ins Leben gerufen wurde. Vereinsleiter ist der Vorsitzende des Demokratischen Forums der Banater Berglanddeutschen, Erwin Josef Țigla.

Seit 2000 gibt es in Reschitza auch das „Frédéric Ozanam“-Sozialzentrum für die Betreuung von Kindern aus sozial schwachen Familien. Da die finanziellen Mittel nicht ausreichten, um diese Kinder ständig zu betreuen, beschränkte man sich auf den schulfreien Samstag. Freizeitbeschäftigung, Erziehung, ein anständiges Frühstück und Mittagessen wurde den Kindern angeboten. „Viele waren froh, dass sie nicht auf den Straßen herumvagabundiert sind“, erinnert sich Elfriede Gheorghiță. Es wurden Ferienaktionen im In- und Ausland organisiert, darunter die traditionellen Ferienaufenthalte am Semenik in der Hütte der Freunde der Berge, aber auch in der Steiermark, im „Karl Brunner“-Europahaus in Neumarkt. Unter anderen lernten die Kinder mit der Ikonen- und Kunstmalerin Maria Tudur.

„Wenn nur zehn Prozent von dem, was wir den Kindern beibringen wollen, bleibt, dann haben wir schon Erfolg. Wir haben im Jahr 2000 groß angefangen und 2015 kam eines unserer Kinder zu uns, um zu sehen, wie es uns geht. Dieses Kind sagte, dass es von uns sehr viel gelernt hat“, erklärt Elfriede Gheorghiță – eine Genugtuung für ihr soziales Engagement. Zurzeit sind etwa zehn bis zwölf Leute in der Vinzenzgemeinschaft in Reschitza ehrenamtlich aktiv.

Das soziale Engagement der „Maria Schnee“-Kirchengemeinde kann sich sehen lassen. Heute werden zwei Mal im Jahr, an Weihnachten und Ostern, Lebensmittel an bedürftige Senioren und Familien verteilt. Das Unterfangen finanziert sich über Spenden aus dem deutschsprachigen Ausland. Elfriede Gheorghiță denkt nicht ans Aufhören. Was sie motiviert, weiterzumachen? „Das ist einfach unsere Natur“, sagt sie. „Wenn mir andere das Geld geben, warum soll ich nicht meine Zeit opfern, um zu helfen?“

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