Zu jung, um von einem eigenen Stil zu sprechen?

Porträt des Regisseurs Nicolae Constantin Tănase

Samstag, 07. November 2015

Nicolae Constantin Tănase
Foto: Adi Tudose

Schon während der Schulzeit wusste der junge begabte rumänische Regisseur Nicolae Constantin Tănase, dass er einen Beruf in der Filmbranche ergreifen wollte. Zunächst schwankte er zwischen Drehbuch und Regie, entschied sich dann doch für das Letztere.

Nachdem er ein Jahr lang an der Film- und Fernsehfakultät der Akademie der Musischen Künste (FAMU) in Prag Regie zu studieren begonnen hatte, kam er nach Rumänien zurück, wo er an der staatlichen Filmhochschule UNATC „I. L: Caragiale“ sein Regiestudium abschloss. Schon während des Studiums arbeitete er mit einer Gruppe von Kommilitonen und Freunden. Einige seiner Kurzfilme („12 Minute“, „BLU“) erfreuten sich eines großen internationalen Erfolgs. Teamarbeit war Tănase schon immer sehr wichtig. Ein ganzes Team zu koordinieren, schafft man nur durch gute Kommunikation und gemeinsame Kreativität, denn ein Film ist das Produkt einer gelungenen Zusammenarbeit.

In Rumänien ist der Autorenfilm sehr üblich. Filmemacher wie Cristi Puiu, Corneliu Porumboiu oder Cristian Mungiu schreiben selbst ihre Drehbücher, sind somit Drehbuchautoren und Regisseure ihrer eigenen Filme. Dieser Trend wird auch weiterhin rumänische Autorenfilme entstehen lassen. Das findet der junge Regisseur nicht schlecht. Eine Erklärung dafür könnte sein, dass an der Uni kein konkretes, produktives Aufeinandertreffen der Regie- und Drehbuchstudierenden zustandekommt. Gemeint ist, dass in der Studienzeit dieser Trend von den Lehrkräften sehr unterstützt wird: Studierende der Regieabteilung sollen ihre eigenen Drehbücher schreiben und verfilmen. T²nase ist anderer Meinung. Um ein vollkommener Autor zu sein, muss man jahrelange persönliche, berufliche und kulturelle Erfahrung vorzeigen können. Mit seinen fast dreißig Jahren sieht er ein, dass ihm diese Tiefe noch fehlt, obwohl er sich vielleicht eines Tages erhofft, selbst ein Autor zu sein.

Seine schon in den Uni-Jahren begonnene Zusammenarbeit mit der Drehbuchautorin Raluca Mănescu steht als Beweis dafür, dass gute Filme nicht immer Autorenfilme sein müssen. Der junge Filmemacher findet, dass Raluca eine sehr talentierte und intuitive Person ist, der er nicht immer alles wortwörtlich erklären muss, die aber seine Gedanken mit ausgezeichneten Ideen unterstützt. Und so sollte auch eine Zusammenarbeit Regisseur-Drehbuchautor sein!

Die Kurzfilme von Tănase sind durch eine Vielfalt an Ideenreichtum und Stilistik charakterisiert. Seinen ersten Kurzfilm, „Next“, drehte er zusammen mit seiner damaligen Kommilitonin, Sofia Teiko Ito, an der FAMU. Es folgten an der UNATC „Zombie Infectors 3“ und „Outrageously Disco“. Die Filme sorgten für positive Reaktionen im studentischen Filmfestival „CineMAiubit”. Danach entstand „BLU“, ein unabhängiger Kurzfilm, der den Preis für den besten rumänischen Kurzfilm bei TIFF in Klausenburg/Cluj erhielt und für welchen der Regisseur auch mit dem Gopo-Preis für junge Hoffnungen ausgezeichnet wurde. Sein letzter Kurzfilm, „12 Minute“, ein „verrückter” Film, wie der Filmemacher selber behauptet, nahm an vielen internationalen Festivals teil, bekam jedoch bisher keine Auszeichnung.

