„Zu etwas stehen, um zu bestehen“

Am Rande der Mitgliederversammlung des Deutschen Kronstädter Ortsforums notiert Apollonia-Hirscher-Preisträger für das Jahr 2017 ist Werner Lehni

Freitag, 30. März 2018

Der auf Initiative des Ortsforums veranstaltete Neujahrsempfang gehört nun schon zu den konstanten Veranstaltungen und erfreut sich großer Teilnahme.
Foto: der Verfasser

Laut Satzung des Demokratischen Forums der Deutschen im Munizipium Kronstadt tritt die Generalversammlung zu einer ordentlichen Sitzung mindestens einmal im Jahr zusammen und wird von dessen Vorsitzenden oder dem Direktorium einberufen. Diese ist legal, gleich wieviele Teilnehmer sich dazu eingefunden haben, wenn sie in den deutschsprachigen Medien des Landes mindestens sieben Tage vorher mit Datum (19. März 2018), Austragungsort und Tagesordnung bekanntgegeben wurde. Diese Versammlungen sind öffentlich. Da heuer keine Wahlen anstanden, war das Problem der Stimmberechtigung auch nicht gegeben.

Nach dieser organisatorischen Einführung seitens des Vorsitzenden des Kronstädter Ortsforums Thomas Șindilariu, der Annahme der Tagesordnung – 1. Bericht über die Tätigkeit des Vorstandes im Jahr 2017, 2. Aussprache, 3. Bekanntgabe des Apollonia-Hirscher-Preisträgers für das Jahr 2017, 4. Allfälliges –, seitens der Anwesenden, präsentierte der Vorsitzende den ausführlichen Bericht. „Ein gutes Jahr ist vergangen, seit alles mit unserem Land sich in der Schwebe befindet. Der Erleichterung, die sich bei der Rücknahme der Nacht-und-Nebel Verordnungen von der Nacht auf den 1. Februar 2017 einstellte und von der ich an dieser Stelle bei der letzten Mitgliederversammlung sprach, ist nichts mehr übrig geblieben. Wenn man Revue passieren lässt, mit wieviel Hartnäckigkeit, ja Planmäßigkeit durch den Gesetzgeber und die Regierung alles ins Gegenteil verdreht wird. Alles scheint sich zu wandeln, zum Gegenteil des Gewohnten, des Gewachsenen, des Moralischen und des Verantwortbaren. Man fühlt sich schier an die Abfolge der Ereignisse nach dem Zweiten Weltkrieg erinnert, als eine Handvoll Parteikader mit Moskaus Unterstützung das unkommunistischste Land Südosteuropas in einen kommunistischen Musterschüler verwandelt haben. Nur, heute ist nicht damals. Es stehen im Raume gleichsam der berühmten Elefanten von Ende Januar 2017 die Fragen: Gibt es diese Handvoll Aktivisten im Hintergrunde wieder? Wer sind diese? Und stehen hinter ihnen erneut Panzer? Wessen Panzer? Oder ist es etwas anderes? Oder gibt es diese Elefanten gar nicht und es geht nur um die Angst vor dem Knast einer verkommenen Politikerkaste? Wir wissen das alles nicht und können es auch kaum beeinflussen. Hoffnung mit Blick auf die Zukunft kann man daraus schöpfen, dass immerhin gemäß Europabarometer 64 Prozent der Staatsbürger Rumäniens die Entwicklungsrichtung des Landes als falsch einstufen. Das dürfte bei den nächsten Wahlen zählen, auch wenn sie noch nicht unmittelbar vor der Türe stehen“, unterstrich Thomas Șindilariu in seiner politischen Einführung.

Die großen Themen des Berichtzeitraumes

Schulfragen und kulturell-gesellige verbandsinterne Arbeit waren die großen Themen der Tätigkeit des Vorstandes des Ortsforums. Hinzu kam die Kommunalpolitik, die Pflege guter Beziehungen zu den Partnern wie Heimatgemeinschaft der Kronstädter in Deutschland, der Evangelischen Kirche A. B. in Rumänien, bzw. der beiden Kronstädter Kirchengemeinden: Honterusgemeinde (eine Gruppe bestehend aus Dr. Albrecht Klein, Olivia Grigoriu, Robert Marian wurde damit beauftragt) und Bartholomä, der diplomatischen Institutionen der Bundesrepublik Deutschland und Österreichs. Als Höhepunkt wird im Bericht die Teilnahme des Botschafters der Bundesrepublik Deutschland, Cord Meier-Klodt, am Bartholomäusfest, das vom Forum auch finanziell gefördert wird, bezeichnet. Botschafter Meier-Klodt betonte dabei, dass in der Rückkehr des Kelches der unschätzbare Wert einer europäischen Normalität zum Ausdruck komme. Als Gast konnte auch Laura Grünewald, Leiterin der Presse- und Kulturabteilung der Deutschen Botschaft beim Neujahrsempfang des Ortsforums am 23. Januar 2018 begrüßt werden, bei dem sie sich an die zahlreichen Anwesenden wie auch Radu Nebert, Vorsitzender des Klausenburger Ortsforums und Stadtpfarrer Christian Plajer in ihren Ansprachen wandte. Konsul Hans E.Tischler, Leiter des Deutschen Konsulats in Hermannstadt, war ebenfalls schon mehrmals Gast von Kronstadt, besuchte die deutschen Schulen, führte Gespräche mit Vertretern des Forums. Auf Vorschlag von Botschafter Meier-Klodt wurde Thomas [indilariu, Leiter des Archivs der Schwarzen Kirche, als Vertreter Rumäniens zu einer Bildungs- und Gesprächsreise zum Thema Reformation nach Deutschland eingeladen.

