Zu Fuß von Ulm nach Czernowitz

Eine Wanderung durch die mitteleuropäische Geschichte (Teil 2)

Sonntag, 31. Juli 2016

Blick vom Petros zur Hoverla

Koliba in Königsfeld

Ukrainische Wanderer im Svidowets-Gebirge

Kobljanska-Theater Czernowitz
Fotos: Günther Krämer

Wir blickten in die „Meeraugen“ genannten Bergseen der Hohen Tatra und in die Augen der seltenen Tatra-Gemsen. Dann doch noch die Mittelgebirgsalternative von der Großen Tatra durch die meist einsame Niedere Tatra und das Slowakische Paradies in die slowakische Zips. Beeindruckend die Tropfstein- und Eishöhlen, die tief eingeschnittenen Felsschluchten, die einiges an Mut erfordernden Wanderwege im Hornad-Durchbruch, die nur aufwärts begehbaren Leitern. Abenteuer pur!

Nach einer lustigen Floßfahrt auf dem Dunajec begegneten uns in den Ostbeskiden nur noch wenige Wanderer, aber die Wanderwege waren immer noch gut markiert. Am Duklapass, wo viele martialische Denkmäler an die fürchterliche Schlacht am Ende des 2. Weltkrieges erinnern, kreuzen sich die Europäischen Fernwanderwege E 3 und E 8. In Medzilaborce eine Riesenüberraschung: Ein Museum für den PopArt-Künstler Andy Warhol, dessen Eltern aus einem Ruthenendorf in der Nähe stammen. Bergauf und bergab ging es, markiert durch die polnisch-slowakischen Grenzsteine mit Nummern, die sich auch in der Wanderkarte wiederfinden. In den Waldkarpaten ist die Besiedlung dünner, werden die Wälder wilder bis zum Weltnaturerbe-Buchen-Urwald am Kremenec. Hier enden die markierten Wege, für uns Wanderer begann die Terra incognita Ukraine. Sowjetische Militärkarten und Google Earth halfen uns weiter. Und die ukrainischen Grenzer und Zöllner staunten über die neun Deutschen mit den großen Rucksäcken, die zu Fuß einreisen wollten.

Via Carpatica als Idee

In unseren Köpfen konkretisierte sich die Idee einer Via carpatica, eines Weitwanderwegs durch die Karpaten, die Völker Europas verbindend, als Projekt des sanften Tourismus der nachhaltigen Regionalentwicklung dienend. Das Landschaftspotenzial der ukrainischen Waldkarpaten ist genauso großartig wie in der Slowakei oder in Polen, aber es ist kaum Infrastruktur für Wandertourismus vorhanden. So gingen wir auf Pfadsuche, zeitweise begleitet von Geographen der Uni Lemberg, und fanden viele Traumpfade, mussten dafür Übernachtungen in unzumutbaren Beinahe-Ruinen (Turbasa) mit schlechter Küche, Fahrten in Lieferwagen oder maroden Bussen in Kauf nehmen. Jedoch trafen wir immer wieder auf Menschen, fast ausnahmslos Frauen, mit Zuversicht und Mut, die trotz der wirtschaftlich und politisch desolaten Lage des Landes versuchten, einen Laden, eine Pension zu eröffnen, nebenbei sich aus dem eigenen Garten oder Acker weitgehend selbst zu versorgen und so zu überleben.

Wir begegneten uns vorher völlig unbekannten Völkern, den Boiken, Lemken, Goralen, Huzulen, oft in ab- und hochgelegenen Siedlungen. Ihre extensive Grünlandwirtschaft, ihre Almwirtschaft, ihre weidenden Pferde erhalten die Blumenwiesen, die freien Hochlagen mit ihren unglaublichen Ausblicken. Auf der Runa-Wiese tauchten plötzlich futuristische Stahlbetonruinen aus dem Nebel auf. Es waren die gegen den Westen errichteten Stellungen der SS-20-Raketen der Sowjetunion. Altmetallsammler zerlegten sie mit dem Hammer. Frauen wuschen ihre Wäsche im schmutzigen, mit Plastikflaschen zugemüllten Bach. Kinder in abgerissenen Kleidern begleiteten uns. Am Synewir-See ließen sich Touristen als Bär verkleidet fotografieren. Zwei Tage später, im Dorfladen von Komsomolsk/Nimiezka Mokra/Deutsch Mokra: „Guten Tag, was wünschen Sie?“ Die kleine Olga war aber keine Karpatendeutsche, sondern Russin. Wir übernachteten bei Wolodja, der vom Pilzesammeln, -trocknen und –verkauf lebt.

Czernowitz in Sicht

In Ust-Tschorna/Königsfeld trafen wir auf den Dorf-Oligarchen Josef Gottsberger: Touristik-Unternehmer, Gastronom, Bäcker, Ladenbesitzer, Cafetier, Lkw-Besitzer. Er fuhr uns mit einem umgebauten Militär-Lkw hinauf in die Berge, denn wir mussten eine Tagesetappe einsparen, weil die zur Übernachtung vorgesehene Berghütte nicht mehr existierte. Kaum oben, brach ein ganztägiger Gewittersturm mit Dauerregen los. Es gab kein Entrinnen auf dem Karpatenkamm. Völlig durchnässt erreichten wir Drahobrat, wo es überraschenderweise ein gutes Quartier gab. Tags drauf wieder wunderbares Wetter. Wir stiegen in die Swidovets-Berge, erklommen auf markierten Wegen die Blyznytsia (1881 Meter), fanden aber das angekündigte Edelweiß nicht. Dafür begegnete uns eine Fahnen schwingende ukrainische Wandergruppe. Jenseits des Tales der Schwarzen Theiß lockten die Schwarzen Berge, die höchsten Gipfel der Ukraine. Inmitten von Menschenmassen erstiegen wir die Hoverla (2061 Meter), dabei die Quelle des Pruth passierend.

So erreichten wir nach 111 Wandertagen und 2000 km Czernowitz und feierten dies mit einem Festmahl gegenüber dem Stadttheater. Wir durchstreiften die Stadt auf den Spuren ihrer Geschichte und ihrer Dichter, durften die einzige noch genutzte Synagoge besichtigen und trafen die betagte Nachbarin der Familie von Paul Celan. In der heute als Kino genutzten Großen Synagoge fanden wir eine Gedenktafel für einen der größten Tenöre des frühen 20. Jahrhunderts, Joseph Schmidt, dessen Karriere hier als Kantor begann. Die Stadt bleibt uns aber auch als Stadt der Baustellen in Erinnerung. Es gibt noch viel zu tun. Der alte Glanz erscheint oft sehr heruntergekommen. Dennoch: Czernowitz ist einen Besuch wert. Und wir Wanderer waren am Ziel unserer Träume angekommen.

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Links:
www.lustwandeln.eu
www.viacarpatica.eu
www.carpatroute.com

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