Diese Kurzfilme stellen unter Beweis, dass der junge Regisseur viel experimentiert hat. Außer seinem ersten Kurzfilm und „BLU“, die „minimalistischer und ruhiger” sind, kennzeichnen sich alle anderen durch Darstellungen verschiedener Filmgenres: „Zombie Infectors 3“ entspricht einem Horrorfilm mit Zombies, „Outrageously Disco“ enthält Musical-Sequenzen, handelt von exzentrischen Figuren, gut durchdachten Kameraeinstellungen. Zwei Filmgenres, die nicht viele Studierende von UNATC bisher gewagt haben. „12 Minute“ ist seiner Meinung nach der mutigste Film. Als Inspirationsquelle gelten die Filme von Tarantino, hauptsächlich „Kill Bill“. Der Kurzfilm wurde auf 35mm Filmresten gedreht, enthält spektakuläre Blutbäder und Morde, schnulzige Flashbacks und Animationssequenzen.

Diese Auswahl an Stilmitteln findet er selbstverständlich, sie machen ihm Spaß. Er möchte mit jedem Film etwas anderes versuchen. Auch behauptet er, er sei noch zu jung, um von einem eigenen Stil reden zu können.

Nicolae Constantin Tănase mag es, je nach Filmprojekt mit verschiedenen Schauspielern, u. a. auch mit Laien, zu arbeiten. Natürlich wünscht er sich, eines Tages Filme mit berühmten Darstellern wie Victor Rebengiuc, Luminiţa Gheorghiu oder Vlad Ivanov zu drehen. Seine Filme haben aber bis jetzt eine andere Altersgruppe angesprochen, nämlich die junge Generation von Schauspielerinnen und Schauspielern. Jährlich schließen mehr als 100 Schauspielstudierende ihr Studium ab, leider viel zu viele im Vergleich zu dem Angebot auf dem Arbeitsmarkt, so Tănase. Dass in den rumänischen Filmen trotz dieser großen Auswahl fast immer dieselben Gesichter zu sehen sind, erklärt sich der Regisseur dadurch, dass viele Schauspieler aus der Theaterbranche kommen und für Filmrollen leider noch nicht geeignet zu sein scheinen.

Der junge Regisseur ist glücklich, dass er es geschafft hat, im Spielfilm zu debütieren, bevor er 30 Jahre alt wurde. Das nehmen sich viele junge Filmemacher vor, nicht allen glückt es jedoch.

Sein Debütspielfilm, „Lumea e a mea“, läuft ab dem 23. Oktober in den rumänischen Kinos. Der Film ist eine unabhängige Produktion, die keine staatliche Finanzierung bekommen hat, obwohl das Drehbuch für den Wettbewerb eingereicht wurde. Tănase meint, dass das rumänische System der Filmförderung die jungen Filmemacher nicht wirklich unterstützt. Junge Regisseure haben keine Chance gegen bereits etablierte hiesige Regisseure, die in Cannes oder bei der Berlinale preisgekrönt wurden. Auch glaubt er, dass die Jury leider nicht tiefer in seine Hauptfiguren blicken und deren Ängste, Emotionen und Probleme verstehen, sondern nur ihre vulgäre, saloppe Umgangssprache bemerken konnte.

Zum Glück hat der rumänische Regisseur und Produzent Tudor Giurgiu das enthusiastische Team aus eigenen finanziellen Mitteln unterstützen wollen. Noch ein Beweis dafür, dass der unabhängige Film immer beliebter wird.