Rückblick auf die Tätigkeit des Vorstandes

Der aus neun Mitgliedern bestehende Vorstand konnte regelmäßig in den monatlichen Sitzungen in einer kollegialen und vertrauensvollen Atmosphäre zusammenarbeiten. Die Pflege der Mitgliedschaft war eine der ersten großen Arbeiten, die der neue Vorstand des Ortsforums auf sich genommen hat. Olivia Grigoriu und Paul Binder haben die gesamte Mitgliedschaft des Ortsforums abtelefoniert und die Adressen und Kommunikationswege aktualisiert. Aktive Mitglieder im Sinne der Satzung sind die Personen, die ihren Beitragspflichten nachgekommen sind. Die Zahl der Mitglieder beläuft sich gegenwärtig auf 235 Personen und 22 sympathisierende Mitglieder. Die Schriftführung der Vorstandssitzungen sicherte auch im vergangenen Jahr Bernhard Heigl, wofür ihm herzlich gedankt wurde. Dank wurde auch Lucia Sevestrean, Geschäftsführerin des Kreisforums, und Sekretärin Marianne Gavriluță für ihre Tätigkeit auch für das Ortsforum ausgesprochen.

Für die Minderheitenpolitik des Ortsforums ist der Vorsitzende sowie der gesamte Vorstand zuständig. Dieses ist in den Kreis-, Regions- und Landesstrukturen gut integriert, der Informationsfluss läuft entsprechend. Als Vorsitzender des Ortsforums und stellvertretender Vorsitzender des Kreisforums nahm Thomas Șindilariu an den Vertreterversammlungen des Siebenbürgenforums, an den Aktivitäten der Schulkommissionen des Siebenbürgen- und Landesforums, an dem Lehrertag in Mühlbach teil. Zum Schwerpunktthema Reformation hat er mit einem Kurzvortrag über den Stellenwert von Schule im Reformationsverständnis von Johannes Honterus beigetragen. Desgleichen beteiligte er sich als Mitglied des Direktoriums der „alten“ Saxonia-Stiftung an deren Sitzungen und der Feier des 25-jährigen Bestehens der Stiftung, wobei er auch die Laudatio auf den früheren Geschäftsführer Karl-Arthur Ehrmann hielt.

Zur Heimatgemeinschaft der Kronstädter in Deutschland gibt es ein gutes Verhältnis, das sich nicht nur im Austausch der Sitzungsprotokolle widerspiegelt. Im Vorjahr beteiligte sich deren Vorsitzender Anselm Honigberger auch an der Verleihung des Apollonia-Hirscher-Preises an Dr. Dieter Simon in Kronstadt, es wurde ein Meinungsaustausch geführt. Die Beziehungen zu den evangelischen Kirchengemeinden in Kronstadt sind gut, wobei das Forum die Austragung des Bartholomäusfestes im August jährlich finanziell unterstützt. Im Kontext des Kirchentages in Kronstadt kam es zu einem Vorstandsbeschluss im Ortsforum, neben dem Gedenkläuten für den Beginn der Reformation in Wittenberg, auch an die 475 Jahre Reformation in Kronstadt zu erinnern. An diesem historischen Datum der Kronstädter Reformation, dem 3. Oktober (1542), wurde ein Gedenkläuten angeregt, von der Honterusgemeinde aufgenommen und umgesetzt.

Stadtpolitik, Öffentlichkeitsarbeit, Kultur, Schule

Trotz des Engagements der beiden Stadträte Christian Macedonschi und Arnold Ungar ist bezüglich der Stadtpolitik wenig Erbauliches zu berichten, da deren Vorschläge und Initiativen immer wieder von der Stadtleitung gekontert werden. Erfolgreich waren diese allerdings, als sie sich für die Anschaffung umweltfreundlicher Busse für den Stadtverkehr einsetzten. Arnold Ungar wurde auch vom Bürgermeister der Stadt gebeten, die Feierlichkeiten zu der vor hundert Jahren stattgefundenen Gründung Großrumäniens 1918 zu koordinieren. Er hat sich auch für die Errichtung eines Denkmals für Liviu Babeș, der sich aus Protest gegen das kommunistische Regime auf der Skipiste in der Schulerau in Brand setzte, eingesetzt.

