Zu viele Bären

Am gefährlichsten sind jene, die sich vor Menschen nicht fürchten

Freitag, 21. Juli 2017

Symbolfoto: pixabay.com

Rumänien ist ein an Bären sehr reiches Land. Zwischen 5600 und 6000 Bären sollen dort leben, was rund 40 Prozent der Bären Europas (ohne Russland) ausmacht. Diese Zahlen sind umstritten, inoffiziell sollen es noch mehr (und zwar 7500) sein. Unumstritten ist, dass der Braunbär in manchen Landesteilen nun zum Problem geworden ist.
 

Kein natürliches Gleichgewicht

Kronstadt/Braşov war noch vor rund zehn Jahren international immer wieder in den Schlagzeilen wegen der sogenannten Müllbären, die Abend für Abend ihr Fressen in den Mülltonnen am Stadt- und Waldrand im Burgrundviertel suchten. Eine „Sehenswürdigkeit“, die viele Touristen miterleben wollten und dank der manche Kronstädter als Kontaktpersonen und Führer einen Nebenverdienst fanden. Diese Zeiten sind nun vorbei, weil die Stadtverwaltung entschieden dagegen vorgegangen ist (z.B. strikte Hygienemaßnahmen, sichere Müllcontainer, Fotoverbot). Kronstadt verfügt aber auch über Fachleute an der Forstfakultät, von denen Antworten auf das nun seit einigen Jahrzehnten bestehende „Bärenproblem“ erwartet werden.
Diese weisen darauf hin, dass gerade in Kronstadt und Umgebung die Zahl der Bären weit über der von den natürlichen Lebensbedingungen gestellten Grenze liegt. Das Problem hat der Mensch geschaffen – er müsste nun das natürliche Gleichgewicht wiederherstellen, also die Zahl der überschüssigen Bären reduzieren.

Der Direktor der Forstregie „Kronstadt“, Dan Olteanu, nannte unlängst ein dramatisches Zahlenbeispiel. Das Jagdrevier „Timi{ 18“, das die Regie verwaltet, sichert den Lebensraum für rund 20 Bären. Tatsächlich sind dort aber zur Zeit viermal mehr Bären zu Hause. „Es sind sehr viele, sie haben keinen Platz mehr im Wald!“, warnt Olteanu. Auf der Zinne, die von drei Seiten von der Stadt umgeben ist, sollte es eigentlich einen einzigen Bären geben. Es seien aber viel mehr vorhanden, sowohl solche, die dort leben als auch andere, die auf Durchgang sind. Im Winter ziehen sie sich ins Garcin-Tal bei Săcele zurück.

Die Überbevölkerung von Bären gehe auf deren „Kolonisation“ zu Ceau{es-cus-Zeiten zurück, heißt es. Ceauşescu hatte unter vielen anderen Ambitionen, auch den wahnwitzigen Ehrgeiz, als großer und geschickter Bärenjäger aufzutreten. So wurden Bären aufgezüchtet, also mit Nahrung an bestimmten Orten versehen, die nur dem Staatschef und eventuell seinen Gästen vor die Flinte geraten durften.

Rumänische Mitarbeiter der Naturschutzorganisation World Wide Fund for Nature (WWF) nennen auch andere Gründe für vermehrte Zwischenfälle mit Bären: Noch nie sei es in den Karpaten so unruhig und laut wie zur Zeit gewesen: Forstarbeiten, motorisierte Touristen, Baustellen scheuchen auch die Bären auf.
 