„Lumea e a mea“ (Die Welt ist mein) ist ein Film, der von Reife erzählt. Damit meint der Regisseur nicht nur die Filmhandlung und die Reife der sechzehnjährigen Hauptfigur Larisa, sondern auch seine eigene und die seiner gesamten Filmcrew. Die erste Drehbuchfassung von Raluca Mănescu war schon vor sieben Jahren fertig. Die damalige Version stellte drei weibliche Figuren in den Vordergrund, Tănase beschloss aber später, sich nur auf Larisas Gestalt zu konzentrieren. In der Berliner Villa Kult, unter der Obhut von Renate Roginas, hatte T²nase die Chance, mit dem „Script-Doctor” Carlos Contreras am Drehbuch zu arbeiten. Auch andere deutsche Filmproduzenten halfen ihm mit Ratschlägen.

Das Casting war äußerst schwierig. Es gab mehr als 300 Bewerberinnen, halbstündige Interviews mit über 80 Personen, die für die Rolle in Frage kamen, sogar einen Workshop mit den 20 Finalistinnen. Obwohl Ana-Maria Guran schon von Anfang an seine Favoritin war, musste er zwei entsprechende Freundinnen finden, die die Hauptfigur bestens ergänzen sollten. Oana Rusu und Ana Vatamanu gehörten zu den passendsten Entscheidungen, die in die Rollen von Aurora und Olimpia schlüpften.

Die unabhängige Entstehungsart des Films führte aber zur Verspätung der Postproduktion. Der Schnitt wurde rechtzeitig von Ion T²nase, dem Bruder des Regisseurs, durchgeführt, jedoch mussten Sound Design und Mischung wegen Geldmangel verzögert werden. Dies führte andererseits zu einer Zusammenarbeit mehrerer talentierter Personen, was leider nicht so oft im Falle anderer Filmproduktionen passiert.

Die Premiere von „Lumea e a mea“ erfolgte in Klausenburg anlässlich des TIFF in der Sektion der Rumänischen Filmtage („Zilele Filmului Românesc”). Dort wurde er mit dem Preis für den besten rumänischen Debütfilm ausgezeichnet. Natürlich war die Freude des jungen Regisseurs groß, aber noch mehr erfreute ihn die Reaktion des jungen Publikums, das in den lustigen Momenten lachte und in den spannenden Momenten mitfieberte. Raluca Mănescu und Nicolae Constantin Tănase hatten von Anfang an als Ziel, einen Film über die junge Generation zu schaffen. Einen Film, bei welchem sich die Jugendlichen mit den Figuren identifizieren, ja sogar die Lieder aus dem Film summen sollten. Es folgte eine „Special Mention” beim Karlovy Vary Filmfestival, wo die internationale Presse nur Positives über den Film schrieb.

Nun bleibt die Hoffnung, dass der Film auch beim rumänischen Publikum gut ankommt. Denn die Realität zeigt, dass gute rumänische Filme, die internationale Preise bekommen haben, trotzdem das Interesse vieler Zuschauer nicht erwecken. „Lumea e a mea“ soll laut Regisseur ein eindeutiger Publikumsfilm sein, mit präziser Zielgruppe, jedoch bedeutet das nicht, dass der Film als rein kommerziell und ohne eine tiefgründige Botschaft abgestempelt werden soll. Denn sowohl gelungenes Schauspiel als auch Bildstilistik (Kamera: Daniel Kosuth), Sound Design (Tudor Petre) und Musik (Vlaicu Golcea) bringen den Film auf ein hohes ästhetisches Niveau.

Nicolae Constantin Tănase ist der Meinung, dass ein guter Film das Publikum sowohl zum Lachen als auch zum Nachdenken anregen soll. Die junge Generation ist dafür verantwortlich, mit dieser neuen Mischung von Genres und filmischen Mitteln souverän umzugehen und somit die Idee der Regisseure zu unterstützen.

Auch wenn im Moment die Förderung des Spielfilms an erster Stelle steht, bereitet sich Nicolae Constantin Tănase schon für seinen nächsten Kurzfilm vor, der staatliche Finanzierung vom Filmzentrum CNC erhalten hat, und für seinen nächsten Spielfilm, an dem Raluca M²nescu schon fleißig schreibt. Wir warten gespannt darauf!

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