Was die Öffentlichkeitsarbeit betrifft (zuständig Olivia Costea, jetzige Grigoriu, Dieter Drotleff, Christian Macedonschi, Arnold Ungar, Albrecht Klein jun., Thomas Șindilariu), war diese entsprechend, die Beziehungen zur KR/ADZ in Kronstadt sind sehr gut. Das Forum bringt sich auch in den jährlich stattfindenden Beiratssitzungen der KR ein. Die Überlegungen, ein Informationsblatt in rumänischer Sprache über die Forumstätigkeit herauszubringen, wurden noch nicht konkretisiert. Auch über den Facebook-Auftritt wurde öfters im Vorstand beraten.

Im Kulturbereich (Christian Macedonschi, Dieter Drotleff, Thomas Șindilariu) fanden insgesamt elf Veranstaltungen im Rahmen der deutschen Vortragsreihe statt. Dafür wurde Dank an die Familien Philippi und Schlandt, sowie an ehemalige Honterianer ausgesprochen. Besonderen Dank ging an den DFDKK-Vorsitzenden Wolfgang Wittstock für die Koordinierung der Kulturtermine, der Organisierung der Michael-Weiß-Gedenkfeier und des Bunten Abends. Hervorzuheben ist auch die Feier anläßlich der 180 Jahre Kronstädter deutsche Presse, der 60 Jahre VZ/KR. Der Aufenthalt der vom Deutschen Kulturforum östliches Europa entsandten Stadtschreiberin Paula Schneider wirkte sich auch positiv aus. Im verflossenen Zeitraum wurden Theaterprojekte, die Petra Antonia Binder leitete, über das Forum abgewickelt. Auch war es ein reiches Jahr an veröffentlichten Buchpublikationen.

Die deutschen Schulen Kronstadts und ihre Zukunft sind ein Thema, das in den Sitzungen des Vorstandes (Paul Binder, Robert Marian, Arnold Ungar, Olivia Grigoriu, Raul Vintil˛, Christian Macedonschi, Thomas Șindilariu) viel Zeit in Anspruch nahm. An der 12er Allgemeinschule ist es noch nicht gelungen, den Posten des stellvertretenden Schulleiters mit einer Lehrkraft aus der deutschen Abteilung zu belegen. Mit Radu Chivărean ist zum ersten Mal ein „Nicht-Sachse“ zum Direktor der Honterusschule geworden. Hier wird Gewicht vor allem auf den Gebrauch der deutschen Sprache im Schulalltag gelegt. Diesbezüglich ist von Bedeutung auch die Einführung des Mentorenprogramms.

Zu den weiteren Bereichen wie Wirtschaft (Christian Macedonschi, Raul Vintilă, Robert Marian), Soziales (Thomas Șindilariu, Raul Vintilă), Jugend (Paul Binder, Robert Marian, Raul Vintilă) ergänzten die anwesenden Vorstandsmitglieder die jeweiligen Probleme, mit denen man sich auch auf Kreis- und Stadtebene befasst, durch ausführliche Aussprachen, der Klärung einiger Dinge. Wolfgang Wittstock betonte dabei den neusten Standpunkt des Kreisrates, in dem er das Forum gemeinsam mit Caroline Fernolend vertritt, bezüglich des Baus des Kronstädter Flughafens, bezog sich auf die Ausstellung zur Russlanddeportation, die im Forumshaus gezeigt wurde, aber immer noch nicht im Internet zu sehen ist, auf den Eigentumsstand der mittelalterlichen Wehranlagen der Stadt, wobei auf einen Regierungserlass gewartet wird und das Forum sich dafür einsetzen müßte.
„Man muss zu etwas stehen, um zu bestehen“ betonte Thomas Șindilariu, der sich auf die gesamte Tätigkeit der Vorstandes des Ortsforums bezog.

Apollonia-Hirscher-Preis für 2017

Nach den ausführlichen Aussprachen konnte wie vorgesehen Thomas Șindilariu den Namen des vom Vorstand durch Abstimmung auserwählen Preisträgers für das Jahr 2017 bekannt geben. Es ist „unsere Nummer 1“, wie er betonte, da Werner Lehni in der Evidenz des Kronstädter Forums die Mitgliedskarte Nr. 1 trägt. Werner Lehni hat besondere Verdienste für seinen Einsatz für die Gemeinschaft erworben, mit der er immer verbunden war. Auch als ehemaliger Kurator der Kronstädter evangelischen Kirchengemeinde Bartholomä hat er sich für den ältesten Sakralbau der Stadt und für die Rückerstattung des Kirchenkelches aus dem ehemaligen Kirchenschatz eingesetzt, der seit hundert Jahren als verschollen galt. Die festliche Preisverleihung, zu der bei einem noch zu festlegenden Termin eingeladen wird, wird in öffentlichem Rahmen stattfinden.

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