Bären-Transfer ist nur eine Scheinlösung

Tatsache ist aber, dass die Überpopulation der Bären diese zwingt, ihren natürlichen Lebensraum zu verlassen und anderswo nach Nahrung zu suchen. Vor allem Bärenmütter und ihre Jungen, sowie Jungtiere und schwächere Exemplare, die sich nicht durchsetzen können, suchen nach alternativen Futterquellen. Dabei kommen sie in die Nähe menschlicher Siedlungen und gewöhnen sich auch an die Präsenz des Menschen. In der Natur meidet der Bär den Menschen und nur unvorhergesehene zufällige Begegnungen können problematisch werden. Aber wenn der Bär den Menschen oder dessen Spuren mit dem leichten Vorfinden von Futter in Verbindung bringt, kommt es zu einem abnormen Verhalten. Eine erste Etappe, die Olteanu aus der Fachliteratur zitiert, ist, wenn der Bär sich aus von ihm als sicher eingeschätzter Entfernung dem Menschen nähert und sich vom essbaren Müll, aber auch vom Geflügel oder den Schafen aus dessen Wirtschaft bedient. Gefährlicher wird es, wenn der Bär die Scheu vor dem Menschen verliert und ungestört seine Nahrung aufsucht. Das tat zum Beispiel im Vorjahr ein Bär bei Predeal, erinnert sich Olteanu, der in einem Müllcontainer herumstöberte, obwohl die Autos keine drei Meter von ihm vorbeifuhren.

Solche Bären seien das größte Problem, da ihre Ernährungsweise vom Menschen „bedingt“ wird. Sie einzufangen und in anderen, isolierten Revieren auszusetzen, wie das ziemlich oft getan wird, sei keine Lösung auf lange Sicht, ist sich der Fachmann sicher. Das Problem wird nur aufgeschoben, denn solche Bären ändern ihr Verhalten nicht; sie suchen und finden irgendwann wieder Menschen und ihre Siedlungen. Bärenreservate, wie jene in Zărneşti (eigentlich gedacht für Bären, die aus dem Zirkus, dem Zoo oder Hinterhofkäfigen stammen) oder in B²lan (Kreis Harghita), wo hauptsächlich verwaiste Bärenjungen für ein Leben in freier Wildbahn fit gemacht werden, können nur wenige Exemplare aufnehmen. Den Bären im Wald Nahrung vorzulegen, ist gesetzlich problematisch. In manchen Jagdrevieren habe man das getan, in der Hoffnung, dass irgendwann auch eine Abschusserlaubnis und somit Einnahmen folgen. Weil das nicht im erhofften Umfang geschieht, schwand auch das Interesse an solchen Maßnahmen. Zu viel Futter vorzulegen, macht die Bären erst recht vom Menschen abhängig. Wenn die Gefahr der afrikanischen Schweinepest besteht, ist es übrigens untersagt, Futter im Wald zur Verfügung zu stellen, weil die Wildschweine sich davon auch bedienen. Höhere Futtertröge, wo allein die Bären herankommen, scheinen sich nicht so recht zu bewähren.

So kommt die radikale Lösung ins Gespräch, ein kontrolliertes Bärenjagen zu genehmigen, glaubt Olteanu. Das sichert auch Einnahmen – vor allem aber wird der Druck, der durch die Überpopulation entsteht, gemildert und die Gefahr reduziert, die die zu vielen Bären für alle, die mit ihnen in Kontakt geraten könnten, darstellen. So ein Schritt ist aber kompliziert, da Rumänien an internationale Konventionen gebunden ist und da der Schutz des Bären auch in den EU-Beitrittsverhandlungen Rumäniens eine Rolle spielte. Inzwischen hat das Umweltministerium, nach Protesten in Bukarest von aufgebrachten Landwirten aus dem Szeklerland, 2017 den Abschuss von 175 Bären genehmigt. Diese Abschussquote wurde im Vorjahr ausgesetzt.


Notruf und Bürokratie

Bis das Problem der Bären auf Dauer gelöst wird (und das wird mit Sicherheit nicht sehr schnell eintreten), müsste genauer geregelt werden, wie vorgegangen wird, wenn plötzlich ein Bär im Hof, auf der Straße oder in der Stadt auftaucht. Denn der Bär bleibt ein Raubtier, dessen Reaktionen unberechenbar sein können. Olteanu weiß, dass seine Mitarbeiter immer die ersten sind, von denen erwartet wird, schnell und sicher einzugreifen. Bei solchen Eingriffen geht es aber bürokratisch zu, wobei auch nicht klar geregelt ist, wer was zu tun hat. Für Kronstadt, aber auch für andere Orte, wo frei herumlaufende Bären sich zu stark den Menschen nähern, ist es notwendig, entsprechend ausgestattete und ausgebildete Fachkräfte zur Verfügung zu haben. Denn zur Zeit, wenn es über den Notruf 112 heißt „Der Bär ist da!“, wird noch viel zu viel improvisiert.

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