Zu wenig dringen die Stimmen der Jugendlichen durch

„Say It Now!“ – Sozialprojekt, Theaterstück, Debatte u. v. a. m.

Samstag, 07. November 2015

Die Premiere von „Say It Now!“ Die Aufführung stellt den Höhepunkt eines Projektes dar, das in diesem Frühjahr begonnen und durch ein EEA-Stipendium gefördert wurde: Außerdem sollen dazu ein Buch verfasst und ein Dokumentarfilm realisiert werden.
Foto: Adian Pâclişan / TNTm

In Japan gibt es Hikikomori, Menschen, die sich freiwillig in ihrer Wohnung oder ihrem Zimmer einschließen und den Kontakt zur Gesellschaft auf ein Minimum reduzieren. Viele sind junge Männer, zwischen 20 und 30 Jahren alt. Sie scheitern an einem Bildungssystem und an einer Gesellschaft, die ihre Erwartungen zu hoch stecken, an der Unfähigkeit, mit den Eltern, Freunden und Lehrern zu kommunizieren, sich mitzuteilen. Der Begriff ist japanisch, das Phänomen tritt aber weltweit auf, auch wenn nicht auf diese ganz krasse Weise, aber doch pathologisch. Es fängt mit der Absenz der Kommunikation zwischen Jugendlichen und Eltern, zwischen Jugendlichen und Lehrern an und kann – im Ernstfall – zu einer ähnlichen Form des Austretens aus der Gesellschaft wie bei den Hikikomori führen. Für das Nationaltheater Temeswar war die fehlende Kommunikation zwischen den Generationen und das Fehlen der Stimme der Jugendlichen im Chor der Gesellschaft der Ausgangspunkt für ein einzigartiges Projekt, das das Theater in Zusammenarbeit mit der Kompanie „B. Valiente“ aus Oslo durchgeführt hat.

Die Geschichten und Erfahrungen von Lyzeumsschülern waren der Ausgangspunkt für die jüngste Premiere am Nationaltheater Temeswar: „Say It Now!“ („Sag es jetzt!“) ist aufrüttelnd, eine Aufführung, die den Besucher auch nach dem Fall des Vorhangs nicht loslässt und Fragen aufwirft, die nach Antworten schreien. Schüler von vier Lyzeen in Temeswar hatten im April an einem Workshop teilgenommen, der unter der Leitung des norwegischen Regisseurs Marcelino Martin Valiente stattgefunden hat. Durch Spiele wurden die Jugendlichen angeregt, ihre Biografien zu analysieren und daraus die geheimsten Probleme zum Vorschein zu bringen. Diese wurden in das Stück eingearbeitet, das im Anschluss an den Workshop von Mihaela Michailov und Marcelino Martin Valiente geschrieben wurde. Zu den hier aufgeworfenen Themen gehören die Beziehungen Mutter – Sohn, Mutter – Gesellschaft, Ehefrau – Ehemann.
Warum aber war es wichtig für das Nationaltheater Temeswar, dieses Projekt zu verwirklichen? „Das Theater hat sich gewünscht, ein soziales Thema auszuwählen, etwas zu sagen, nicht etwa auf jemanden mit dem Finger zu zeigen, sondern Fragen zu stellen. Der Besucher bleibt aktiv, im Saal und danach, er muss einfach über die Fragen nachdenken. Wir versuchen durch diese Art der Kommunikation, etwas zu verändern. Als Theaterleute gehen wir davon aus, dass jedes Individuum durch diese Kommunikation mit Hilfe des Theaters geläutert werden kann, verändert werden kann. Das Theater sagt, welches die Situation der Seele dir gegenüber ist“, so die Intendantin des Nationaltheaters, Maria-Adriana Hausvater.

Der trockene Befehl „Geh auf dein Zimmer!“ (Aber tu nichts! Beweg dich nicht!), den Eltern manchmal zu oft und zu gern auf autoritäre Weise einfach von sich geben, kann zum Bau einer Mauer führen, die den Jugendlichen von seiner Familie und in den schlimmsten Fällen von der Gesellschaft abkapselt. „Die Jugendlichen, die an der Werkstatt teilgenommen haben, waren sehr enthusiastisch, engagiert“, bemerkte Regisseur Marcelino Martin Valiente. Auch der Schauspieler Flavius Retea, der im Stück die Rolle des Jugendlichen Sami übernimmt, der um sich die Mauer baut, einen imaginären Raum erschafft, wo er der Stärkste ist, hat an dem Workshop teilgenommen: „Es war ein Prozess, kein ‘say it now’! Aber die Jugendlichen haben sich dann schließlich uns gegenüber geöffnet“. Dabei ist eine Aufführung zustande gekommen, die das Publikum nicht gleichgültig, reaktionslos lassen kann. Andrei Popov, Journalist bei „Radio România Internaţional“ und Moderator der Diskussionsrunde nach der Premiere stattgefunden hat, stellte den Begriff des „Systems“ zur Debatte, der in den Medien sehr häufig vorkommt und dem immer wieder die Schuld zugeschoben wird. Was ist das System? Wer ist dafür verantwortlich? Kann es geändert werden und wer käme dafür in Frage? Denn Sami ist eben ein Opfer des Systems, worunter man sowohl das Bildungssystem als auch die Gesellschaft als solche verstehen muss. Deshalb ist „Say It Now!“ nicht nur eine Vorstellung für Jugendliche, sondern auch gleichermaßen für Erwachsene, für Eltern und Lehrer.

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